Kappeln : Tafel verhängt Aufnahmestopp

Keine neuen Berechtigungskarten mehr: Anja Hlavsa und Burkhard Rautenberg von der Tafel.
Keine neuen Berechtigungskarten mehr: Anja Hlavsa und Burkhard Rautenberg von der Tafel.

Die Tafel meldet eine Rekordzahl an Haushalten, die sie mit Lebensmitteln versorgt. Ein Grund: die Zunahme an Flüchtlingen.

shz.de von
16. Mai 2015, 15:30 Uhr

Der Flüchtlingsstrom ist nun auch bei der Kappelner Tafel angekommen. Angesichts der Zahl der Einkaufsberechtigten platzt die Einrichtung inzwischen aus allen Nähten. „Das sprengt alle Dimensionen“, sagt Anja Hlavsa zur Kundenzahl. Die Schriftführerin des Vereins verweist auf die begrenzten Gegebenheiten wie die Zahl der Arbeitskräfte oder die Menge der Lebensmittel. Und schließlich: „Wir können den Raum im Begegnungszentrum nicht größer machen.“ Auch die Lagermöglichkeiten seien begrenzt. Dort, im Bez, versorgte die Tafel im Oktober 2013 noch 128 Haushalte. Ein Jahr später waren es bereits 161. Ein Plus von 33 Haushalten. Ein halbes Jahr später ist die Zahl der Familien nun nochmals um 45 auf jetzt 206 gestiegen – Rekord. Der Verein hat jetzt die Konsequenzen gezogen und bis auf Weiteres einen Aufnahmestopp für neue Bedürftige verhängt. Von den nunmehr 206 Haushalten der Tafel machen rund ein Viertel die Flüchtlinge aus.

Und diese kommen aus anderen Kulturen. Der Bundesverband Deutsche Tafel hat daher mehrsprachige Flugblätter herausgegeben, in denen es einige Informationen über die Tafel gibt. Doch die Flüchtlinge haben auch andere Essgewohnheiten, mit denen die Mitarbeiter konfrontiert werden. So äßen Menschen aus dem arabischen Raum vorwiegend Geflügel, auch Fisch, aber nur ohne Sauce oder Mayonnaise. Und als Brot essen sie nur Weißbrot. „Da kann ich jetzt nicht sagen, nur die Flüchtlinge kriegen Weißbrot, denn alle essen lieber Weißbrot“, sagt Rautenberg. Dabei sei Schwarzbrot viel nahrhafter. „Da muss ein Umdenkungsprozess einsetzen, doch den können wir nicht auch noch leisten“, meint der Vorsitzende der Kappelner Tafel.

Hinzu kommt, dass das Misstrauen zwischen Einheimischen und Migranten wächst. Der Bundesverband Deutsche Tafel hat bereits Schlägereien mit rassistischem Hintergrund gemeldet. Auseinandersetzungen in welcher Form auch immer gibt es in Kappeln aber nicht. Doch Anja Hlavsa warnt: „Die Stimmung kann kippen.“ Denn auch hier ist eine Konkurrenzsituation zwischen Einheimischen und Migranten spürbar. Rautenberg sagt: „Da gibt es einen gewissen Neid wegen der Lotsen.“ Diese einheimischen Betreuer helfen den Migranten, sich besser im neuen Lebensumfeld zurecht zu finden. „Doch unsere Bedürftigen fühlen sich nun ziemlich allein gelassen und haben Angst, verstoßen zu werden“, sagt der Vereinschef. Einige langjährigen Kunden würden schon wegbleiben. In dieser Situation könnten Sozialneid und Rassismus entstehen. „Die Toleranz der Menschen wird auf eine Geduldsprobe gestellt“, so Rautenberg.

Erst vor Kurzem tauchten fünf Fahrzeuge aus Schwansen vor dem Begegnungszentrum auf. Aus den Autos stiegen ein Lotse und 25 Flüchtlinge. „Und hier bekommt ihr Essen“, soll der Lotse gesagt haben. Doch da die Kapazitäten nicht reichen, hat Rautenberg den Großteil der Menschen zurückgeschickt. „Derzeit können wir nicht mehr aufnehmen, unabhängig davon ob es Flüchtlinge sind oder nicht“, sagt er. Und: „Wir sind für alle Bedürftigen da.“

Eben weil die Nachfrage das Angebot bei Weitem übersteigt, hat der Verein auch schon über zusätzliche Öffnungstage nachgedacht. Doch das scheitert vorerst an mehreren Faktoren. Bei den Lebensmitteln musste die Tafel Einbußen hinnehmen, weil der Edeka-Markt in Süderbrarup, der vorher Kappeln belieferte, nun seine Lebensmittel an die neue Söruper Tafel abgibt. Dazu hat der Markant-Markt in Gelting, zuvor auch ein Lieferant der Kappelner, seinen Betrieb eingestellt. Des Weiteren hat die Einrichtung immer noch nicht genügend Dauerspender, um jährliche Fixkosten wie Strom, Versicherung, Sprit oder Kfz-Steuer zu decken. „Wir leben ins Jahr hinein“, so Rautenberg.

Auch das Personal ist begrenzt. Nicht einmal 30 Mitglieder hat der Verein. Doch zu den Aufgaben der Tafel gehören neben dem Lebensmittelverkauf auch das Abholen und Sortieren der Waren sowie die Hauslieferungen für gesundheitlich beeinträchtigte Kunden. Zudem haben es die ehrenamtlichen Helfer nun mit längeren Arbeitszeiten und speziellen Anforderungen wie Sprachbarrieren oder Achtung kultureller Besonderheiten zu tun. „Damit haben wir nie gerechnet. Das sind ganz andere Herausforderungen, die jetzt auf uns zu kommen“, sagt der Vorsitzende. Doch laut Rautenberg ist dies erst der Anfang des Flüchtlingsstroms. „Da wird noch einiges auf uns zu kommen. Wir müssen uns überlegen, wie wir das künftig handhaben.“

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