Orgelweihe : St. Nikolai hat seine Stimme wieder

Im Angesicht der neuen Reinalt-Klein-Orgel feierten gut 500 Menschen die Weihe des Instruments.
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Im Angesicht der neuen Reinalt-Klein-Orgel feierten gut 500 Menschen die Weihe des Instruments.

500 Menschen feierten den Pfingstgottesdienst anlässlich der Weihe der neuen Orgel für St. Nikolai. Thies Kölln wurde mit dem Ansgar-Kreuz ausgezeichnet.

shz.de von
10. Juni 2014, 07:30 Uhr

Aus verlässlicher Quelle war zu hören, dass tatsächlich Tränen geflossen sind. In außergewöhnlichen Momenten kann das schon mal passieren, und wenn etwas außergewöhnlich war, dann dieser Augenblick am Nachmittag des Pfingstsonnabend um 20 nach drei in St. Nikolai. Zwei Minuten zuvor hatte Organist Thomas Euler den Weg zur Orgelempore angetreten. Und dann spielte er. Mehr als drei Jahre nachdem das Instrument der Nikolaikirche zum letzten Mal vollständig erklungen war. Es war der Moment, in dem die Kappelner ihre Orgel zurück erhalten haben.

Knapp 500 Menschen wollten dabei sein, als die neue Orgel geweiht wurde. Und neben den Tränen der Rührung und Dankbarkeit gab es viele, die mit einem leicht verklärten Lächeln und Blick nach oben das erste Orgelspiel genossen. Dabei hatte der Festgottesdienst denkbar leise begonnen. Landesbischof, Propst, Pastoren und Kirchengemeinderat zogen allesamt ohne Musik in die Kirche ein, Thomas Euler ließ die beiden ersten Lieder a cappella singen. Erst als Gerhard Ulrich, Landesbischof der Nordkirche, das Instrument feierlich geweiht hatte, griff Euler in die Tasten. Um 20 nach drei. Danach war es erstmal Zeit für das Wort – und das ist nur eine der schönen Eigenheiten der neuen Orgel: Sie verweist buchstäblich darauf, allein durch die Anordnung ihrer Prospektpfeifen.

In seiner Predigt sprach Gerhard Ulrich vom Pfingstwunder, davon, dass es den Jüngern nach dem Tode Christi die Stimme verschlagen hatte und sie nun auf etwas Großes warteten. Ganz ähnlich wie die Kappelner, die lange auf ihre Orgel warten mussten. „Jetzt haben Sie eine wichtige Stimme wiedergewonnen“, sagte der Landesbischof. „Die Stimme der Musik, denn Musik ist der Atem des Glaubens.“ Ulrich erinnerte daran, wie sehr Thies Kölln als Vorsitzender des Orgelbauvereins und Thomas Euler für einen Neubau gekämpft hatten. Dabei sei es ihnen nicht nur um eine Orgel für St. Nikolai gegangen, sondern vielmehr für die Stadt und eine ganze Region. „Es war mehr als ein Bauvorhaben“, sagte Ulrich. „Es war ein Stück Gemeindeaufbau.“ Dem Orgelbaumeister Reinalt Klein sei es gelungen, „auf engstem Raum ein riesiges Orchester“ zu installieren. Und in Richtung des Lübeckers sagte der Landesbischof: „Sie haben ein wunderbares Werk geschaffen. Hier in St. Nikolai steht nun ein Stück Ihrer Seele.“ Der Klang der neuen Orgel werde aufrichten, trösten und Freude hinaustragen. Und so vielfältig wie die Orgelpfeifen sei auch der christliche Glaube. „Vielfalt ist keine Schwäche, die man überwinden muss“, sagte Ulrich, „sondern eine Stärke des Glaubens“. In St. Nikolai manifestiert sich diese in der Reinalt-Klein-Orgel eben besonders anschaulich.

Und dann gab es da noch jemanden, der für Vielfalt steht und das vielleicht sogar wie kein Zweiter. Was geschehen würde, ahnte Thies Kölln nicht, als ihn Pastor Dr. Karsten Petersen in den Altarraum bat. Petersen sprach davon, dass die Worte „nicht machbar“ im Kölln’schen Universum nicht existierten. Er sprach davon, dass kein Dank in irgendeinem angemessenen Verhältnis zum Engagement Thies Köllns’ rund um den Entstehungsprozess der neuen Orgel stehe. Und er sagte: „Ohne dich hätte es diese Orgel nicht gegeben.“ Danach stellte der Landesbischof Köllns „unermüdlichen Einsatz und unerschöpfliche Fantasie“ heraus, mit der er Herzen und – nicht ganz unwichtig bei einem 600 000 Euro teuren Projekt – Konten geöffnet habe. Dabei habe ihn vor allem sein Glaube angetrieben. „Und deshalb steht in St. Nikolai nicht nur eine Reinalt-Klein-Orgel, sondern auch eine Thies-Kölln-Orgel“, sagte Ulrich. Aus den Händen des Landesbischofs erhielt der Mennonit Thies Kölln danach das Ansgar-Kreuz der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, die damit Gemeindemitglieder für deren „beispielhaftes Eintreten für einen tätigen christlichen Glauben in der Öffentlichkeit“ auszeichnet. Die Gemeinde erhob sich für den Geehrten, um ihm zu applaudieren. Und Ulrich erkannte darin auch „ein herausragendes Zeichen der Ökumene“. Kölln betonte im Anschluss, die Auszeichnung stellvertretend für alle seine Unterstützer entgegen genommen zu haben, denn: „Es funktioniert nicht, wenn man keinen hat, der mitmacht.“ Ihm sei es darum gegangen, die Kirche als einen Raum der Begegnung zu öffnen, dazu anzuregen, das Wort zu suchen und ganz nebenbei Menschen zu einem besonderen Erlebnis zu verhelfen. Nach dem Festgottesdienst konnte das wohl als äußerst geglückt gelten.

Beifall gab es auch für Thomas Euler, dem Karsten Petersen für sein großes Durchhaltevermögen dankte. Euler sagte hinterher: „Als wir vor zehn Jahren begonnen haben, uns Gedanken über eine neue Orgel zu machen, hätte ich nie gedacht, dass so etwas dabei herauskommt. Jetzt macht auch das Üben wieder Spaß.“ Euler selber dankte im Anschluss Orgelbauer Reinalt Klein samt Team, dafür dass er eben keine Orgel von der Stange gebaut habe, stattdessen etwas geleistet habe, das weit über das Handwerkliche hinausgehe. Und so empfing auch Klein seinen ehrlich-anerkennenden Applaus. Er hatte den Gottesdienst nach einer letzten Nachtschicht am Instrument in der zweiten Reihe verfolgt und sagte danach ein kleines bisschen erschöpft: „Es klang genauso, wie ich es haben wollte – rund und kraftvoll.“ Bürgervorsteherin Dagmar Ungethüm-Ancker fand ein anderes Wort dafür: „Herzergreifend.“ Nichts anderes war es. Das ganz eigene Kappelner Pfingstwunder.

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