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Radar-Strahlung : Späte Gerechtigkeit für Bundeswehr-Opfer

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

21 Jahre lang hat der Strahlen-Geschädigte Hans-Jürgen Runge für die Anerkennung seiner Erkrankung gegen die Bundeswehr gekämpft.

Als Sieger fühlt er sich nicht. Dafür ist Hans-Jürgen Runge zu krank, dafür hat sein Kampf zu lange gedauert. Vor 21 Jahren zog er vor Gericht, um für die Anerkennung seiner gesundheitlichen Leiden als Dienstunfall zu streiten. Erst jetzt ist die juristische Auseinandersetzung beendet. Runge gehört zu jenen Soldaten und Zivilbeschäftigten der Bundeswehr, die bis in die neunziger Jahre durch den Einsatz an Radaranlagen und anderen hoch belasteten Arbeitsplätzen schweren Schaden nahmen – Krebs, Nervenschäden, Missbildungen bei den Kindern. Viele sind inzwischen gestorben, viele wurden als wehrdienstbeschädigt anerkannt. Viele aber warten bis heute auf eine Entschädigung durch das Land, dem sie treu gedient und für das sie ihre Gesundheit geopfert haben.

Als Radarmechaniker hatte sich Runge in seiner Einheit einen tadellosen Ruf erworben. Er arbeitete von 1970 bis Anfang der Neunziger unter anderem an den Radargeräten von Starfighter und Tornado und galt als ausgewiesener und gern konsultierter Fachmann für die Flugzeugelektronik. Bereits seit 1973 aber hatte Runge mit unterschiedlichen Symptomen zu kämpfen, wie in Gutachten mehrfach bewiesen, ausgelöst durch starke Hochfrequenz- und Röntgenstrahlung, der er ausgesetzt war. Wie sich später herausstellte, wusste die Bundeswehr von den Belastungen schon seit 1957, die Betroffenen wussten es nicht. 1993 ging es nicht mehr – Nervenschäden zwangen Runge in den vorzeitigen Ruhestand, Diagnose: elektromagnetische Hypersensibilität.

Bis heute bedeutet das für ihn, dass jede Aktivität mit erheblichen Problemen einhergeht. Elektrogeräte kann er nicht in die Hand nehmen. Ein 30-minütiger Spaziergang ist das Maximum, was er seinem Körper zumuten kann, ohne mit Kopfschmerzen und stundenlangen Unruhezuständen bestraft zu werden. Jedes Gespräch ist für ihn eine Herausforderung. An gesellige Treffen ist nicht zu denken. Schmerz- und Beruhigungsmittel sind Runges ständige Begleiter. „Ich bin es längst gewöhnt, mit angezogener Handbremse zu leben“, sagt er. „Jede Emotion schadet meiner Gesundheit nur.“

Seinem Dienstherren war das zwei Jahrzehnte lang gleichgültig. Sein Antrag auf Anerkennung der Verstrahlung als Dienstunfall aus dem Juni 1993 lehnte die Bundeswehr im Oktober 1994 ab und zwang ihn fortan durch alle juristischen Instanzen. Am 19. März 2001 war der Fall eigentlich entschieden. Das Radar-Urteil des Schleswiger Verwaltungsgerichtes eröffnete nicht nur ihm, sondern auch zahlreichen anderen erkrankten ehemaligen Technikern der Bundeswehr die Chance auf Entschädigung und Anerkennung ihrer Erkrankung als Dienstunfall. Erstmals hatten die Schleswiger Richter klargestellt, dass nicht die Geschädigten belegen müssen, dass sie durch die während ihrer Tätigkeit unzulässig hohen Strahlendosen erkrankten, sondern die Bundeswehr nachweisen müsse, dass es nicht so war.

Runge sei „in unzulässig hoher Weise sowohl ionisierenden Strahlen als auch Hochfrequenzstrahlung ausgesetzt“ gewesen, heißt es in der Urteilsbegründung. Aufgrund seiner Tätigkeiten sei der Kläger erkrankt. Diese Erkrankung habe zur Dienstunfähigkeit geführt. Es obliege der Bundeswehr nachzuweisen, dass der Kläger auch ohne die Strahleneinwirkung erkrankt wäre. Und das sei nicht gelungen.

Bereits zuvor hatte unsere Zeitung über den Fall Runge und über weitere Radaropfer berichtet. Nach dem Urteil nahm der öffentliche Druck auf die Bundeswehr noch zu. Eine vom damaligen Verteidigungsminister Rudolf Scharping eingesetzte Bundeswehr-Kommission zur Untersuchung von möglichen Gesundheitsgefahren durch Uranmunition, Radarstrahlung und Asbest setzte sich schließlich „für eine großherzige Lösung“ für die Radaropfer ein, deren Zahl unaufhörlich stieg. Denn es kamen erkrankte ehemalige Soldaten der Nationalen Volksarmee (NVA) hinzu.

Scharpings großherzige Lösung sollte zudem streitlos erfolgen – was im Fall Runge keineswegs umgesetzt wurde. Nach dem Radarurteil 2001 ging der Bund in Revision, denn die Beweislastumkehr zugunsten der Opfer wäre ein Präzedenzfall auch für andere Geschädigte gewesen. Wenn im weiteren Fortgang des Verfahrens keine Revision mehr zugelassen wurde, legte der Bund einfach Beschwerde ein und forderte weitere Gutachten. So ging es Jahr für Jahr, bis das Bundesverwaltungsgericht das Verfahren nach einer Beschwerde im April 2011 an das Oberverwaltungsgericht in Schleswig zurückverwies, dieses im September 2012 erneut zugunsten Runges entschied, eine Revision erneut untersagte, der Bund erneut Beschwerde einlegte und diese vor wenigen Tagen vom Bundesverwaltungsgericht endgültig abgewiesen wurde – nach 21 Jahren.

Ohne seine Frau Gesche (71) hätte er all das nicht durchgestanden, sagt der 73-Jährige. „Die Liebe und das Vertrauen sind so groß, dass wir es gemeinsam geschafft haben, diese Zeit durchzustehen.“ „Langsam“, sagt Runge, „begreifen wir beide, was geschehen ist.“ Sie empfinden es nicht als Sieg. „Nein“, sagt er, „es ist vielmehr das Gefühl, eine schwere Last losgeworden zu sein“. Er denkt dabei auch an die vielen ehemaligen Soldaten, denen es noch immer ähnlich geht wie ihm.

 


4400 Anträge von Betroffenen, bis heute 811 anerkannt


Nach Angaben des Bundes zur Unterstützung Radargeschädigter (BzUR) wurden von 4400 Anträgen bis heute 811 anerkannt – auf Basis einer Empfehlung der Radarkommission, die 2002 vom Verteidigungsministerium eingesetzt wurde, um den Skandal aufzuklären. Mindestens 1200 Anträge seien abgelehnt worden – wegen „fehlender qualifizierter Erkrankung“, das heißt, weil die Soldaten nicht an Krebs erkrankt waren. Denn nur für diese Erkrankung hatte die Kommission Empfehlungen ausgesprochen. Allerdings wurde eine weitere Kommission angeregt, um auch andere Strahlen-Erkrankungen zu beleuchten. Umgesetzt wurde dies nicht. Erst 2011 wurde diese Empfehlung vom Bundestag noch einmal bekräftigt.

Kürzlich nun, so berichtet BzUR-Vorsitzender Dietmar Glaner aus Berlin, habe Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen zugesagt, eine Expertenkommission zu Nichtkrebserkrankungen einzurichten. Glaner: „Die Politik will schon viel bewegen, aber bisher hat der Verwaltungsapparat immer gebremst.“ Radaropfer Hans-Jürgen Runge kann davon ein Lied singen.

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erstellt am 15.Mai.2014 | 07:30 Uhr

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