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Kappeln : Sensationeller Fund auf dem Dachboden

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Im Rathaus taucht eine verschollene Stadtansicht aus dem 18. Jahrhundert auf.

Das Suchen und Finden von kleinen, versteckten Geschenken ist eines der zentralen Geschehnisse zu Ostern. Nun ist das, was auf dem Dachboden des Kappelner Rathauses aufgetaucht ist, zwar nicht besonders klein. Aber versteckt war es auf jeden Fall, eigentlich sogar verschollen und das seit ziemlich genau 60 Jahren. Bei diesem besonderen Osterei handelt es sich um ein Gemälde, dessen Entstehung die Experten auf die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts datieren. Sein Motiv ist eine Kappelner Stadtansicht – die vermutlich älteste und bislang unveröffentlichte.

Seit Jahresbeginn erarbeitet Kunsthistorikerin Dr. Christina Kohla ein Grundlagenkonzept für ein mögliches neues Stadtmuseum und stießt im Rahmen ihrer Recherchen auf das Gemälde, das bislang lediglich an drei Stellen schriftlich erwähnt worden war. Es war ein Geschenk an die Stadt, das ihr der Arzt und Heimatkundler Dr. Gustav Spliedt (1877-1955) nach seinem Tod vermachte. Einzig: Ausgestellt wurde das Bild nie. Vielmehr verstaubte es ungesehen an den drei verschiedenen Rathaus-Standorten, bis es zuletzt auf dem Dachboden des jetzigen Rathauses landete. Dort entdeckte es schließlich Hausmeister Michael Balog – allerdings in einem beklagenswerten Zustand. Schmutzig, löchrig, angegriffener Rahmen, die Leinwand ohne weiteren Halt dazwischengespannt. Mithilfe der Fielmann AG und deren Museumsbeauftragten Jürgen Ostwald soll das Werk seinen alten Glanz zurück erhalten und aufwändig restauriert werden. Und wenn das geschehen ist, könnte es im Idealfall das zentrale Ausstellungsstück eines neuen stadtgeschichtlichen Museums werden.

In den vergangenen Tagen haben sich Ostwald und Kohla gemeinsam mit Stadtarchivar Hans-Peter Wengel bereits eingehend mit dem Gemälde beschäftigt. Und Ostwald schickt eins vorweg: „Die Qualität lässt eher auf einen Laienmaler schließen.“ Es ist ein Ölbild, Ostwald nennt den Malstil naiv, eine Signatur hat er noch nicht entdeckt. Gleichwohl tut ein namenloser Künstler der Bedeutung des Werkes keinen Abbruch, die stadthistorische Aussagekraft bleibt davon unberührt. Ostwald geht sogar so weit zu sagen: „Für die Kappelner Stadtgeschichte ist es das wichtigste Gemälde überhaupt, eine echte Trouvaille. Es gibt kein vergleichbares Stück in der schleswig-holsteinischen Kunstgeschichte.“ Auch nicht, was Städte ähnlicher Größenordnung betrifft.

Beim Standort des Malers haben sich die Experten auf Gut Loitmark festgelegt. Diese Annahme erlaubt die Anlegestelle der Fähre, die in der rechten unteren Bildecke zu erkennen ist. Hans-Peter Wengel weiß: „Die Fährgerechtigkeit lag damals bei Loitmark.“ Auch dass die Experten das Entstehungsdatum des Bildes auf das ausklingende 18. Jahrhundert festlegen, hat mehrere Gründe. So ist beispielsweise ein Großteil der Hausdächer rot eingefärbt, was für ziegelgedeckte Dächer spricht. Christina Kohla erklärt: „Ziegeldächer gehen auf einen königlichen Erlass von 1725 zurück.“ Zu erkennen sind außerdem ein Vorgängerbau der Mühle, daneben die Schießstange der Kappelner Männergilde und zwei Heringszäune. Ins Auge springt auch der üppig ausgestattete Hafen mit etlichen Lastenschiffen, die für blühenden Handel sprechen. Vereinzelt sind zudem Straßenzüge auszumachen, deren Verlauf dem heutigen gleicht. Stadtentwicklung, Schifffahrt, Handel, Architektur – eine Momentaufnahme in Öl, die verschiedene Aspekte gleichzeitig widerspiegelt. Christina Kohla sagt dazu: „Es gibt keine bessere Art, Geschichte lebendig zu erzählen.“

Kohla, Ostwald und Wengel gehen davon aus, dass das Gemälde, bevor es in den Besitz von Gustav Spliedt überging, als sogenannte Supraporte, also über der Tür, in einem Herrenhaus auf Gut Loitmark hing. Sichtbare Zeichen dafür könnten die Befestigungslöcher im barocken Rahmen sein. Rahmen und Bild benötigen jetzt allerdings zunächst eine Frischzellenkur, die die Kieler Restaurierungswerkstatt Rosehr auf Kosten der Fielmann AG übernimmt. Jürgen Ostwald rechnet mit mehreren Tausend Euro und einigen Monaten Arbeit. Ein weiteres üppiges Ostergeschenk in den Augen des Bürgermeisters Heiko Traulsen. „Ich bin froh, dass wir mit der Fielmann AG und Herrn Ostwald jemanden gefunden haben, der uns so gut tut“, sagte Traulsen. Immerhin sei die Übernahme der Restaurierungskosten nach der Finanzierung des wissenschaftlichen Konzeptes für ein Museum jetzt schon die zweite große Aufgabe, die die Fielmann AG innerhalb kurzer Zeit übernehme.

Im Sommer könnte das überarbeitete Gemälde dann zunächst und nur als Zwischenlösung den Sitzungssaal des Rathauses schmücken. Denn irgendwann soll es dorthin, wo es seine Geschichte so vielen Menschen wie möglich erzählen kann: In ein Kappelner Stadtmuseum.

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erstellt am 04.Apr.2015 | 08:00 Uhr

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