Gastronomie in Kappeln : Schluss mit Bierdiplom und Speerrippe

Feierabend:  Frank Hansen räumt im November die „Bierakademie“ in der Poststraße.
Feierabend: Frank Hansen räumt im November die „Bierakademie“ in der Poststraße.

Die „Bierakademie“ ist ab 2. November geschlossen: Erika Michelsen und Frank Hansen räumen die Alt Kappeln Gastronomie.

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01. November 2020, 16:42 Uhr

Kappeln | Kein Bierdiplom und keine gegrillte Speerrippe mehr in der Poststraße 13: Eigentlich wollten Erika Michelsen und Frank Hansen ihre Alt Kappeln Gastronomie zum Jahresende schließen. Mit dem „Lockdown Light“ änderten sie ihre Pläne spontan und haben angefangen auszuräumen: Ab heute bleibt die „Bierakademie“ geschlossen.

Es wird Zeit, die Luft ist raus. Frank Hansen, "Bierakademie"
 

Die Stühle sind hochgestellt, es wird geschraubt und geräumt, Stück für Stück wird das Inventar aus dem alten Fachwerkhaus getragen. Mittendrin: Frank Hansen. Er blickt zurück auf knapp 40 Jahre – mit ein bisschen Wehmut, aber fest entschlossen. „Es wird Zeit, die Luft ist raus“, sagt er. Wirtschaftliche Gründe seien es nicht, stellt der Wirt klar, viele andere Faktoren, wie immer mehr Auflagen in der Gastronomie, die schwierige Personalsituation im Saisongeschäft und andere persönliche Gründe spielen da schon eher eine Rolle, berichtet der 61-Jährige.

Eröffnung im Mai 1983

1983 hatte Erika Michelsen (65), eigentlich als Lehrerin im Einsatz, den Schritt gewagt und sich den Wunsch nach einer eigenen Kneipe erfüllt. Die Bekanntschaft mit Margret und Uwe Lorenzen, Eigentümer des historischen Gebäudes in der Poststraße, habe damals den Ausschlag gegeben, sagt Frank Hansen. 1985 stieg er, frisch gebackener Diplom-Ingenieur der Energie- und Automatisierungstechnik, in die GmbH der Lebensgefährtin mit ein. Gemeinsam schmissen sie den Laden, beschäftigten je nach Saison mal mehr, mal weniger Mitarbeiter, halfen aus und standen am Tresen.

"Bierdiplom" wurde zum Renner

Die „Bierakademie“ machte sich schnell einen Namen. Immer mehr Gäste kamen um das "Bierdiplom" abzulegen. Zwölf frisch gezapfte 0,3-Liter-Gläser Bier – „sechs verschiedene Sorten, einmal rauf und einmal runter“ – mussten dafür getrunken werden. „Das war von Anfang an eine Riesen-Gaudi, besonders solange die Marine noch in Olpenitz ansässig war“, sagt Frank Hansen. Viele lustige Stunden habe man erlebt. Es wurden sogenannte „Deckfeste“ gefeiert, wenn die Kaffeekasse verjubelt wurde. „Einige haben hier auf dem Querbalken unter dem Dach gesessen und sich ihr Bier servieren lassen“, sagt der Wirt und lacht.

Nicht alle haben bestanden

Das Schild ist ab, hier gibt es in Zukunft keine weiteren „Seminare“.
Bierakademie
Das Schild ist ab, hier gibt es in Zukunft keine weiteren „Seminare“.
 

Das „Bierdiplom“ war bis zum letzten Tag beliebt – in Kappeln, bundesweit, international. Nicht alle haben es geschafft, etwa 70 Prozent, schätzt Hansen, aber einige haben es auch mehrmals gemacht. Oft habe es Schulabgänger gegeben, die, bevor sie in die Welt hinauszogen, ihre erste „akademische Prüfung“ machen wollten. „Man munkelt, die Auszeichnung habe dem einen oder anderen im weiteren beruflichen Werdegang geholfen.“

Speerrippe, weil Spare Ribs noch keiner kannte

Neben der großen Auswahl an Fassbieren konnte die Alt Kappeln-Gastronomie auch mit deftiger Hausmannskost punkten und war vor allem für ihre Spare Ribs bekannt. „Das hatten wir von Anfang an auf der Karte“, sagt Hansen, der die Idee aus den USA mitgebracht hatte. Aber die Gäste seien erst skeptisch gewesen. „Das kannte hier keiner. Wir haben es dann brachial-deutsch mit Speerrippe übersetzt und die Rezeptur verfeinert. Seitdem war es der Renner“, sagt er.

 Viel Spaß hatten Erika Michelsen und Frank Hansen in den mehr als 37 Jahren. Vor 15 Jahren aber begann seine Lebensgefährtin sich aus gesundheitlichen Gründen immer mehr zurückzuziehen. Vor zwei Jahren war der Gedanke aufzuhören, erstmals konkreter geworden. Nun ging es schnell. Die Schilder sind ab, bis Ende November muss alles raus sein. Von mehreren Seiten ist Bedauern zu hören. Denn ob Bier oder Rippe – für viele Kappelner war die „Bierakademie“ die Stammkneipe, für viele Urlaubsgäste ein fest eingeplantes Ausflugsziel.

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