zur Navigation springen

Zurück von der Walz : „Schluss jetzt – ich will nach Hause“

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Niels Nielsen, 26-jähriger Zimmermann aus Seeholz, kehrt nach vier Jahren auf der Walz zurück.

„Vier Jahre war er weg, auf den Tag genau.“ Burkhard Nielsen erinnert sich gut an den Tag, an dem sein Sohn Niels auf die Walz ging. Am 18. Oktober 2010 kletterte Niels, so will es die Tradition, über das Ortsschild von Seeholz – und war seitdem unterwegs. Allerdings: Weit kam er nicht am ersten Tag. Bis Loose soll es Niels damals geschafft haben. Schuld waren die, die ihn auf den Weg gebracht und standesgemäß abgefüllt hatten. In diesem Zustand erreichte er (gerade noch?) das Haus seiner Grundschullehrerin, wo er warm und sicher übernachten durfte.

Zusammen mit der Familie warten nun am vergangenen Sonnabend eine Menge Freunde auf die Rückkehr des 26-jährigen Zimmermanns. Sind es Anfangs noch geschätzte 40, 50 Leute, die auf der Straße bei Kaffee, Kuchen, einem Glas Bier und belegten Broten zusammenkommen und erwartungsvoll gen Holzdorf schauen, werden es im Laufe des Nachmittags immer mehr. So viele, dass die Autofahrer, die eigentlich dort hindurch müssen, schon in weiter Ferne wenden und den kleinen Umweg über die B 203 nehmen.

Burkhard Nielsen überlegt währenddessen: In Jugoslawien sei sein Sohn gewesen, in Rumänien, Bulgarien und Polen. Auch Skandinavien steht auf der Liste. Und er ist nicht nur dort gewesen, er hat dort auch gearbeitet, seinen Lebensunterhalt verdient und sehr viel gelernt. Burkhard Nielsen: „Er hat sich neue Stile, neu Techniken angeeignet.“

Der Vater ist stolz auf seinen Sohn, auch wenn er das nicht an die große Glocke hängt. „Der Kleine ist richtig groß geworden“, sagt Burkhard Nielsen. „Und seine soziale Ader ist riesig.“ Er berichtet von einem Radiointerview beim SWR2, das ein Journalist mit seinem Sohn führte. „Da merkte ich, wie er gereift ist“, erinnert sich der Vater. „Wenn er noch 10 Euro im Portemonnaie hat, wären 5 davon für ihn und 5 für einen Wanderbruder, der gerade vielleicht nichts mehr hat.“

Niels Nielsen, der in Bastorf/Rieseby bei Andreas Werner gelernt hat, brachte es zum Schluss auf einer großen Baustelle in Dümmer/Mecklenburg zum Bauleiter, wo er 50 Gesellen anleitete. Heute lässt der Wanderbursche auf sich warten. Dann geht ein Raunen durch die Menge: Er sei in der Nähe gesehen worden, zusammen mit all den Brüdern, die ihn nach Hause begleiten.

Sein Vater, innerlich aufgeregt, äußerlich gelassen, klärt über eine weitere Tradition auf: „Die kommen nicht auf dem direkten Weg. Garantiert nicht – das nennt man Spinnermarsch. Je näher sie der Heimat kommen und je eher sie zu sehen sind, desto mehr Schleifen laufen sie und desto länger zögern sie die Ankunft hinaus.“ Aber dann biegen sie doch um die Ecke: ein, zwei, drei – ganze 18 Gestalten in schwarzer und weißer Zunfttracht. Kaum in Sicht, verschwinden sie wieder im Straßengraben und hinterm Knick. Nach Minuten, die manch einem wie eine Ewigkeit vorgekommen sein mögen, nähern sie sich dann doch. In Schlangelinien. Bilden einen Kreis, singen ihre Lieder, trinken noch ein Bier zusammen, Niels Nielsen mit dem Rücken zu den Wartenden. Dann die erlösenden Worte: „Schluss jetzt, ich will nach Hause.“

Und er steigt über die Wanderstöcke seiner Begleiter wie über eine Leiter auf das heimische Ortsschild Seeholz/Holzdorf. Diese Hilfestellung hat er sich nun redlich verdient. Bleibt dort für einen Moment sitzen, nimmt einen guten Schluck aus der Pulle, lässt sich auf die Seeholzer Seite fallen, wird aufgefangen und noch ein-, zweimal in die Luft geworfen. Mit Tränen in den Augen aller Beteiligten wird er schließlich wieder willkommen geheißen.

Was erzählte Burkhard Nielsen zu Beginn: „Nach Nepal wollte er auch noch, aber da ist nicht draus geworden.“ Was nicht ist, kann ja noch werden.

zur Startseite

von
erstellt am 20.Okt.2014 | 12:30 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen