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Kappeln : Rollstuhlfahrer will mit seinen Handbike einen Weltrekord schaffen

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

1006 Kilometer will Boris Guentel zurücklegen, der Weltrekordversuch soll aber „keine One-Man-Show“ sein.

Kappeln | Der Countdown läuft – und zwar bis auf die Sekunde genau auf seiner Homepage: Boris Guentel ist in das Training eingestiegen und freut sich auf Pfingsten. Vom 2. bis zum 4. Juni will der 54-Jährige den Weltrekord brechen und mit seinem Handbike 1006 Kilometer fahren – in einer Zeit unter 42 Stunden. Der Rundkurs wird zwischen Ellenberg und Olpenitz verlaufen und 9,6 Kilometer lang sein. „Ich zähle jeden Tag“, sagt Guentel.

Seit vergangener Woche heißt es für Boris Guentel fast täglich: rauf auf die Freilaufrolle. Hier ist sein neues Liegebike eingespannt, und dann wird gekurbelt. 25 bis 30 Stunden, verteilt auf fünf Tage in der Woche. Morgens um 7.30 Uhr beginnt das Aufwärmen, die Muskeln und Knochen werden gelockert. Um 11.30 Uhr geht’s ans Eingemachte. 85 Prozent des Trainings wird liegend absolviert, der Rest ist Hanteltraining.

„Es geht in erster Linie um Ausdauer“, beschreibt Guentel, „und ein bisschen um Aufmerksamkeit“. Natürlich sei auch die Muskulatur im Rücken, Hals und Nacken wichtig, aber das ist nicht der Schwerpunkt. Zu viel Muskulatur sei eher hinderlich, sagt er. Draußen wird im Moment noch nicht trainiert. Es ist einfach noch zu kalt, und Guentel hat gerade eine Erkältung hinter sich. Wenn draußen zwölf bis 14 Grad herrschen, kann es an die Luft gehen. Und Guentel kann es kaum erwarten, unter realistischeren Bedingungen zu üben. „Ich brenne darauf, den Asphalt unter mir zu spüren“, sagt er.

An zwei Wochentagen ist körperliche Erholung angesagt. Zwei Monate vor der Challenge, die ja immerhin auch über zwei Nächte geht, kommt eine besondere Trainingseinheit dazu: Guentel muss beginnen, seinen Körper auf den Schlafentzug vorzubereiten. Folter? „Ja, nüchtern betrachtet hat das was von Folter“, gibt er zu und lacht.

Von Ellenberg über die Ostseestraße nach Olpenitz und zurück geht der 9,6 Kilometer lange Rundkurs.
Von Ellenberg über die Ostseestraße nach Olpenitz und zurück geht der 9,6 Kilometer lange Rundkurs.
 

So optimiert Guentel sein Liegebike

Aber nicht nur an seinem Körper arbeitet Guentel in Vorbereitung auf Pfingsten. Auch das Liegebike, das er sich extra für das Rennen gegen die Zeit im Februar 2016 zugelegt hat, ist seitdem noch optimiert worden. „Das war learning by doing“, sagt Guentel. Nach 200-Kilometer-Touren auf dem Rad habe er Druckstellen bekommen. Nun wurde der Radius der Rückenauflage verändert und die Polsterung um einen Zentimeter verstärkt. „Ein bisschen Komfort brauch’ ich schon“, erklärt er. Die Nackenauflage war nicht gefedert, jeden Kiesel konnte er beim Überfahren spüren – das ist verbessert worden. Ebenso wurde das Beleuchtungskonzept optimiert – die Rücklichter sind jetzt senorgesteuert – und die Schaltgeometrie geändert. Mit all diesen Änderungen ist da ein richtiges „Hightech-Sportgerät“ entstanden. Etwa 10.000 Euro stecken inzwischen drin. „Ein Kleinwagen steht da schon“, rechnet Guentel nach.

Das Hauptanliegen Guentels ist aber gar nicht, dass sich an dem Pfingstwochenende alles um ihn drehen soll. „Das soll keine One-Man-Show werden“, verspricht er. Zwar möchte er unbedingt den Weltrekord knacken, den bis jetzt noch der inzwischen verstorbene Österreicher Manfred Putz hält, vielmehr noch möchte er aber ein Stadtfest feiern, bei dem die Inklusion im Mittelpunkt stehen soll.

Seit einem unverschuldeten Unfall vor mehr als 20 Jahren kämpft Boris Guentel für seine Gesundheit, seit 2005 sitzt er im Rollstuhl. Er hat nie aufgegeben: Der frühere Hochleistungssportler wollte zeigen, dass Menschen mit Behinderungen trotz ihrer Einschränkungen in der Lage sind, starke Leistungen zu vollbringen. „Man muss es nur wollen“, ist er sicher. Im August 2015 fuhr er mit dem Handbike 301 Kilometer weit von seinem Wohnort Cloppenburg bis Kappeln – in die Stadt, die er seit seiner Stationierung in Olpenitz in den 80er-Jahren als „seine Heimat“ bezeichnet und deren Einwohner ihn nach der Tour mit großem Bahnhof empfingen.

„Sport verbindet. Mit dieser Aktion möchte ich zeigen, wie einfach gelebte Inklusion sein kann“, sagt Guentel. Auf der Ostseestraße wird für den Rundkurs, auf dem die Fahrt am 2. Juni um 20 Uhr beginnen wird, die Geschwindigkeit auf 50 km/h reduziert und es gilt ein Überholverbot. Auf dem angrenzenden Gelände der Firma Decom sind am Sonnabend, 3. Juni, Angebote für alle Interessierten aufgebaut. Von dort kann der Weltrekordversuch auch über Monitore verfolgt werden. Mindestens zwei Drohnen sollen dafür im Einsatz sein. Aber es gibt darüber hinaus viel zu sehen und auszuprobieren: einen Rollstuhl-Hindernisparcours für jedermann, eine Hüpfburg und Ponyreiten für die jüngeren Besucher. Ortsansässige Vereine und Verbände sind aufgerufen, mit eigenen Ideen teilzunehmen und sich vorzustellen. Der Rollstuhl-Rapper „Sittin’ Bull“ unterstützt die Challenge musikalisch.

Zahlreiche Radsportler aus dem gesamten Bundesgebiet haben sich bereits angemeldet, Guentel auf der Strecke zu begleiten. Positive Rückmeldungen aus Mecklenburg-Vorpommern, Nordrhein-Westfalen und Hessen liegen vor. „Die Zahl wird im dreistelligen Bereich liegen“, schätzt der Sportler. Die Vorbereitungen schreiten Tag für Tag voran. Drei Wünsche hat der Organisator für sein Vorhaben: Er möchte möglichst viele Kappelner Vereine, Verbände, Menschen aus Wirtschaft und Politik mit ins Boot holen. Darüber hinaus hofft Guentel auf gutes Wetter: „Es reicht ja schon, wenn es trocken und wenig Wind ist.“ Der letzte Wunsch ist ihm der wichtigste: Gesund bleiben. Nichts soll dazwischen kommen, was das Vorhaben erschweren oder gefährden könnte. Alle anderen Einladungen zu Radrennen hat er abgesagt. Der Fokus liegt ganz auf dem Weltrekord.

Und danach? Irgendwann hatte Guentel mal gesagt, dass das die letzte große sportliche Herausforderung ist, der er sich stellen möchte. Inzwischen rudert er schon wieder etwas zurück. „Bei mir kann man sich nie sicher sein. Ich bin immer für Überraschungen gut“, sagt er und lacht. „Ich würd’ gern einmal rund um Dänemark fahren“, verrät er. „Im Moment geht es nur um Pfingsten, aber danach kann ich mir durchaus noch etwas vorstellen.“

Wer Fragen hat, persönlich oder finanziell helfen möchte, kann Guentel anrufen unter Tel. 04471 701 05 50 (vormittags) oder schreibt eine Mail an beirat@bb-clp.de.

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erstellt am 11.Feb.2017 | 07:00 Uhr

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