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Kappelner Werkstätten : Praktikanten in Sprache und Beruf

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Die Kappelner Werkstätten bieten Zugewanderten die Möglichkeit, über mehrere Wochen Betriebsluft zu schnuppern.

shz.de von
erstellt am 28.Jun.2016 | 07:15 Uhr

Seit drei Wochen gehören Zemikial Tewelde und Muhammad Al Abdlaa zur Belegschaft der Kappelner Werkstätten. Sie stehen in Sicherheitsschuhen und im Blaumann an der Kreissäge, sie verbringen ihre Pause mit der Zigarette in der Hand auf dem Hof, Mitte des nächsten Monats werden sie mit ihren Kollegen das traditionelle Sommerfest feiern. Die beiden Männer waren vor gar nicht allzu langer Zeit in ganz anderen Ländern zu Hause – bis sie flüchten mussten. In den Werkstätten sind sie inzwischen, diesen Eindruck zumindest vermitteln sie, echter Bestandteil des Mitarbeiterstamms des Unternehmens. Gemeinsam mit acht weiteren Flüchtlingen absolvieren sie noch bis zum 8. Juli ein Praktikum. Und ihre Kollegen und Vorgesetzten, die ihnen eigentlich nur einen Einblick in die Arbeitswelt bieten wollen, kommen aus dem Schwärmen kaum noch heraus.

Die Chance, die solch ein Praktikum Zugezogenen eröffnen soll, geht zurück auf das Programm „Steps“ der bb Gesellschaft für Beruf und Bildung mbH. Es ist dazu gedacht, eine erste Orientierung zu bieten, kümmert sich um die Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse, hilft bei der Jobsuche und Unterlagenerstellung. Dabei spielt es erstmal nur eine untergeordnete Rolle, ob die potenziellen Praktikanten bereits über Deutschkenntnisse verfügen. Auch bei Zemikial Tewelde und Muhammad Al Abdlaa sind sie nur rudimentär vorhanden. Ralf Huwe, bei den Kappelner Werkstätten Koordinator für das Projekt, schreckt das nicht. „Sie kommen mit unseren Beschäftigten in Kontakt und lernen die Sprache in der Praxis“, sagt er.

Eingesetzt werden die Praktikanten in den Bereichen Elektro, Metallverarbeitung und Montage. Ursprünglich waren gerade mal vier Tage geplant, in denen die Flüchtlinge Betriebsluft schnuppern sollten. Henning Herges lächelt, als er davon berichtet. „Daraus wurden dann ganz schnell vier Wochen“, sagt der stellvertretende Werkstattleiter. Weshalb diese Entscheidung so ausfiel, erläutert Ralf Huwe so: „Die Jungs sind einfach unglaublich motiviert, stecken voll im Ablauf mit drin. Es macht so viel Spaß, das zu erleben.“ Und genau darum geht es: sich Alltagsstrukturen bewusst zu machen, Aufgaben anzunehmen, sich trauen, Deutsch zu sprechen. Stefan Lenz spinnt die Sache noch weiter. „Es sollte uns ein Anliegen sein, den Menschen die Chance zu geben, so schnell wie möglich für sich selbst sorgen zu können“, sagt der Werkstätten-Geschäftsführer. Ein Praktikum soll eben dafür der Einstieg sein. Dabei verhehlt Lenz nicht, dass es zu Beginn durchaus Unsicherheiten gegeben habe und zwar von beiden Seiten. Wie das eben häufig der Fall ist, wenn man sich einer fremden Situation gegenüber sieht. Ralf Huwe aber sagt im Rückblick: „Diese Unsicherheit ist sehr schnell großer Harmonie gewichen.“ Mittlerweile arbeiten Praktikanten und langjährige Mitarbeiter Hand in Hand, einzelne Praktikanten haben sich innerhalb kurzer Zeit sogar Station um Station hochgearbeitet.

Zemikial Tewelde und Muhammad Al Abdlaa fassen in der Metallverarbeitung mit an. Und während Al Abdlaa in Syrien bereits Maschinenführer war, stand Tewelde in Eritrea in der Backstube. Jetzt heben sie schwere Stahlbalken in den Sägeautomaten, stellen Programme ein, achten auf Arbeitssicherheit und passen eigenständig Abläufe an. Ihr Abteilungsleiter Jens Rohweder wirkt sichtlich beeindruckt. „Sie kriegen eine Unterweisung, danach arbeiten sie quasi selbstständig“, sagt er. „Beide sind sehr aufmerksam und gucken sich viel ab.“ Und ganz nebenbei sind sie auch häufig die ersten, die morgens erscheinen, und die letzten, die abends Feierabend machen. Keine große Überraschung also, dass Muhammad Al Abdlaa sagt: „Ich bin sehr gerne hier.“ Und Zemikial Tewelde ergänzt: „Es ist viel besser als in Eritrea.“

Gerne würden die Kappelner Werkstätten ihre Praktikanten über den 8. Juli hinaus beschäftigen. Auf der anderen Seite spielt Henning Herges bereits mit dem Gedanken, danach neuen Praktikanten die gleiche Chance einräumen zu wollen. Und Stefan Lenz findet: „Entscheidend ist doch, ihnen eine Perspektive bieten zu können. Wer gute Arbeit leistet, hat auch einen Anspruch auf Erfolg.“ Und der könnte unter anderem darin bestehen, dass die Werkstätten gerne potenziellen Arbeitgebern ihre Praktikanten vorstellen, Unternehmen beraten wollen. „Wir wissen, wie gut die Leute sind“, sagt Lenz und ahnt, dass eben dieser Umstand für andere schwerer zu beurteilen ist. „Und klar ist auch“, sagt der Werkstätten-Geschäftsführer, „wer arbeitswillig ist, der wird auch etwas Neues lernen können“.

 

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