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St. Nikolai in Kappeln : Platz nehmen auf den Reformatoren

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Die Kirchengemeinde richtet eine „stille Ecke“ in St. Nikolai ein.

Nicht versteckt, aber auch nicht so, dass er jedem Besucher sofort ins Auge fällt. Man muss schon den Weg durch die Reihen hindurch bis zum Altar gehen, ehe der besondere Raum im Kirchenraum von St. Nikolai ins Blickfeld rückt. „Stille Ecke“ nennt Cornelia Ulrich das, was da im linken vorderen Bereich der Kirche entstanden ist. Ein Kreuz aus Ziegelsteinen, in der Mitte Sand, eine große brennende Kerze. Drum herum zehn Hocker aus Kartonage. Ein Ort, der es erlauben soll, in St. Nikolai ganz bewusst zur Ruhe zu kommen.

„Das Ganze geht zurück auf eine Bitte unserer Betreuer der Offenen Kirche“, sagt Cornelia Ulrich. Die Angestellte der Kirchengemeinde und Initiatorin des Projekts „Offene Kirche“, meint damit ihre Ehrenamtler, die die ganze Saison hindurch dafür sorgen, dass Menschen nicht vor verschlossener Kirchentür stehen. „Sie haben sich solch eine stille Zone gewünscht.“ Ursprünglich sollte das Kerzenschiff dazu dienen, ein hölzernes Schiff, auf dem jeder ein brennendes Teelicht hinterlassen kann. Aber: „Die Konstruktion ist einfach zu hoch, als dass man da ruhig davor sitzen könnte“, sagt Ulrich. Zudem würden immer wieder Besucher – wenn auch ohne bösen Hintergedanken – drum herum laufen. „Richtig besinnlich wird es da einfach nicht“, sagt Ulrich.

Nach einer Fortbildung zum Thema Kirchraumgestaltung wurde aus dem Wunsch nach mehr Ruhe schließlich Wirklichkeit. Cornelia Ulrich lächelt, als sie sagt: „Danach fühlte ich mich neu motiviert, die Sache in Angriff zu nehmen.“ Dass sich in St. Nikolai jedoch keine richtige Nische findet, in der sich eine stille Ecke leicht einrichten ließe, bremste sie nicht aus. Gemeinsam mit Pastorin Gönna Hartmann-Petersen und Maren Kötting vom Gemeindeausschuss erarbeitete sich Ulrich das Machbare und die Art und Weise der Gestaltung.

Herausgekommen ist nun also ein Kreuz, das aus roten Ziegelsteinen mitten auf dem Boden liegt, die Mitte aufgefüllt mit Sand. Zu der großen Kerze können Besucher kleine dazustellen. Und sie können Platz nehmen auf einem der – wie Ulrich sagt – „Kirchentagserprobten Sitzhocker“. Diese Hocker zeigen die vier Reformatoren Martin Luther, Johannes Calvin, Philipp Melanchthon und Ulrich Zwingli – passend für das laufende Luther-Jahr, aber sie sollen darüber hinaus erhalten bleiben.

Wer sich dort setzen möchte, kann dies mit dem Rücken zum Gemeinderaum – dann hat er den Gudewerdt-Altar im Blick und blendet den vielleicht etwas trubeligen Teil der Kirche einfach aus. Oder er dreht sich seinen Hocker zum Gemeinderaum und richtet die Augen auf Altar und Orgel. Gönna Hartmann-Petersen findet: „Wenn man keine Nischen hat, dann baut man sich eben eine.“ Und diese ist offenbar ganz individuell zu nutzen. Ausgestattet ist die stille Ecke zudem mit einem Gebetsbuch, in das Besucher ihre Gedanken niederschreiben können, außerdem kleine Andachtshefte, die Losungen des Jahres, eben Dinge, die dazu beitragen sollen, einmal eine kurze Alltagspause einzulegen.

Denn auch wenn diese „stille Ecke“ ursprünglich auf die Ehrenamtler der Offenen Kirche zurückgeht, steht sie jedem Besucher von St. Nikolai offen. Cornelia Ulrich findet: „Bei aller touristischer Bedeutung der Kirche bleibt es eben ein besinnlicher Ort. Der museale Aspekt ist wichtig, aber er ist nicht der einzige.“ Deshalb hält auch Maren Kötting die neue Errungenschaft für gelungen. „Der Wert der Kirche hat sich dadurch deutlich erhöht“, sagt sie. Und wird der Platz benötigt – etwa für besondere Gottesdienste oder Konzerte mit Chor und Orchester –, kann die „stille Ecke“ auch ganz still und ohne großen Aufwand weichen, um danach genauso unkompliziert wieder errichtet zu werden.

Fürs erste aber sind die vier Reformatoren auf ihren Papphockern für viele Menschen gewappnet. Cornelia Ulrich lacht, als sie Platz nimmt. „Man muss nicht zimperlich mit ihnen umgehen“, sagt sie. Nicht im Luther-Jahr. Und auch danach nicht.

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erstellt am 16.Mai.2017 | 07:00 Uhr

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