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Faulschlamm : „Nur Schilf kann die Schlei noch retten“

vom
Aus der Redaktion des Flensburger Tageblatts

Was ist mit der Schlei los? Landschaftsschützerin Jutta Wiedeman ist in großer Sorge um das ökologische Gleichgewicht des Gewässers.

shz.de von
erstellt am 24.Nov.2014 | 10:23 Uhr

Schleswig | Bis in die 90er Jahre hinein war sie ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Schlei aus dem ökologischen Gleichgewicht geraten war: die regelmäßig auftretende Algenblüte mit einer zähflüssigen grünen Schicht, die sich auf das Wasser legte. Die Agrarwissenschaftlerin Dr. Jutta Wiedemann kämpfte damals in der „Arbeitsgemeinschaft Landschaftsschutz“ für eine bessere Wasserqualität – und freute sich über Teilerfolge, zum Beispiel dank modernerer Kläranlagen. Jetzt meldet sich die inzwischen 77-Jährige wieder zu Wort, denn die Entwicklung der letzten Jahre macht ihr Sorgen, wie sie im Gespräch mit unserem Schleswiger Redaktionsmitglied Ove Jensen erklärt.

Frau Wiedemann, Svend Duggen, Meeresbiologe und Lehrer an der Schleswiger A.P.-Møller-Schule, sagte neulich, die Schlei sei „eigentlich eine Bakteriensuppe“. Sehen Sie das auch so?

Ja, die Berichte über die schlechte Wasserqualität häufen sich in letzter Zeit. Das Hauptproblem ist die Faulschlammschicht, die sich über Jahrzehnte auf dem Grund des Gewässers gebildet hat, weil zu viele Nährstoffe eingeleitet wurden. Die Situation schien sich zuletzt etwas verbessert zu haben. Ich nehme an, dass es mit dem Maisanbau in der Region zu tun hat, dass sich die Lage wieder verschärft.

Sehen Sie Möglichkeiten, etwas gegen den Faulschlamm in der Schlei zu unternehmen?

Ich weiß nur eine einzige Möglichkeit, die ist in den 1980er Jahren diskutiert worden. Damals hatte Professor Ripl von der Technischen Universität Berlin vorgeschlagen, gezielt nitrathaltige Klärwerksabläufe direkt auf die Faulschlammschicht aufzubringen. Dadurch sollte ein chemischer Abbauprozess entstehen und das Algenwachstum gebremst werden. Die Idee ist damals verworfen worden. Jetzt bleibt uns nur die Möglichkeit, mit Hilfe eines gesunden ausgedehnten Schilfbestandes die innere Schlei nicht zur Kloake werden zu lassen. Das ist die einzige Chance auf Rettung.

Was hat das Schilf mit dem Faulschlamm zu tun?

Es sorgt dafür, dass weniger Nährstoffe von den landwirtschaftlichen Flächen ins Gewässer gelangen. Die Schilfwurzeln filtern das vom Festland einströmende Wasser und entnehmen ihm Nährstoffe. Das ist eine erste biologische Reinigung des Wassers. Auf den Schilfhalmen existieren Mikrofilme aus Bakterien und Algen, die dem Wasser nochmals Nährstoffe entziehen und zahlreichen Kleintieren und damit auch vielen Tieren Lebensräume bieten. Zum Wachstum ist das Schilf auf sauerstoffreiches Wasser im Wurzelbereich angewiesen.

Aber am Grund der Schlei ist kaum Sauerstoff vorhanden – wegen des Faulschlamms.

Im Uferbereich, wo das Schilf wächst, ist die Sauerstoffversorgung trotzdem gewährleistet. Dafür sorgen die ständig wechselnden Wind- und Strömungsverhältnisse.

Warum wird das Schilf an der Schlei trotzdem weniger?

Da gibt es verschiedene Ursachen. Ich kann es nicht in allen Fällen erklären. Es begann schon vor Jahrzehnten, als überall in den Dörfern Segelhäfen gebaut wurden: in Fahrdorf, in Stexwig, in Fleckeby. Auch den Wiking-Yachthafen gab es früher ja nicht. Da wuchs überall Schilf! Die Möweninsel war von Schilf umgeben. Erinnern Sie sich daran noch?

Warum ist dort der Schilfgürtel verschwunden?

Vielleicht hat es mit veränderten Strömungsverhältnissen zu tun, aber vielleicht auch mit der veränderten Vogelwelt. Früher haben die Fischer dafür gesorgt, dass die Lachmöwen die Insel für sich haben. Heute dominieren die größeren Silbermöwen, und es kommen auch Gänse und fressen die jungen Schilftriebe ab. Der Schilfgürtel hat ja auch vor Bodenerosion geschützt. In der Schlei verschwinden ja ganze Inseln! Von Hestholm, der kleinen Insel in der Großen Breite vor Füsing, ist praktisch nichts mehr übrig. Da ragt nur noch ein Hinweisschild aus dem Wasser.

In den vergangenen Jahren hat man versucht, auf der Möweninsel neues Schilf anzupflanzen.

Da hat man gesehen, dass sich das als äußerst schwierig erweist. Deshalb hat es mich umso mehr erschüttert, als ich gesehen habe, was auf der Freiheit geschehen ist. Ich bin Mitglied in beiden Schleswiger Ruderclubs. Auf einer unserer Rudertouren im vorigen Jahr ruderten wir plötzlich durch Schilf-Rückstände. Dann entdeckten wir die Ursache: Vor der neuen Mühle war der Schilfgürtel brutal zerstört worden. Ihre Zeitung hat ja darüber berichtet. Dieser Eingriff ist für mich und viele andere Schleswiger schier unbegreiflich. In diesem Sommer konnten wir dann beobachten, wie darüber hinaus mit Hilfe eines Baggers eine Steinmauer ans Ufer und eine Mole in die Schlei gesetzt wurden. Dadurch wird das Wiederansiedeln von Schilf vor der Mühle erheblich erschwert.

Sollten wir die Schilfgürtel am besten sich selbst überlassen?

Nein, ich halte es sogar für ein großes Problem, dass man sich heute zu wenig um das Schilf kümmert. Früher wurde es regelmäßig abgemäht. Viele Reetdachhäuser in der Region waren mit Schilf aus der Schlei gedeckt. Und das war mindestens so gut wie Material, das heute aus Ungarn importiert wird. Die abgestorbenen Pflanzen bleiben einfach liegen, verfaulen – und verschärfen die Nährstoffproblematik noch weiter. Wir leben nun einmal in einer Kulturlandschaft. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass die Natur sich selbst reguliert. Wenn wir sie vernachlässigen, dann verkommt sie.

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