Viertklässler vor dem Schulwechsel : Noten spielen nur noch eine Nebenrolle

Nach dem Wechsel auf die weiterführende Schule wird der Stundenplan voller und der Anspruch höher. Auch deshalb sollte die Entscheidung gut überlegt sein – allerdings ab sofort ohne eine konkrete Schulartempfehlung.
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Nach dem Wechsel auf die weiterführende Schule wird der Stundenplan voller und der Anspruch höher. Auch deshalb sollte die Entscheidung gut überlegt sein – allerdings ab sofort ohne eine konkrete Schulartempfehlung.

Künftig erhalten Viertklässler einen ausführlichen Entwicklungsbericht statt einer Schulartempfehlung.

shz.de von
23. Januar 2015, 07:30 Uhr

In dieser Woche stand die Zeugniskonferenz in der Ellenberger Gorch-Fock-Schule an, und zum ersten Mal wurden dort – neben den regulären Halbjahreszeugnissen – für die Viertklässler sogenannte kompetenzbasierte Entwicklungsberichte verfasst. Darin enthalten: keine Noten, sondern eine zweiseitige, detailreiche Beurteilung der einzelnen Fähigkeiten des Kindes in tabellarischer Form und das gleichermaßen bezogen auf das Sozialverhalten sowie auf Unterrichtsinhalte. Mit diesem Entwicklungsbericht entfällt erstmals die Empfehlung für eine bestimmte Art der weiterführenden Schule. Barbara Scheufler, Leiterin der Gorch-Fock-Schule, hält die Berichte für eine sinnvolle Ergänzung. Sie sagt: „Vor allem für die Eltern ist so die Notengebung am Ende deutlich besser nachzuvollziehen.“

Die Entscheidung, die Viertklässler künftig auf diese Weise zu beurteilen, geht zurück auf das schleswig-holsteinische Schulgesetz in seiner Form vom Juli vergangenen Jahres, mit dem laufenden Schuljahr findet sie zum ersten Mal ihre Anwendung. Der Entwicklungsbericht umfasst neben den „überfachlichen Kompetenzen“, zu denen etwa Arbeitsorganisation, Konfliktfähigkeit oder Engagement zählen, die Fächer Deutsch, Mathematik, Englisch, Sport, Musik, Sachunterricht, Kunst und Religion/Philosophie. Auch die einzelnen Fächer sind wiederum in untergeordnete Kompetenzen aufgeteilt, bei Mathematik finden sich da etwa die Schlagworte „Argumentieren“ oder „Problemlösen“, bei Deutsch „Sprechen“ und „Rechtschreibung“, bei Sport „Körperbeherrschung“ und „Spielfähigkeit“. Jede dieser Fähigkeiten wird dann, je nach Leistung des Viertklässlers, kategorisiert in „sicher“, „überwiegend sicher“, „überwiegend unsicher“ und „unsicher“.

Ganz neu ist dieses Vorgehen für das Kollegium der Gorch-Fock-Schule indes nicht. Mit Beginn des neuen Schuljahres hat sich die Schule – auch diese Entscheidung basiert auf dem neuen Schulgesetz – zur „notenfreien Grundschule“ erklärt. Konkret bedeutet das, dass kein Schüler ein originäres Notenzeugnis erhält, sondern eine Beurteilung, die differenzierte Aussagen sowohl zu einzelnen Fächern als auch zum sozialen Verhalten macht. Gleichwohl geht der Entwicklungsbericht der Viertklässler noch eine Stufe darüber hinaus. „Es geht darum, den Eltern sehr ausführlich die Stärken und Schwächen ihrer Kinder darzulegen“, sagt Barbara Scheufler. Auch aus diesem Grund schließt sich ein verpflichtendes Beratungsgespräch an, das die Inhalte des Berichts noch genauer thematisiert. Am Ende soll der Familie die Entscheidung, welche weiterführende Schulform die richtige für ihr Kind ist, so leicht und folgerichtig wie möglich gemacht werden. Tatsächlich erhöht sich für die Grundschulen der Aufwand um ein beträchtliches Maß – „aber darum geht es nicht“, sagt Scheufler. „Entscheidend ist, Eindeutigkeit für die Eltern zu schaffen.“ Und das ohne ausformulierte Schulartempfehlung, sondern mit detaillierter Aufschlüsselung des individuellen Entwicklungsstandes ihres Kindes.

Ob dieser Umstand dazu führen kann, die wachsende Hinwendung zum Gymnasium, die Barbara Scheufler nach eigenen Worten in den vergangenen Jahren beobachtet hat, noch zu verstärken, mag die Grundschulleiterin derweil nicht einschätzen. Nur so viel: „Kinder entwickeln sich sehr unterschiedlich, jedes hat sein eigenes Tempo. Alles kann man nachholen, nur eine glückliche Kindheit nicht.“

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