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Familie Baftijar in Kappeln : „Nicht noch einmal die Heimat verlieren“

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Nach der Flucht vor der mazedonischen Mafia lebt Familie Baftijar seit fast drei Jahren in Kappeln – jetzt droht die Abschiebung.

shz.de von
erstellt am 07.Mai.2016 | 08:00 Uhr

In wenigen Wochen werden in der Gemeinschaftsschule die Abschlusszeugnisse ausgegeben. Während ihre Mitschüler sich voll auf die Klausuren und Prüfungen konzentrieren, beschäftigt Nadzi Baftijar der Gedanke, ob sie sich überhaupt eine Karte für den Abschlussball kaufen soll. Nicht, dass sie Angst haben müsste, die Prüfungen nicht zu bestehen. „Wer weiß, ob ich zu der Zeit überhaupt noch in Deutschland bin“, sagt die 17-Jährige. Denn nachdem Nadzi Baftijar, ihre Eltern sowie ihre vier Geschwistern fast drei Jahre als Flüchtlinge in Kappeln gelebt haben, droht ihnen nun die Abschiebung.

Vater Sali Baftijar, ein gelernter Informationstechniker mit Anstellung bei einem Software-Unternehmen, gehört in Mazedonien der ethnischen Minderheit der Roma an. Auch wenn der Staat die Roma nach außen nicht diskriminiert, so hat diese Volksgruppe doch mit etlichen Nachteilen kämpfen. „Roma, die in Mazedonien ein Haus bauen, erhalten keinen Wasser- und Stromanschluss“, sagt Sali Baftijar. Richtig schlimm hat es die Familie aber im Jahr 2013 erwischt, als die Mafia von der Familie Schutzgeld für den Lebensmittelladen erpressen wollte, den die Mutter in Skopje betrieb. Als die Familie sich weigerte, hat die Mafia Laden und Wohnung zerstört. Die gesamte Familie wurde geschlagen und Mutter Sermina einige Tage entführt. Noch immer hat eine der Töchter mit einer posttraumatischen Störung aus dieser Zeit zu kämpfen.

Familie Baftijar floh daraufhin nach Deutschland, Tochter Nadzi folgte acht Monate später, weil sie in Mazedonien zunächst die Schule beenden wollte. Die fünf Kinder lernten an den Schulen schnell Deutsch. Die elfjährige Tochter Sermina belegte erst kürzlich bei einem Zeichenwettbewerb der Lions den dritten Platz (wir berichteten). Sie und eine weitere Schwester werden demnächst das Gymnasium besuchen. An den Schulen und in den Sportvereinen fanden die fünf Kinder Freunde. Vater Sali Baftijar war bereit, von eigenem Geld einen Deutschkursus zu belegen und lernt noch heute täglich mehrere Stunden Deutsch mit seinen Kindern. Eine offizielle Arbeitserlaubnis hat er nicht, also versucht er, sich mit Praktika, etwa bei der Cremilk, beruflich weiterzubilden. Zuletzt arbeitete er bei der Jugendherberge. Mutter Sermina Baftijar arbeitet als Putzfrau.

Die ehemalige städtische Flüchtlingsbeauftragte Dagmar Struß meint dazu: „Es ist schon auffällig, wie schnell die Familie sich hier integriert hat.“ Dennoch droht der Familie Baftijar die Abschiebung, weil Mazedonien als sicheres Herkunftsland gilt und ihre Bedrohung durch die Mafia nicht als politische Verfolgung eingestuft wird. Das Verwaltungsgericht in Schleswig hat den Asylantrag der Familie bereits abgelehnt. Das Verfahren von Tochter Nadzi, die erst später in Deutschland eintraf, läuft noch. Hugo Haas ist gemeinsam mit Anneliese Harder-Döring Pate der Familie, und er warnt vor einer Zwei-Klassengesellschaft der Flüchtlinge: „Den Guten, politisch Verfolgten und den Wirtschaftsflüchtlingen.“ Wobei auch der Status der Wirtschaftsflüchtlinge für die mazedonische Familie nicht greift. „Ich kenne die Familie seit eineinhalb Jahren und trete aus Überzeugung für sie ein“, sagt Hugo Haas. Er hat den Kontakt zu Politikern und zu der evangelischen Kirche gesucht. „Alle sind schockiert, doch es gibt nur wenig Hoffnung“, sagt er. Auch der Rechtsanwalt, den Haas eingeschaltet hat, sieht derzeit so gut wie keine Chancen für eine Bleiberecht der Familie. Haas hat einen Härtefall-Antrag bei der Härtefallkommission in Kiel gestellt. Dazu will er den Petitionsausschuss des Landtages einschalten. Vor Kurzem hat er außerdem eine Online-Petition gestartet. „Öffentlicher Druck ist jetzt die letzte Chance“, glaubt Haas. Innerhalb von drei Tagen haben über 1000 Menschen den Antrag unterschrieben. Sali Baftija sagt: „Das ist wirklich schön, und das macht mir Mut.“ Der Roma findet die Menschen in Kappeln nett. Und weiter sagte er: „Deutschland ist meine zweite Heimat.“ Eine Heimat, die er und seine Familie nicht verlieren möchten. Tochter Nadzi sagt: „Solche schlechten Gedanken, versuchen wir alle zu verdrängen.“ Und aus den Äußerungen der Baftijars ist vor allem zu hören: „Bitte nicht noch einmal die Heimat verlieren.“ Dagmar Struß sagt: „Diese Familie steht hier vor Stadt und Land wie ein Bittsteller. Dabei brauchen wir dringend junge Leute.“ Und weiter meint sie: „Wenn Menschen wie die Familie Baftijar sich hier integrieren, in die Sportvereine gehen und die Sprache lernen, dann ist das für uns alle ein großer Gewinn.“

Doch die Uhr tickt, innerhalb weniger Wochen könnte der Aufenthalt in Deutschland beendet sein. Und Nadzi weiß noch nicht einmal, ob sie bis dahin ihre Mittlere Reife ablegen kann.


> Link zur Online-Petition: https://www.openpetition.de/petition/online/abschiebung-der-siebenkoepfigen-familie-baftijar-aus-kappeln-verhindern

 

 

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