Kappeln : Nicht ganz perfekt – und trotzdem glücklich

„Menschen – ich bin ich“ haben Randy Kablau (li.) und Hanna Lenz ihre Ausstellung genannt.
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„Menschen – ich bin ich“ haben Randy Kablau (li.) und Hanna Lenz ihre Ausstellung genannt.

Eine Fotoausstellung im Rathaus zeigt Porträts von Betreuten der Kappelner Werkstätten.

shz.de von
07. Juli 2015, 12:30 Uhr

Am Anfang stand der einzelne Wunsch nach einem Porträtfoto als Geschenk für die Mutter. Ein Jahr später hängen 25 ganz spezielle Porträts in den Fluren des Rathauses. Bilder, die nicht mehr in erster Linie für die Familie gedacht sind, sondern sich ganz bewusst an die Öffentlichkeit richten. Sie zeigen Betreute der Kappelner Werkstätten, und die Porträtierten senden eindeutige Signale: Fröhlichkeit etwa, Leichtigkeit und Unbekümmertheit, Mut und Selbstvertrauen. Das Wichtigste aber: Sie verstecken sich nicht.

Hinter der besonderen Ausstellung stecken Heilerziehungspflegerin Hanna Lenz und Fotografin Randy Kablau. Vor einem guten Jahr vermittelte Lenz einer Betreuten der Werkstätten, die ihrer Mutter ein Bild von ihr schenken wollte, den Kontakt zu Kablau. „Als sie zurückkam, war sie überglücklich“, erinnert sich Hanna Lenz, und zwar sowohl mit dem Ergebnis als auch mit seinem Zustandekommen. „Da haben wir uns überlegt, dass wir das gerne allen, die sich trauen, ermöglichen wollen“, sagt die Mitarbeiterin der Werkstätten.

In einer für die Betreuten vertrauten Umgebung, manchmal sogar mitten in den Wohnstätten baute Randy Kablau ihre Kamera auf, jeder der Fotografierten brachte einen persönlichen Gegenstand mit, etwas, das ihn ausmacht, etwas, das zeigt, was ihm wichtig ist. Manchmal war das eine Kette oder ein Schal, manchmal ein Fußball oder ein Kaffeebecher, häufig ein Plüschtier. Unsicher seien viele der Betreuten gewesen, als sie das erste Mal vor Randy Kablau standen – ein Umstand, der auch die Fotografin vor eine Herausforderung stellte. „Zeit und Ruhe waren das Entscheidende“, sagt Kablau. „Ich musste lernen zu erkennen, was sie mögen und was nicht und mich darauf einlassen.“ Hinterher allerdings sei die Dankbarkeit groß gewesen, genauso wie die ehrliche Freude über die gelungenen Bilder. Lenz und Kablau haben sich für Schwarz-Weiß-Aufnahmen entschieden, nur das persönliche Utensil strahlt in Farbe, um die Bindung zwischen Mensch und Gegenstand stärker in den Fokus zu rücken.

Ihren Bereichsleiter im Werkstattbereich, Bernd Sandfort, hatte Hanna Lenz derweil bald für ihr Projekt begeistert. Er lobt die Bilder und die „super Atmosphäre“, die während der Fotosessions geherrscht habe. „Das Ergebnis spricht für sich“, sagt Sandfort. „Es steckt absolute Natürlichkeit in den Aufnahmen.“ Tatsächlich ist keiner dabei, der nur höflich in die Kamera lächelt. Mancher hält die Augen geschlossen, ein anderer blickt verträumt in die Weite, der nächste konzentriert sich auf seine Bausteine. Hanna Lenz hat eine einfache Erklärung dafür. „So, wie die Menschen sind, sind sie gut“, sagt sie. „Mitleid brauchen sie nicht, sie möchten einfach angenommen werden und an der Gesellschaft teilhaben.“ Genau das war der Anknüpfungspunkt für Bürgermeister Heiko Traulsen, der über die Bitte, die Fotos im Rathaus zeigen zu dürfen, nicht lange nachdenken musste. „Wir reden schon so lange über Inklusion“, sagt Traulsen. „Und wenn diese Ausstellung dazu beitragen kann, eine Öffentlichkeit für dieses Thema herzustellen, ist viel gewonnen.“

„Menschen – ich bin ich“ heißt die Ausstellung. Was mitschwingt, ist der Wunsch, andere und auch sich selber anzunehmen. Randy Kablau nennt das, „nicht ganz perfekt, aber trotzdem zufrieden sein“. Ein Lehrbeispiel, wie das funktionieren kann, hängt bis zum 7. August an den Wänden des Rathauses.

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