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Rollstuhl-Aktivist in Kappeln : Weltrekordversuch mit Handbike: Nach 113 Kilometern war Schluss

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

„Technischer Defekt“: Der Extremsportler und Rollstuhl-Aktivist Boris Guentel scheitert mit seinem Handbike-Weltrekordversuch.

Kappeln | Ein Jahr und acht Monate hat Boris Guentel sich vorbereitet, hat geplant, organisiert, telefoniert und trainiert. Ein Jahr und acht Monate lang hat er an nichts anderes gedacht als an dieses Event, an dieses Wochenende, an diese Veranstaltung in Kappeln, bei der er es allen beweisen wollte. Ein neuer Weltrekord sollte es werden. 1000 Kilometer wollte der Rollstuhl-Aktivist Guentel in seinem Liegebike in weniger als 42 Stunden zurücklegen. Weil auch für Menschen mit Behinderungen so ziemlich alles möglich ist. Und dann das: Am frühen Sonnabendmorgen musste der Cloppenburger seinen Weltrekordversuch abbrechen, „technischer Defekt“ lautete die Begründung. Nachdem er am Freitagabend pünktlich um 20 Uhr gestartet war, hatte Guentel bis zu diesem Zeitpunkt 113 Kilometer zurückgelegt. Unter realistischen Gesichtspunkten zu wenig, um den angepeilten Rekord zu knacken.

Volker Klemmer war extra aus Mecklenburg-Vorpommern angereist, um dabei zu sein. „Ich wollte am Sonnabend etwa sieben Stunden mit Boris mitfahren“, sagte er. „Aber ich habe schon unterwegs immer wieder den Live-Ticker angesehen und mich gewundert. Da ist doch irgendetwas faul, dachte ich mir. Da stimmt was nicht.“ Viktor Klemmer ist nicht irgendwer. Er ist eine der bekannten Größen der Handbike-Szene mit umfangreicher Langstreckenerfahrung. Auf die Weltrekordfahrt von Boris Guentel war er gespannt und wollte unbedingt dabei sein.

Aber dann gab es schon in der ersten Nacht nicht nur Mondschein, sondern Probleme mit der Gangschaltung des Bikes. Boris Guentel berichtete hinterher: „Das ging schon kurz nach dem Start los. Ich brauchte fünf bis acht Schaltungen, um einen Gang zu wechseln. Dadurch habe ich viel Zeit verloren. Vielleicht hätte ich noch was aufholen können, aber mit der Schaltung ging schon bald nichts mehr. Nach 113,4 Kilometern habe ich mich entschlossen aufzugeben.“ Nicht ganz freiwillig, das war schnell klar. Guentel: „Ich habe in der Barbarastraße gestanden und hätte heulen können. Ein Jahr und acht Monate habe ich mich nur auf dieses Ziel konzentriert. Und jetzt das. Ich bin immer noch betroffen.“ Das war Sonnabendmittag. Der Himmel war grau. Das Fernsehteam hatte eben seine Sachen gepackt, ein paar Rollstuhlfahrer standen etwas ratlos herum. Am Bierstand von Zeynep Ercan war noch ein wenig Betrieb. Ansonsten lag der Platz hinter dem ehemaligen Soldatenheim in Ellenberg wie ausgestorben.

Thorsten Köhn, Frauke Neumann und Erich Lau aus Ellenberg gehörten zu den letzten unentwegten Schlachtenbummlern. Neumann sagte: „Wir haben Boris Guentel schon in der Aufwärmphase am Kappelner Rathausmarkt beobachtet. Und jetzt sind wir hergekommen, um zu sehen, wie es weitergeht. Wir sind enttäuscht, dass er aufgeben musste, aber auch darüber, dass leider nur so wenige Menschen nach Ellenberg gefunden haben, um dabei zu sein und ihn zu unterstützen. Es ist so schade.“

Boris Guentel war ebenfalls enttäuscht, aber nicht entmutigt. Er will weitermachen. Nächstes Mal soll es ein völlig anderes Bike sein. „Die ersten Gedanken dazu sind mir schon in der Nacht gekommen, als der Mond schien und es so feucht war“, sagte er. „Vielleicht wird es eine komplett elektronische Schaltung werden. Es gibt da einen dänischen Hersteller. Mal sehen.“ Zum jetzigen Moment war aber für weitere derartige Überlegungen keine Zeit. Am kommenden Wochenende wird Guentel auf der Reha-Messe in Bremen einen Vortrag über seinen Rekordversuch halten. „Das wird jetzt eben ein Vortrag mit ganz unerwartetem Ergebnis“, kündigte er an. Auf der Messe will er sich auch nach technischen Neuerungen und neuen Projekten und Partnern umgucken. Danach geht es nach Düsseldorf zur „Tour de France“, wo sein Fahrzeug ausgestellt wird. Erst dann will er Bilanz ziehen.

Und es deutete sich bereits an: Es könnte schwer sein, den Misserfolg zu verkraften und die Enttäuschung darüber, dass die Resonanz auf seine Aktion insgesamt eher schwach war. Auch finanziell hat es nicht hingehauen. „Ich musste noch 4000 Euro aus eigener Kasse beisteuern“, sagte Boris Guentel missmutig. „Aber ich versuche, auch etwas Positives aus der Sache rauszuziehen.“ Immerhin habe er auch schon vor dem Start viele gute Rückmeldungen von Behinderten und deren Angehörigen erhalten. „Das Ziel ist jetzt schon erreicht“, habe es da etwa geheißen. Oder: „ Es geht um das Projekt und die Sache.“ Anlass zur Freude bei Boris Guentel: „Das ist doch ein deutliches Signal.“ Die gewonnene freie Zeit wird er zur Erholung an der Ostsee nutzen. Danach macht er weiter.
 

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