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Gemeinschaftsschule : Mosaikstein im Puzzle der Helfer

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Mit Dittmer Heil und Hartwig Häger engagieren sich zwei „Seniorpartners in School“ in der Gemeinschaftsschule. Sie helfen Schülern, ihre Konflikte zu lösen.

15 Jahre hat Dittmer Heil Kommunalpolitik gemacht. 15 Jahre lang hat er sich in erster Linie mit Dingen beschäftigt, die Erwachsenen wichtig waren, mit Angelegenheiten, die Erwachsene störten, hat Entscheidungen getroffen, deren Folgen zumindest mittelfristig für junge Menschen keine Rolle spielten. Aber das ist Heils Vergangenheit. Seine Gegenwart wird von Kindern und Jugendlichen dominiert und von seinem gewachsenen Einfluss auf sie. Seit Ostern ist Dittmer Heil gemeinsam mit dem Steinbergkirchener Hartwig Häger als „Seniorpartner in School“ („SiS“) ein fester Teil der Gemeinschaftsschule. Ihre Aufgabe: Konflikte zwischen den Schülern zu lösen. Oder besser: Lösungen gemeinsam zu erarbeiten.

Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass Häger und Heil ihren 80-Stunden-Lehrgang beim „SiS“-Landesverband in Rendsburg absolviert haben. In viel Theorie und noch mehr Praxis haben sie gelernt, was es heißt, ein Schulmediator zu sein. Sie wurden geschult in Gesprächsführung, haben in Rollenspielen den Ernstfall geprobt, gelernt zwischen bevormunden und anleiten zu unterscheiden. Hartwig Häger sagt dazu: „Die Kinder tragen genug Kraft in sich, um ihre Konflikte zu lösen. Sie sind nur nicht immer in der Lage, sie zu aktivieren.“ Und dann kommen die Seniorpartner ins Spiel. „Wir sind so etwas wie der Aktivator, der dabei hilft, die Kräfte freizusetzen“, sagt Häger.

Bei Schulleiterin Britta Pichatzek haben sie mit diesem Ansatz offene Türen eingerannt. „Ich war sehr schnell sehr interessiert“, erinnert sich die Pädagogin. Sowohl Lehrer- als auch Schulkonferenz nickten die Idee einstimmig ab – auch in dem Bewusstsein, dass die Seniorpartner etwas leisten können, wozu Lehren oft etwas Entscheidendes fehlt: Zeit. „Es gibt Situationen, in denen Probleme so akut sind, dass die Kinder nicht warten können“, sagt Britta Pichatzek. Die Seniorpartner erlauben es, die Dringlichkeit des Konflikts und damit auch die Schüler in ihrer Not sofort wahrzunehmen.

Nach den Osterferien bezogen Dittmer Heil und Hartwig Häger ihren eigenen Raum und sind seitdem jeden Dienstagvormittag für alle Schüler da – ein überschaubarer Zeitraum, innerhalb dessen sich jedoch schon einiges getan hat. Dittmer Heil sagt: „Anfangs wurden 80 Prozent der Konflikte über die Lehrer an uns herangetragen. Inzwischen kommen die Schüler in fast der Hälfte aller Situationen von sich aus zu uns.“ Mal geht es um einen tiefsitzenden, mal um einen vielleicht oberflächlichen Streit, hin und wieder auch um Mobbing. Hartwig Häger definiert seine Aufgabe in all diesen Fällen so: „Wir suchen nicht nach einem Schuldigen.“ Vielmehr gehe es darum, dass die Betroffenen – also etwa derjenige, der mobbt und derjenige, der gemobbt wird – gemeinsam ein Ergebnis erarbeiten, mit dem beide leben können. Dabei holen sich die Seniorpartner Unterstützung von anderen Schülern, binden diese aktiv als sogenannte Helfergruppe in die Konfliktlösung mit ein und signalisieren so ganz subtil, dass jeder ein Stück Verantwortung für den anderen mitträgt.

Geschätzte 70 Beratungsgespräche haben Heil und Häger seit Ostern geführt, und jedes Mal investieren die beiden viel Zeit und Geduld. „Für die Schüler ist es nicht immer einfach, ihre Gefühle oder ihre Wünsche zu beschreiben“, sagt Heil. Manchmal werde ein Ergebnis in einer Art Vertrag schriftlich fixiert, manchmal schafften es die Kontrahenten, sich in die Augen zu sehen und sich die Hand zu geben. So oder so: Vertraulichkeit ist das oberste Gebot. Nichts, von dem, was die Schüler vorbringen, verlässt den Raum. Hin und wieder kommt es auch vor, dass ein sonst vollkommen verschlossener Jugendlicher eine ganze Weile braucht, eh er den Mut findet, sich seinen Schmerz von der Seele zu reden, dann aber nicht wieder aufhört. „Ich glaube, das liegt vielleicht auch an unserer Großvater-Rolle“, sagt Heil und lächelt. Und Hartwig Häger erinnert sich an einen Mobbing-Fall, bei dem nach dem „SiS“-Gespräch die ehemals verfeindeten Jungen mit einander Fußball spielten.

Lauter kleine Erfolgsgeschichten, die Britta Pichatzeks Standpunkt verständlich machen. „SiS war vom ersten Tag an völlig etabliert“, sagt die Schulleiterin. „Das zeigt, dass der Bedarf da war. Und jetzt wollen wir auch nicht mehr auf die beiden Herren verzichten.“ „SiS“ sei ein großer Mosaikstein im Puzzle der Helfer, Zusammenarbeit und Austausch funktionierten reibungslos. „Wir haben nicht das Gefühl, dass dort jemand von außen in unsere Welt eindringt“, sagt Pichatzek. Eben diesen Eindruck wollen Heil und Häger auch keinesfalls vermitteln. Hartwig Häger betont: „Wir drängen uns nicht auf und wollen auch niemanden ersetzen. Wir knüpfen nur die Maschen des Hilfe-Netzwerkes ein bisschen enger.“ Ein Pluspunkt für die Schule, von dem Britta Pichatzek überzeugt ist: „Es ist gut und wichtig für die Kinder.“ Auch weil sie nun mit Vermittlungslehrer und Schulsozialarbeiter eine dritte Wahlmöglichkeit haben, auf die sie im Fall der Fälle zurückgreifen können.

Und auch wenn den Seniorpartnern nicht immer alles leicht fällt – Dittmer Heil spricht von teils „erschütternden Gesprächen“, die er geführt habe –, ist doch sicher, dass das Positive überwiegt. „Es ist schön zu sehen, wenn ein Jugendlicher nicht mehr mit hängendem Kopf, sondern mit einem Lächeln über den Schulhof geht“, sagt Heil. Beide empfinden ihre ehrenamtliche Arbeit auch als persönliche Bereicherung. Hartwig Häger sagt: „Es bringt Spaß, mit den Kindern zu arbeiten und wenn Schüler und Lehrer wieder strahlen.“ Und dass sich die beiden bei den Schülern einen festen Platz erarbeitet haben, hat Heil bereits mehrfach erleben dürfen. „Früher haben mich die Erwachsenen in der Stadt gegrüßt, das hat nachgelassen. Dafür grüßen mich jetzt die Kinder.“ Es gibt schlechtere Entwicklungen.


> Kontakt: „Seniorpartner in School“, Engelsbyer Weg 11, Flensburg, Tel. 04 61 / 3 58 50, www.sis-schleswig-holstein.de


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erstellt am 06.Jan.2014 | 07:30 Uhr

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