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Fotoshooting der besonderen Art : Models punkten mit ihren Fältchen

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Ein etwas ungewöhnliches Fotoshooting in einer Senioreneinrichtung: Seniorinnen posieren für einen Kalender.

Auf den ersten Blick war es ein Fotoshooting, wie man es sich vorstellt: Der Fotograf hatte seine Objektive mitgebracht und sichtete die Location, die Maskenbildnerin hielt Pinsel und Puder bereit, die Garderobe wurde gerichtet, und auch das Catering stand auf dem Tisch. Aber ein ganz wesentlicher Teil war anders. Statt mit Traummaßen und langen Beinen punkteten die Models mit Gesichtern, aus denen das Leben spricht – und das Alter.

Wie es zu dem außergewöhnlichen Shooting kam? Das ist eine Geschichte, die mit viel Engagement und Liebe zum Beruf zu tun hat – und die von Menschen erzählt, die sich in ihrer Freizeit in Situationen wagen, die zu Beginn ungewohnt, sogar unangenehm sein können. Angefangen hatte es jedoch mit dem Wunsch einer Landärztin, die regelmäßig Patienten in der Senioreneinrichtung „Sonnenhof“ in Hollingstedt betreut. „Als Ärztin bin ich oft dazu gezwungen, Dinge zu tun, die meinen Patienten unangenehm sind, ihnen Angst machen oder vielleicht sogar weh tun“, sagt Dr. Christiane Schmitz-Boye. Nicht allen Patienten könne sie erklären, was sie als nächstes mache, weil diese ihre Worte gar nicht verstehen könnten. „Das ist zum Beispiel bei Patienten mit Demenz so. Ich muss dann einen anderen Zugang zu ihnen finden“, erklärt die Ärztin. Vieles funktioniert über die Haut, wenn sie die Patienten zur Begrüßung streichelt und so signalisiert, dass sie da ist und das nun etwas passieren wird. „Ich wollte einfach mal in einem anderen Kontext mit diesen Menschen umgehen. Gemeinsam Spaß haben, in ungezwungener Atmosphäre.“

Um sich vom ärztlichen Alltag deutlich abzugrenzen, hat sich Schmitz-Boye etwas einfallen lassen: die Produktion eines Kalenders: „Fast jeder verkleidet sich gerne und wird nett zurecht gemacht“, weiß sie und macht sich beim Fotoshooting für den Kalender genau das zunutze, in diesem Jahr übrigens zum zweiten Mal. Mit einer großen Kiste voller bunter Blumenkränze und anderer Utensilien schlägt sie in der Senioreneinrichtung auf. Alle Bewohner sitzen schon gespannt auf der Terrasse, ein Großteil gemeinsam mit ihren Angehörigen, die mindestens ebenso gespannt sind wie die Kalendermodels.

Schmitz-Boye hat in Frank Wölffel einen begeisterten Fotografen gefunden, der von ihrem Projekt sofort überzeugt war und auch bei der Neuauflage dabei ist. „Beim ersten Mal hatte ich schon ein bisschen Sorge, was mich erwarten würde, aber die war völlig grundlos“, erinnert er sich an sein erstes Shooting im „Sonnenhof“. Genauso erging es Visagistin Inka Prigge: „Noch nie zuvor habe ich alte Haut geschminkt, und die Ansprüche an mich und meine Arbeit waren viel zu hoch.“ Inzwischen weiß sie, wie es funktioniert und hat ihre Berührungsängste verloren. „Vor allem spüre ich, wie sehr die Senioren es genießen, von mir geschminkt zu werden“, erzählt sie.

Im Garten haben die Mitarbeiter wunderschöne Sitzecken vorbereitet. Einrichtungsleiterin Heike Wnuck erklärt: „Sie haben Dekorationen und Bänke aus ihren eigenen Gärten mitgebracht, damit wir eine schöne Kulisse für unseren Kalender haben.“ Während die einen bei Kaffee und Kuchen sitzen und die anderen geschminkt werden, wird es für die ersten Models ernst. „Wo möchtest du sitzen?“ wird Lisa Sierk (85) gefragt. Und schon sitzt sie im Schatten auf der weißen Gartenbank und lässt sich ablichten, wie ein Profi – auch mit Enkelin Inga, die dort in der Pflege arbeitet. Inge Doose (88) lässt sich, ganz typisch, mit einem Buch und einer Tasse Kaffee ablichten – und hat heute vermutlich das herzhafteste Lachen von allen. Wenn sie auch sonst fast alles vergessen hat, an den Froschkönig ihrer Kindheit kann sich Edith Lassen (71) noch erinnern – und daran, dass man ihn küssen muss, damit aus ihm ein Prinz wird.

Christiane Schmitz-Boye freut sich. „Das Shooting bedarf schon einer Menge Vorbereitung von allen Seiten“, sagt sie. „Aber wenn wir sehen, wie viel Spaß die Menschen haben und wie sie lachen, ist es das wert.“ Da pflichten ihr alle Beteiligten bei: das Team der Senioreneinrichtung, das Kulisse und Catering übernommen hat, die ehrenamtlich arbeitende Inka Prigge sowie der Fotograf Frank Wölffel, der mit der Bildbearbeitung und dem Kalenderdesign den größten Teil seiner Arbeit noch vor sich hat.

Eine ungewöhnliche Idee, ein paar Leute die sich begeistern lassen und mitmachen – mehr bedarf es manchmal nicht, um etwas Besonderes zu schaffen. Und es sind nicht nur die Bewohner des „Sonnenhofes“, die von dieser Aktion profitieren, sondern auch die Initiatoren selbst, die mit ihrem Engagement letztendlich unglaubliche intensive Erfahrungen verbinden.

 

 

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