Fahrdorf : Mit Ohrstöpseln auf dem Jakobsweg

Das wichtigste Dokument auf dem Jakobsweg ist der Pilgerpass. Die Stempel belegen die  zurückgelegte Strecke. Nur wer sie vorweisen kann, erhält am Zielort Santiago  die so genannte Compostela, eine Urkunde, die die Pilgerreise bestätigt.
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Das wichtigste Dokument auf dem Jakobsweg ist der Pilgerpass. Die Stempel belegen die zurückgelegte Strecke. Nur wer sie vorweisen kann, erhält am Zielort Santiago die so genannte Compostela, eine Urkunde, die die Pilgerreise bestätigt.

Peter Kamradek aus Fahrdorf pilgerte nach Santiago de Compostela und kam dabei trotz vieler schnarchender Wander-Kollegen zur Ruhe.

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14. Juni 2014, 17:00 Uhr

Gute Luft, eine wunderschöne Landschaft und eine große Kirche. All das hat Peter Kamradek aus Fahrdorf vor der Haustür. Einen Monat lang kehrte er jedoch seinem idyllischen Zuhause den Rücken und machte sich mit zwei Wanderstöcken und einem 30-Liter-Rucksack auf den Weg – auf den Jakobsweg. Der 50-Jährige wanderte nach Santiago de Compostela in Spanien. Dabei pilgerte er eine Strecke von über 820 Kilometern an dessen Ende eine Erkenntnis stand.

Nur warum entscheidet man sich für diese Tortur? „Ich musste im vergangenen Jahr einige Schicksalsschläge verkraften. Das hat mich natürlich zum Nachdenken gebracht. Ich wollte die Dinge in meinem Leben sortieren. Mir Klarheit darüber verschaffen, was wirklich wichtig ist“, sagt Kamradek, der seit fast 30 Jahren in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Schleswig arbeitet. Die lange Wanderung zur Hauptstadt Galiziens habe sich dafür perfekt geeignet. Eigentlich hatte Kamradek geplant, zusammen mit einem Freund die berühmte Route 66 in Amerika zu befahren. Der Freund sprang aber ab. Nun brauchte der Fahrdorfer eine Alternative. Und da man für eine Pilgerfahrt im Voraus nicht besonders viel organisieren müsse, habe er sich dann „aus Bequemlichkeit“, für das Pilgern entschieden, so Kamradek.

Dennoch hatte der Vater von zwei Kindern am Anfang einige Bedenken. Zum Beispiel war da die Knie-Operation, bei der ihm erst im Januar der Meniskus entfernt worden war. Hinzu kam, dass Kamradek zuvor nie viel mit Religion am Hut hatte. „Ich habe dazu schon immer ein gespaltenes Verhältnis gehabt“, erklärt der Jugendpsychologe. Vor allem störe ihn, dass viele Kathedralen in Spanien mit Hilfe von Sklavenarbeit errichtet wurden.

Kamradek übernachtete dennoch zum großen Teil in kirchlichen Einrichtungen. Die großen Gruppen-Schlafräume erinnerten ihn dabei an alte Jugendherbergen. „Das soll aber nicht heißen, dass es dort ungemütlich war“, sagt der Jugendpsychiater. Nur in der 130 000 Einwohner starken Stadt Leon sei der Schlafraum des Klosters mit 120 Betten nicht tragbar gewesen. „Dort habe ich erfahren, dass die Ohrstöpsel der wichtigste Teil meiner Ausrüstung waren“, erzählt der 50-Jährige. Natürlich sei es bereichernd Menschen aus Korea, Kanada, Südafrika oder Australien zu treffen, aber manchmal brauchte der Familienvater eben seine Ruhe und kein „Schnarchkonzert“.

Auch beim Wandern bevorzugte es Kamradek alleine zu gehen. Zwar habe er den Pilgergruß „Buen Camino“ – übersetzt „Guter Weg“ – immer gern gehört, aber um etwas mit sich selbst auszumachen, benötige er Ruhe. „Die Strecke nach Leon ist dafür perfekt, weil es nur eine Straße ist, die 180 Kilometer geradeaus verläuft“, erzählt der Pilger. Rechts und links sehe man nur Roggen- und Weizenfelder. „Danach ist man dankbar für alles was man hat“, sagt er.

Seinen emotionalsten Moment erlebte er jedoch auf der Spitze des Berges „Cruz de Ferro“. Dort können Pilger kleine Steine beschriften und niederlegen. Kamradek und sein Weggefährte widmeten ihre Steine verstorbenen Familienmitgliedern. „Danach haben wir drei Stunden lang nicht mehr geredet. Jeder, der den Jakobsweg geht, hat eben ein Päckchen zu tragen“, sagt der Fahrdorfer.

Sein Ziel erreichte Kamradek schließlich zwei Tage früher als geplant. „Darüber war ich am Ende recht froh“, berichtet er. Erstens war er total erschöpft und zweitens blieben ihm so noch ein paar freie Tage, die er zu Hause mit seiner Familie verbringen konnte. „Das war zum Schluss auch meine Erkenntnis. Ich muss mir einfach mehr Zeit lassen, vor allem für die kleinen Details“, meint der 50-Jährige. Deswegen habe er auch die Stationsleitung und seinen Trainerposten im Fußballverein aufgegeben. „Man braucht gar nicht so viel im Leben. Meine Frau und Kinder sind schon Glück genug“, sagt er. Wandern will er in Zukunft auch wieder. Am besten zusammen mit seiner Frau, aber nicht unbedingt in Spanien.

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