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Wandern in Etappen : Mit 81 zu Fuß durch Deutschland

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Arnold Getjens aus Stolkerfeld wandert 4500 Kilometer im Jahr. Stück für Stück gelangt er so von der dänischen bis an die Schweizer Grenze.

Rudolf Schock trägt zumindest eine Mitschuld. Mitte der 1970er-Jahre begegnete Arnold Getjens dem berühmten Opernsänger und Schauspieler direkt von seiner Haustür in Stolkerfeld. Getjens war noch aktiver Landwirt, der Star war privat auf dem Europäischen Fernwanderweg E1 unterwegs, hatte in der Nacht zuvor in Süderholz übernachtet und war nun auf dem Weg nach Süden. Damals war Arnold Getjens noch nicht wirklich von dem Wandervirus befallen – inzwischen aber ist er 81 Jahre alt und jeden Tag auf Trab. „Mit dem Auto lege ich im Jahr 3000 Kilometer zurück – zu Fuß sind es bis zu 4500“, sagte der fitte Senior, der in diesem Jahr ein großes Wanderprojekt beendet, mit dem er sich schon seit 2005 beschäftigt: Von der dänischen Grenze auf dem Europawanderweg bis an den Bodensee – 1800 Kilometer durch Deutschland. Dass man diese Tour als 81-Jähriger nicht am Stück absolvieren kann, versteht sich.

Nachdem Getjens regelmäßig an Volkswanderungen teilgenommen hatte, begann die große Tour mit einem Marsch vom Grenzübergang Kupfermühle bis nach Oeversee. Dann kaufte sich der ehemalige Landwirt in Schleswig einen Wanderführer – und hat sein Ziel seitdem konsequent verfolgt.

Zunächst waren die Touren relativ kompliziert: Mit dem Auto nach Oeversee – per Zug und Bus zur dänischen Grenze – Marsch zurück nach Oeversee – und schließlich mit dem Auto wieder nach Hause. Auf diese Weise absolvierte Arnold Getjens zunächst mit seiner Tochter („Dat hett nich so klappt“) und später mit seiner inzwischen 75-jährigen Schwester Inge die Etappen quer durch Schleswig-Holstein. Ehefrau Marie bleibt derweil zu Hause – die langen Strecken schafft sie nicht mehr.

Je weiter die einzelnen Etappen sich von Stolkerfeld entfernten, desto aufwendiger war die Planung. Deshalb stellten Arnold Getjens und seine Schwester auf Wochentouren um. Bahnfahrt zum Ausgangspunkt, fünf bis sechs Tage wandern und mit der Bahn wieder zurück. Diese Art des Reisens verlangt gute Vorbereitung: Schuhe, die die Füße nicht mit Blasen quälen beispielsweise. Oder einen vernünftigen Rucksack. Den gab es in einem großen Supermarkt. „Der sah ganz gut aus“, erzählt Getjens. „Aber ich musste natürlich testen.“ Und weil er bei den Touren meist rund acht Kilo auf dem Buckel hat, packte er den Rucksack mit „Ballast“ aus den Regalen voll und machte erst einmal eine kurze Probewanderung durch den Laden. Um die Herausforderung zwei- bis dreimal im Jahr bestehen zu können, ist natürlich Training notwendig. Das absolviert Arnold Getjens „in’t Holt“, das gleich hinter dem Haus anfängt. Zwei Sechs-Kilometer-Runden und noch eine kleine Schleife von vier Kilometern obendrauf täglich. Das hält fit. Und das ist dem 81-Jährigen anzusehen.

Ernährungstechnisch setzt Getjens auf Bewährtes. Er isst, was er immer gegessen hat. Und das hält er auch in Hessen, Franken oder Bayern so. Findet er Schnitzel auf der Speisekarte, ist die Entscheidung gefallen. Und Schnitzel gibt es fast überall.

Das Alter, gibt Arnold Getjens zu, merkt er schon. „Man wird im Alter langsamer, vor allem, wenn es hügeliger wird. Das sind wir als Flachländer ja nicht gewohnt.“ Um sich keinen überflüssigen Ballast aufzuhalsen, wird der Rucksack nur mit dem Nötigsten gepackt. Kleidung zum Wechseln, eine Wasserration, Tagesverpflegung, eine Thermoskanne mit Kaffee, Traubenzucker und Müsliriegel. „Das ist zwar nicht schön, wenn die Schokolade in der Sonne wegläuft. Aber das ist eben so.“

Die penible Dokumentation der Touren mit Start- und Zielpunkt, Kilometerangaben und Art der Übernachtung ist Aufgabe von Schwester Inge. Sie kann mit dem Computer umgehen, bucht auch die Bahnfahrten und kundschaftet vorab mögliche Unterkünfte aus. Ihr Bruder hat mit dieser Technik nicht viel am Hut, hat aber seit einigen Jahren ein eigenes Mobiltelefon, um seine Frau in Stolkerfeld mehrmals täglich auf dem Laufenden zu halten.

Die letzte Etappe führt Bruder und Schwester im August von Engen in Baden-Württemberg bis nach Konstanz am Bodensee. Mit von der Partie ist dann auch Neu-Nachbar Klaus Schulze, der Mit-Siebziger weiß aus vorangegangenen gemeinsamen Wanderungen, dass er wahrscheinlich der Langsamste der Gruppe ist.

Mit Erreichen der Schweizer Grenze ist nach fast zehn Jahren die große Deutschland-Tour für Arnold Getjens vollendet. Jedenfalls fast: „Meine Schwester hat eine Strecke durch den Westerwald verpasst, die müssen wir natürlich noch nachholen“, sagt er. Dass der europäische Fernwanderweg nicht am Bodensee endet, sondern durch die Alpen bis tief nach Italien ans Mittelmeer führt, ist für ihn kein Thema. In die Alpen will Arnold Getjens nicht. Aber mit dem Wandern ist noch längst nicht Schluss. Künftig wird man den rüstigen Rentner wohl häufiger rund um Stolkerfeld sehen. In’t Holt.

 

 

 

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erstellt am 01.Aug.2014 | 12:30 Uhr

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