Kappeln : Ministerin bläst Gegenwind ins Gesicht

Vor und 50 Zuhörern sprach Ministerin Britta Ernst in den Werkstätten.
Vor und 50 Zuhörern sprach Ministerin Britta Ernst in den Werkstätten.

Doppeltes Abitur, G 8, Unterrichtsversorgung: Britta Ernst stellte sich den Fragen zur Bildungspolitik.

shz.de von
11. Juli 2015, 08:15 Uhr

Dass sie es leicht gehabt hätte, konnte man am Ende der knapp zweistündigen Veranstaltung kaum sagen. Vielmehr hatte Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Britta Ernst am Donnerstagabend einiges an Widerstand auszuhalten. Sie traf allerdings auch auf rund gut vorbereitete 50 Zuhörer, die ihre Chance, bei der Ministerin einmal persönlich nachzubohren, gerne nutzten.

Ernst war auf Einladung des SPD-Ortsvereins nach Kappeln gekommen, in den Werkstätten sprach sie unter der Überschrift „Bildung – quo vadis?“ zunächst darüber, dass Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr einen zweistelligen Millionenbetrag in Schulen und Lehrerstellen investiert habe – jedoch ohne eine 100-prozentige Unterrichtsversorgung zu erreichen. „Nach wie vor fehlen Lehrer“, sagte Ernst – „aber weniger als vor drei Jahren“. Das Ziel von 100 Prozent strebe man in der nächsten Wahlperiode an, derzeit liege man bei 96 Prozent. Als ihre vier inhaltlichen Schwerpunkte nannte die Ministerin Qualität von Schule (so will sie etwa ab Februar 2016 die externe Evaluation wieder einführen), die berufliche Bildung (Ernst nannte das Schlagwort Jugendberufsagentur), die Inklusion und das Lernen in der digitalen Gesellschaft. Zum Thema kleine Grundschulen erinnerte die Ministerin daran, dass die Mindestzahl von 44 Schülern für eine Außenstelle von ihr auf 27 gesenkt worden sei – aber: „Größere Schulen sind flexibler und haben bessere Angebote.“ Es sei nötig, die Infrastruktur zu ändern, auch wenn das manchmal schmerzhaft sei.

Die Unterrichtsversorgung entpuppte sich als das, was viele der Anwesenden umtrieb, und Ernsts Bemerkung, fehlende Lehrerstellen mit stärkeren Klassengrößen aufzufangen („Wenn Schulen zu kleine Klassen planen, planen sie ins Defizit.“), fand kein besonders positives Echo. Derzeit sei das Bildungsministerium jedoch dabei, eine neue Abfrage-Systematik zu entwickeln, die im Herbst genaue Daten über Unterrichtsausfall und dessen Ursachen liefern soll. Eine Mutter wollte wissen, „wann endlich der G  8-Stress abgeschafft“ werde – eine Frage, die scheinbar einen Reizpunkt traf. Britta Ernst offenbarte schnell, „dass mich das nämlich wirklich nervt“. Der Grund: G  8 sei auf eine breite Elterninitiative hin entstanden. Regelmäßig habe es unter Eltern geheißen, dass in der Oberstufe „ein Kuschelkurs“ herrsche, die Kinder nicht genug gefordert würden. Die Ministerin wurde deutlich: „Ich war nie für G  8, aber ich bin auch nicht für die Abschaffung von G  8, weil wir dann wieder viel Energie in eine neue Strukturdebatte stecken müssten.“ Auch in dieser Region gebe es zudem die Chance, sein Kind in neun Jahren in einer Gemeinschaftsschule zum Abitur zu schicken. Der Schülersprecher der Klaus-Harms-Schule, Jonas Mikulsky, wollte von Ernst wissen, wie viele Tage sie im nächsten Jahr für das mündliche Abitur des Doppeljahrgangs einplane. Der 18-Jährige sprach in diesem Zusammenhang von 220 mündlichen Prüfungen, die bevorstünden. Ernsts spontane Antwort: „Zwei Wochen.“ Lehrer Rainer Schmidt erläuterte allerdings, dass man derzeit nur von drei vom Ministerium bewilligten Tagen ausgehe, in denen die anderen Schüler dann frei hätten. Benötigt würden jedoch mehr, da man sonst parallel Fachunterricht leisten müsse. Die Ministerin bot an, die Angelegenheit in Kiel zu klären und sich per eMail zu melden – eine Offerte, die Jonas Mikulsky nicht wirklich überzeugte. Schließlich ging es noch um die Vergleichbarkeit der Abiture am Gymnasium und an der Berufsschule – „diese Frage stelle ich mir auch“, sagte Ernst. Und: „Es soll nicht so bleiben, wie es ist.“ Ernsthaft damit beschäftigen wolle man sich aber erst, wenn der Doppeljahrgang seinen Abschluss gemacht habe.

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