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Vermisstenfälle : „Menschen verschwinden nicht einfach“

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Im vergangenen Jahr gab es 797 Vermisstenfälle im Kreisgebiet: Gewaltverbrechen sind die Ausnahme, jugendliche Ausreißer die Regel.

shz.de von
erstellt am 09.Apr.2014 | 15:00 Uhr

Länger als zwei Wochen war Anja L. aus Klein Rheide spurlos verschwunden und die Kriminalpolizei auf der Suche nach der 32-Jährigen. Dann entdeckte ein Waldbesitzer Ende März bei Dannewerk die Leiche der Frau auf seinem Grundstück. Und keine vier Wochen liegt es zurück, dass im Kropper Diakoniewald die Leiche einer Frau gefunden wurde, die bereits seit Oktober vergangenen Jahres vermisst wurde. „Dass Menschen einfach so verschwinden, kommt in Filmen vor, im echten Leben ist das die absolute Ausnahme“, sagt Markus Langenkämper, Sprecher der Polizeidirektion Flensburg. Die Statistik sagt jedoch zunächst einmal etwas anderes. Allein im vergangenen Jahr zählte sie 797 Vermisstenfälle im Kreis Schleswig-Flensburg. „Im Vergleich zu anderen Kreisen sind die Zahlen bei uns ziemlich hoch“, so Langenkämper.

Jeder Fall ist dabei anders. Langenkämper spricht von Minderjährigen, die stiften gehen, von demenzkranken Senioren, von Suizidgeschichten, aber auch von Gewaltdelikten. 75 Prozent der Verschwundenen tauchten nach ein bis zwei Tagen wieder auf, 20 Prozent nach sieben Tagen und bei den restlichen fünf Prozent dauere die Suche bis zu 30 Tage, heißt es in der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS), bis die Vermissten gefunden werden – tot oder lebendig. Nur in absoluten Ausnahmefällen dauere die Suche länger oder bleibe vergeblich. So wie im Fall von Herrn Oehme aus dem Jahr 2008. Der 84-Jährige, der sich im Waldschlösschen in Schleswig eingemietet hatte, machte einen Waldspaziergang und wurde nie wieder gesehen. „Es gibt eine Suizid-Vermutung“, sagt Langenkämper, ein Leichnam wurde jedoch nie gefunden und die Akte bis heute nicht geschlossen. Mindestens 30 Jahre müssen Akten von ungeklärten Fällen aufbewahrt werden. „Man guckt da zwar nicht täglich drauf, aber auch in diesen Fällen wird immer Mal wieder ermittelt“, sagt der Polizeisprecher.

Laut Polizeidienstverordnung gilt eine Person als vermisst, „wenn sie ihren gewohnten Lebenskreis verlassen hat, der Aufenthalt unbekannt ist und für sie Gefahr besteht für Leib und Leben“. Besonders Letzteres, beispielsweise bekräftigt durch einen Abschiedsbrief, bedeutet akuten Handlungsbedarf für die Beamten. Und akut heißt sofort, betont Langenkämper. „Die 24-Stunden-Regelung ist ein Irrglaube. Das gibt es nur im Fernsehen. Auch vertrösten wir die Angehörigen nicht, die zu uns kommen. Das ist auch so ein Mythos aus dem TV. Die Beamten fahren bei der Suche immer das volle Programm“, sagt er. Gerade bei vermissten Kindern und Jugendlichen sei der Druck auf die Sachbearbeiter noch mal wesentlich höher als bei Fällen von vermissten Erwachsenen. Natürlich gebe es Abschwächungen, zum Beispiel bei „einem Dauerwegläufer; wenn Kevin das x-te Mal ausgebüchst ist, dann warten wir schon mal ein bisschen länger“, so Langenkämper. Dann kämen Kooperationen zwischen Einrichtungen, Jugendämtern und der Polizei zunächst zum Tragen.

Tatsächlich sind es überwiegend Jugendliche, die zeitweise verschwinden. Von den 797 Vermissten im vergangenen Jahr waren 541 unter 18 Jahre alt. Dass der Kreis Schleswig-Flensburg im Vergleich zu anderen Landkreisen in Schleswig-Holstein relativ viele Vermisstenfälle verzeichnet, führt Langenkämper auch darauf zurück, dass „wir hier gut 160 Einrichtungen haben, in denen Jugendliche – zum Teil gegen ihren Willen – untergebracht sind und sozialisiert werden sollen, dazu Fachkliniken und die Jugendforensik in Schleswig“. Dafür, dass die Vermisstenzahl von 2011 auf 2012 schlagartig angestiegen ist, hat der Beamte jedoch keine Erklärung. 2012 galten 813 Menschen als vermisst, im Jahr 2011 waren es noch 586, ein Jahr davor nur 536.

„Gewaltverbrechen sind bei Vermisstenfällen die Ausnahme“, sagt Langenkämper. Liegt die Vermutung für eine Straftat nahe, wird eine Sonderkommission gegründet, wie 2008, als Beamte nach einem verschwundenen Ponyhof-Besitzer aus Busdorf suchten und ihn später erschossen in einem Waldstück nahe der A 7 bei Jagel fanden. Auch im Fall Oehme bildeten die Beamten der Kriminalpolizeistelle Schleswig und der Bezirkskriminalinspektion in Flensburg solch ein Sonderkommando. Bei den Obduktionen der beiden im Frühjahr gefundenen Frauenleichen wurde ein Fremdverschulden jedoch eindeutig ausgeschlossen.

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