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Schlei-Bote

18. Oktober 2017 | 20:50 Uhr

Mastenwald - Das Revier von Uwe Vergin

vom

Jedes Schiff im Kappelner Museumshafen hat seine eigene Geschichte und der Hafenmeister kennt sie alle / 500 Gästeboote legen hier pro Jahr an

shz.de von
erstellt am 03.Aug.2013 | 05:59 Uhr

Kappeln | Tiefe Risse im Holz verraten wie Falten im Gesicht, dass die Schiffe ihre Jugend hinter sich haben. Wenn es hier dunkler und ruhiger wird, wenn die Abendsonne die Takelagen in warmes Licht taucht, dann kann man sich auf dieses Gefühl einlassen: Auf das Gefühl, in einer anderen Zeit zu sein, in einem entfernten Jahrhundert über einen Steg zu laufen.

Die Schiffe im Kappelner Museumshafen sind alle unterschiedlich in Größe, Form und Farbe - aber sie sind alle alt. "Dieser Hafen ist ein Sahnestück für den Tourismus in Kappeln", sagt Uwe Vergin. Der Mann ist hier fast zuhause. Seit mindestens 20 Jahren ist er Hafenmeister im Museumshafen. Wie lange genau, weiß er selbst nicht, es ist nichts dokumentiert. Nachdem 1982 der Hafen gebaut worden war, lagen zehn oder elf historische Boote am Steg, deren Eigner beschlossen hatten, einen Hafen nur für Traditionsschiffe zu errichten.

Als der Hafen erweitert werden sollte, habe die Stadt dies mit der Begründung abgelehnt, der Hafen sei groß genug. Dagegen hat der "Museumshafen e. V.", der Verein, der den Hafen betreibt, Einspruch erhoben. Daraufhin kamen Sachverständige vom Tourismus-Ministerium und zählten die Besucher auf den Stegen - an jenem "ganz normalen Wochenende" waren es 470 Menschen, die sich einfach nur die Boote angeschaut haben. Beeindruckt von dieser Resonanz genehmigte das Ministerium den Ausbau - über die Köpfe der Stadt hinweg.

Uwe Vergin ist praktisch Bestandteil des Hafens und sieht auch so aus: Eine Schirmmütze mit aufgesticktem Segelschiff, aus der die grauen Haare wild hervorlugen, ein Bart um Oberlippe und Kinn auf dem kräftigen Gesicht, dazu die lederne Umhängetasche mit Taschenrechner und Wechselgeld für das Einkassieren der Hafengebühr.

Ursprünglich aus dem niedersächsischen Stade stammend, hat es ihn im Jahr 1984 nach Kappeln gezogen; mit seiner Familie lebt er in einem Haus direkt am Südhafen. Er übersieht kaum jemanden, der an Land gehen will, nachdem er sein Boot vertäut hat. Dann eilt er zu den "Landflüchtigen" und bittet zur Kasse - einen Euro pro Schiffsmeter und Tag. Für die allermeisten Gastlieger ist das okay - unter Skippern ist es ohnehin Ehrensache, den Liegeplatz zu bezahlen, insbesondere bei einem Museumshafen wie diesem, der ausschließlich von der Hafengebühr lebt. "Wir werden kein bisschen bezuschusst - da sind wir stolz drauf", sagt der 61-Jährige.

Immer wieder kommt Uwe Vergin ins Gespräch: mit Bootseignern oder Spaziergängern. Währenddessen haut ein Mann an einer Werkbank auf Messingteilen herum. Woanders lackiert eine Frau auf dem Steg Bootsteile. Manche Segler dösen an Deck, oder sitzen gemütlich beim Essen im Bauch ihres Bootes - im Museumshafen scheint die Uhr tatsächlich ein wenig langsamer zu ticken. Vielleicht liegt es auch an der Muße der Bootseigner - die meisten von ihnen haben ihr Berufsleben bereits hinter sich.

Und Uwe Vergin ist Ansprechpartner für alle, gibt Gastliegern Einkaufstipps, vermittelt Handwerker, leitet Anfragen zum Mitsegeln weiter und führt interessierte Gäste oder Schulklassen durch den Hafen. Er hat einiges zu erzählen, kennt die Geschichte von beinahe allem, was hier herumdümpelt.

So wie die "Albin Köbis", ein Fischkutter, der 30 Jahre lang bis kurz vor der Wende auf der Ostsee fuhr, mit Männern, die an Deck mit Netzen hantierten. Was die wenigsten wussten: Unter Deck war das Schiff voll gestopft mit Abhörtechnik - ein getarntes Spionageschiff im Dienste der DDR. Oder die "Journeyman": Sie wurde vollständig von ihrem Eigner in vier Jahre langer Arbeit mit der Hand gebaut. Ein zertifiziertes Kulturdenkmal ist die "Good Intent II", gebaut im Jahre 1879. Hier im Hafen ist es das Schiff mit den meisten original erhaltenen Teilen - und sieht dabei überraschend gut aus. "Das Schiff ist immer gepflegt worden", weiß Vergin.

Neben der Information von Gästen hält Vergin die Steganlage sauber, führt Malerarbeiten aus, entsorgt Müll und aktualisiert Schaukasten sowie Infotafel. Auch die Mitorganisation des Hafenfestes und der Regatta zu Himmelfahrt, der jährlichen Heringsregatta, bindet ihn ein. "In diesem Jahr hatten wir 75 maritime Schönheiten hier." Dann sei der Hafen voll belegt.

Vergin selbst hat früher ein Plattbodenschiff gesegelt,

15 Jahre lang, bis seine Familie dafür zu groß wurde. Beruflich ist er eine Zeit lang auf der "Fortuna" mitgesegelt, ein hier liegender ehemaliger Frachtensegler. Heute gehört das Schiff einem Verein, der es für Segel-Törns mit therapeutischem Hintergrund verchartert. Als Diplom-Sozialpädagoge hat Vergin damals behinderte Menschen auf dem Schiff betreut. Heute ist er buchstäblich in seinem Hafen angekommen, dabei ist der Hafenmeisterjob bis auf kleinere Aufwandsentschädigungen eine reine ehrenamtliche Tätigkeit.

Im Jahr sind es rund 500 Gastschiffe, die im Museumshafen anlegen. "Früher war hier mehr los", so Vergin. Grund dafür seien die anderen Häfen schleiabwärts. "Wir nehmen natürlich immer gerne Gastlieger auf, auch wenn sie kein Traditionsschiff haben." Was die meisten als reines Masten-Wirrwarr wahrnehmen, ist Vergins Revier. Schon während der Anfahrt zu Dienstbeginn erkennt er mit einem Blick über den Hafen, ob irgendwo ein neues Boot festgemacht hat. Dann wird kassiert.

Manchmal bleibt Vergin auch ein paar Stunden länger da als vorgesehen. Dann unterhält er sich, bis die Sonne untergegangen ist, genießt die besondere Atmosphäre an diesem Ort. Und die gefühlte Trägheit der Uhr.

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