Orgelneubau : Luft anhalten für den ersten Ton

Endlich wieder gestalten: Organist Thomas Euler spielt unter den Augen von Orgelbaugeselle Tobias Rühl die ersten Töne auf dem neuen Instrument.
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Endlich wieder gestalten: Organist Thomas Euler spielt unter den Augen von Orgelbaugeselle Tobias Rühl die ersten Töne auf dem neuen Instrument.

Am Donnerstagabend war es soweit: Die neue Orgel der Nikolaikirche gab den ersten Ton von sich. Und die Anwesenden lauschten gebannt und mucksmäuschenstill.

Rebecca_Nordmann-7304.jpg von
08. März 2014, 08:00 Uhr

Was haben Sie am Donnerstagabend um 19.09 Uhr gemacht ? Am Abendbrotstisch gesessen ? Vor dem Fernseher ? Haben Sie telefoniert oder waren im Auto unterwegs ? Vielleicht werden Sie es gar nicht mehr so genau wissen. Aber es gibt ein knappes Dutzend Menschen, das just zu dieser Uhrzeit die Luft angehalten hat. Das war der Moment, in dem Reinalt Klein zum ersten Mal die Tasten des brandneuen Spieltisches der Orgel in St. Nikolai gedrückt hat. Der Moment, in dem zum ersten Mal die größte der Prospektpfeifen erklang. Der erste Ton. Noch nicht perfekt, aber eben der erste. Und die Menschen, die ihn gehört haben, werden das kaum vergessen.

Wer die Treppe hinauf zur Orgel erklimmt, dem flattern Sägespäne entgegen. Orgelbaumeister Reinalt Klein steckt mit seinem Team mitten in der heißen Phase. „Ich bin im Fluss“, sagt er und lacht. Der Spieltisch ist fertig, einzig der kleine Monitor, auf dem Organist Thomas Euler später das Geschehen im Kirchenschiff verfolgen kann, fehlt noch. Unten in den Sitzbänken stapelt sich die Dämmwolle, mit der das Podest, auf dem Euler sitzen wird, gefüllt wird. Und auch etliche Pfeifen hat Klein schon mitgebracht. Noch steht ein großer Teil sortiert und aufgereiht in der Zwischenetage, in spätestens zwei Wochen will er sie dort platzieren, wo sie hingehören – in die Orgel.

Dort hat er in den vergangenen Wochen alles vorbereitet. Die Öffnungen, die die Pfeifen später halten sollen, hat er so lange mit dem Bohrer bearbeitet, bis es – so erklärt es Thomas Euler – „fast gebrannt hat“. Tatsächlich sind sie kohlrabenschwarz im Innern. Aber nur so erhalten sie die nötige Härte und Stabilität, um die Pfeifen auch wirklich tragen zu können.

Nach Reinalt Klein darf auch Thomas Euler in die Tasten greifen, der Lübecker Orgelbaumeister steht derweil unten im Kirchenschiff und empfängt die Töne. „Das große E treibt schon richtig schön“, ruft Klein nach oben. „Da fehlt nicht mehr viel.“ Thomas Euler spielt weiter, freut sich über jeden Druckpunkt, den er bei jeder Taste spürt („Bei der alten Orgel gab es überhaupt keine Druckpunkte.“) und hört die Möglichkeiten, die ihm das neue Instrument bieten wird, schon jetzt. Obwohl das Finetuning erst noch aussteht. „Jetzt können wir wieder mit der Orgel gestalten“, sagt er und lässt die Tasten für einen kurzen Moment wieder los.

Neben ihm steht Dr. Karsten Petersen. Der Pastor ist spürbar überwältig von dem, was er derzeit erleben darf. „Ich halte die Orgel wirklich für fast das größte kirchengeschichtliche Bauwerk dieser Gemeinde“, sagt er. Mag die Sanierung des Christophorushauses vor wenigen Jahren auch teurer gewesen sein – „es ist nicht vergleichbar mit den vielen Menschen, die so viel Kraft und Zeit und Liebe in diese Orgel gesteckt haben“, sagt Petersen.

Reinalt Klein lehnt derweil an der Balustrade der Orgelempore und lächelt. Er weiß, was die Menschen in Kappeln von ihm erwarten, und die Freude, die er ihnen ganz offensichtlich bislang in jedem einzelnen Stadium seines Schaffens in St. Nikolai bereitet hat, steckt ihn selber an. Eine ganze Weile noch wird er mit seinen Mitarbeitern Schwerstarbeit leisten, körperliche und geistige. Am Ostermontag, 21. April, will er das fertige Instrument der Kirchengemeinde in einem Festgottesdienst übergeben. „Und dann“, sagt Reinalt Klein, „kommt die Aufregung. Dann werde ich am Zittern sein.“ Er wird sicher nicht der Einzige bleiben.

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