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Kappeln : Literaturpapst ist wiederauferstanden

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Als Kabarett huldigen Peter Baumann und Franz Kratochwil in einer bissigen Hommage Marcel Reich-Ranicki. Wenig Zuschauer in der Koslowski-Halle

Auf der Bühne je zwei Stühle, Tische und Lampen, dazu mit Arthur Weinbrenner (66) aus Schleswig ein Pianist der Spitzenklasse, mehr brauchten der Berliner aus Ellingstedt bei Schleswig, Peter Baumann (75), und der aus Wien stammende Franz Kratochwil (66) für ihre Hommage an den Altmeister der Literaturkritik, Marcel Reich-Ranicki, nicht. Jahrelang hatten die beiden in der Szene für ihre literarisch-kabarettistischen aber auch musikalischen Spezialitäten bekannten Künstler über den Literaturkritiker Reich-Ranicki geforscht. Jetzt stellten sie ihre Ergebnisse unter dem Titel „Der unsterbliche Reich-Ranicki“ in der Koslowski-Halle einem leider nur spärlich vorhandenem Publikum vor. In Form eines Interviews trat Peter Baumann als der am 18. September 2013 verstorbene Literaturkritiker und Literaturpapst auf, Franz Kratochwil als Fragesteller und Lokalreporter für die Kulturseite der „Kappelner Rundschau“.

Den musikalischen Rahmen gestaltete der ehemalige Leiter der Schauspielmusik des schleswig-holsteinischen Landestheaters, Pianist Arthur Weinbrenner, mit Melodien aus Klassik, Film und Musical. Er startete den Abend mit der Étude „Solfeggio“ des Bach-Sohnes Carl Philipp Emanuel.

Franz Kratochwil stellte anschließend seinen Gesprächspartner Reich-Ranicki, alias Peter Baumann, vor, der gerne 100 Jahre alt geworden wäre, aber dann doch im vergangenen Jahr im Alter von 93 Jahren gestorben war. Und es geht das Gerücht, dass er heute „Gott die Leviten liest“, – scharfzügig, eigenwillig, kompetent, selbstbewusst, sprachgewaltig, und, und ….

Und so ging es dann auf hohem Niveau gleich weiter, mit Scherz, Satire im szenischen Gespräch mit geistreichen Wortspielen“. Da wurde nichts ausgelassen: der Literaturbetrieb, das Fernsehen, die Politik, die Banken – alle bekamen ein paar Spritzer von dem „Fett“ ab. Auch die regionale Politik. Auf die Frage, wie die Anreise gewesen sei, kam von „Reich-Ranicki“ prompt die Antwort: „Seit Frankfurt ging es ständig bergab!“ Besonders die vielen Schlaglöcher in Tetenhusen haben ihn geärgert. Dort war er hingefahren, um Siegfried Lenz zu besuchen. Die Frage, ob er mit ihm über dessen Bücher gesprochen habe, verneinte er. Die seien Resteverwertung. Allerdings, Lob gab es dennoch, seien „die schlechtesten Bücher von Siegfried Lenz dennoch die bedeutendsten Kulturbeiträge in dieser nördlichen Einöde“.

Von hier war es nicht weit bis zum Theater um das Schleswiger Theater. In der „so genannten Kulturstadt Schleswig“ fehlt Geld, weil aus Kiel nicht viel kommt. Von Kulturministerin Sporendonk wird jetzt erwartet, dass sie „der Kultur die Sporen“ gibt. Doch es scheint, als müsse das Schleswiger Theater „erst sterben, bevor man es hochleben lässt“. Da hat Kappeln die Nase vorn. Es hat schon mit der Koslowski-Halle einen Spielort. Leider fehlen die Besucher, so „RR“ mit Blick auf die knapp 40 Anwesenden. „In Schleswig ist es genau umgekehrt.“

Dass er mit seiner ZDF-Sendung sehr dazu beigetragen hat, schlechte Bücher zu verbreiten, bestätigte der Kritiker: „Die Leute lesen gerade das, was ich verreiße.“ Schließlich sind Bücher wie ein Spiegel: „Wenn ein Affe hineinsieht, so kann kein Apostel herausgucken.“

Reich-Ranicki bestätigte Tausende von Büchern gelesen, aber Zehntausende verworfen zu haben. Habe man etwa von Konsalik ein Buch gelesen, kenne man alle hundert. Konsalik und Rosamunde Pilcher hätten den Unterhaltungswert einer griechischen Landschildkröte. Aber auch an so bekannten Autoren wie Walser (trostlose Tomate), Lenz, Grass (Zwerg, der bei tief stehender Sonne lange Schatten wirft)oder Handke ließ er kein gutes Haar.

Am Schluss bekam auch die schwarz-rote Koalition ihren Teil ab. Frei nach Wilhelm Busch: „Und die Moral von der Geschicht, bad zwei in einer Wanne nicht.“ Das Ende kam dann sehr schnell. Der Rotweinfreund verabschiedete sich von seinen Gästen mit den Worten: „Nun sieht ganz Kappeln uns besoffen, den Vorhang zu, und viele Fragen offen.“ Eine Zugabe war nicht vorgesehen. Dennoch blieb allen Besuchern die Erinnerung an einen gelungenen Kabarettabend, der eine Wiederholung verdient hätte.


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