"Lilli" auf dem Sprung in die Freiheit

In wenigen Wochen soll 'Lilli' ihren Auslauf verlassen dürfen und sich ihren wild lebenden Artgenossen anschließen. Brigitte Leckband zog das Rehkitz als Ersatzmutter auf.  Foto: Steinmetz
In wenigen Wochen soll "Lilli" ihren Auslauf verlassen dürfen und sich ihren wild lebenden Artgenossen anschließen. Brigitte Leckband zog das Rehkitz als Ersatzmutter auf. Foto: Steinmetz

Avatar_shz von
22. Februar 2011, 08:04 Uhr

Thumby | "Lilli" ist etwas älter als neun Monate. Unmittelbar nach ihrer Geburt kam das Rehkitz in die Obhut der Familie Leckband in Thumby. "Lillis" Schwester ist fünf Tage nach der Geburt gestorben, die Mutter bei der Geburt der Zwillinge. Überleben konnte "Lilli" nur, weil sie bei Familie Leckband liebevoll gepflegt wurde. In wenigen Wochen soll "Lilli" wieder in die Freiheit entlassen werden, um sich ihren Artgenossen anzuschließen. Einen Zoo, Tierpark oder Wildgehege konnten Leckbands in Schleswig-Holstein für ihr Findelkind nicht finden. Nun soll das Tier nach dem Frost im Frühjahr ausgewildert werden.

Anfang Mai 2010 wurde Ralf Leckband, Hegeringleiter Mittelschwansen, zur Hilfe gerufen. Ein Gärtner hatte auf einer Wiese zwei frisch geborene Rehkitze gefunden. Etwas weiter lag die Mutter, die vermutlich bei der Geburt verstarb, berichtete Leckband. In einem Korb mit Gras brachte er die nur 1100 und 750 Gramm leichten Tiere nach Hause. Die Familie wollte die beiden aufziehen.

"Nicht leicht", wie Brigitte und Ralf Leckband feststellen mussten. Vorsorglich hatte der Hegeringleiter knapp 100 Milliliter der sogenannten Biestmilch bei der toten Mutter gemolken. "Damit bekommen die jungen Tiere quasi eine Schutzimpfung", berichtet der Jäger. Während das eine Kitz nach anfänglichen Problemen die Milch nahm, hatte das leichtere Tier keinen Schluckreiz, wie Brigitte Leckband feststellte. Es starb zwei Tage später. Ab sofort war die Thumbyerin die Ersatzmutter des Rehnachwuchses. Diese Prägung sei noch heute festzustellen, berichtet das Paar. Brigitte Leckband könne das Tier streicheln, während es bei allen anderen Personen Abstand halte.

Und so zog "Lilli" ins Gästezimmer, wo sonst auch Welpen groß gezogen werden. "Ausgerüstet waren wir gut, aber wir wussten wenig darüber, was das Tier in dem Alter an Nahrung brauchte", berichtet Ralf Leckband. Gute Hilfe bot Lämmeraufzuchtmilch. Aber es war anstrengend. Die ersten drei Monate gab Brigitte Leckband dem Tier drei bis vier Mal in der Nacht die Milchflasche. "Lilli" wuchs gut. Sie wurde größer und brauchte mehr Auslauf. Zudem stand die Urlaubszeit an, in der sich die Familie nicht um das Kitz kümmern konnte.

Auf dem Hof Neuteich bei Thomas Dahl fanden Leckbands Hilfe. Dort konnte "Lilli" in einem rund 100 Quadratmeter großen Auslauf unterkommen. Die Milchflasche gab ihr dann Anke Kühl, eine Freundin der Familie Leckband. Da "Lilli" aber so auf Brigitte Leckband geprägt war, musste Anke Kühl zunächst Kleidung von ihr tragen, damit das Reh sich füttern ließ. Später wurde es besser. Nach der Milch gab es Rapsblätter, Strauchrinde und Knospen, Pellets, Obst, Nüsse und Körnerfutter für das Reh. Alles Dinge, die "Lilli" bald auch selbst in der Natur finden kann. Dabei halfen auch die Söhne Leon und Mika kräftig mit. Sie waren begeistert, als die Frage anstand, das Reh aufzunehmen, berichtet ihre Mutter.

An sich sollte "Lilli" schon im Dezember ausgewildert werden, aber da "hing sie noch an der Milchflasche, und es lag sehr viel Schnee", berichten die Pflegeeltern. Nachdem Anfragen bei allen Tierparks und Wildgehegen im Land zwecks Aufnahme des Tieres fehlschlugen, fiel nun die Entscheidung, das Tier in Mittel schwansen auszuwildern. Dazu soll die Tür des Auslaufs, der Hof liegt weit weg von der Straße, offen bleiben, damit das Reh auf eigene Faust seine Umgebung entdecken kann. "Die Tür bleibt immer offen, Lilli kann zurückkommen", sagt Ralf Leckband. Er sei aber zuversichtlich, dass sich "Lilli" anderen Rehen anschließen werde. "Die Auswilderung ist für uns ganz spannend zu beobachten, wir wissen ja auch nicht genau, was passieren wird", so der Jäger. Sorgen, dass sich "Lilli" zu sehr an Menschen, Hunde und Autos gewöhnt habe, haben Leckbands nicht. Zur Identifizierung bekommt sie zwei Marken an den Ohren, außerdem sollen alle Nachbarjagdreviere informiert werden.

Es sei gut und richtig, dass "Lilli" jetzt bald wieder in Freiheit kommt, räumt Brigitte Leckband ein. Bei aller Vertrautheit sei es doch ein Wild- und kein Kuscheltier. Brigitte Leckband ist sehr froh über die Erfahrung. Ob sie das Tier vermissen werde ? Nein, das sei schon gut so, außerdem werde ihr Mann später im Revier sicherlich auch mal auf "Lilli" stoßen, dann könne er ja berichten, wie es ihr gehe.

Auch wenn die Aufzucht bei ihnen gut gelang, solle man sich das nicht zu leicht vorstellen. Deshalb rät Leckband auch dringend davon ab, zu leichtfertig vermeintlich verlassene Wildtiere anzufassen und mitzunehmen.

zur Startseite

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen