Sprachkursus : Lernen für eine bessere Zukunft

Anhand eines Lernbogens paukt Malik Ali (rechts) mit Maia Doetsch (links) deutsche Vokabeln.
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Anhand eines Lernbogens paukt Malik Ali (rechts) mit Maia Doetsch (links) deutsche Vokabeln.

Ehrenamtler wie Helga Ramge unterrichten zweimal wöchentlich Flüchtlinge in der deutschen Sprache.

shz.de von
05. Januar 2015, 07:30 Uhr

Die Gruppe ist inzwischen beim X angekommen. Mixer, Praxis. Der Weg bis dahin hat mehrere Monate gedauert, so lange unterrichtet Helga Ramge mit einer Engelsgeduld ihre Schüler. Zweimal in der Woche bittet die Kappelnerin sie dafür in die Räume des „Sozial-Forums“ am Zob, „Deutsch als Zweitsprache“ heißt ihr Kursus, von dem Menschen, deren Muttersprache Persisch, Serbisch oder Arabisch ist, profitieren sollen. Seit Kurzem hat Ramge dabei Unterstützung von Maia Doetsch aus Rügge. Und ganz nebenbei bieten die beiden den Flüchtlingen auf diese Weise gleich noch ein Stück Alltagsstruktur dazu.

Malik Ali ist vor fünf Monaten in Kappeln angekommen, seit vier Monaten lernt er deutsche Vokabeln, Aussprache, Grammatik und die merkwürdigste aller deutschen Spracheigenheiten – die drei Artikel. „Am Anfang war es schwer“, sagt der Syrer. „Jetzt wird es langsam besser.“ Seine Lehrerin Helga Ramge verteilt neue Arbeitspapiere, der 24-Jährige sitzt davor und versucht, den aufgemalten Begriffen die deutschen Wörter zuzuordnen, Bleistift in der einen, Radiergummi in der anderen Hand. Mit neun anderen Flüchtlingen sitzt er an einem ovalen Tisch, in der Mitte Gläser, Wasserflaschen. Es ist eine lockere Runde, aber nicht zu locker, immerhin geht es hier um etwas Existenzielles. Malik Ali weiß, dass er seine Sprachkenntnisse verbessern muss. „Es ist mir wichtig, Deutsch zu lernen“, sagt er. „Deshalb versuche ich, so viel Unterricht wie möglich mitzumachen.“ Wenn die Stunde mit Helga Ramge vorbei ist, wird er gleich eine zweite mit Berit Schneider dranhängen.

Der Unterricht ist allerdings nicht nur eine Herausforderung für die Sprachschüler, auch Helga Ramge investiert einiges in ihr Ehrenamt. „Es ist viel Arbeit“, sagt die studierte Lehrerin. Zeitaufwändige Materialsuche im Internet, Arbeitsblätter zusammenstellen, Vor- und Nachbereitung, hundertprozentige Konzentration während des Kurses, um auch allen gerecht zu werden. Und sie hat eine unumstößliche Regel gleich zu Beginn aufgestellt: „Religion und Politik bleiben draußen.“ Ein Ansatz, der funktioniert. Vermutlich weiß jeder der Kursteilnehmer, woher sein Gegenüber kommt – eine Rolle spielt es nicht. Helga Ramge sagt: „Der Mazedonier hilft dem Serben, der Syrer kann sich mit dem Iraner verständigen.“ Jede Menge unterschiedliche Kultur gepresst auf einen minimalen Raum – und trotzdem knallt es nicht. Es ist auch ein kleines Symbol, das dieser Sprachkursus aussendet.

Seit einem halben Jahr lebt Nour Godhan in Kappeln, ihre Heimatstadt ist Aleppo, schon seit Langem die traurige Schlagader der Gewalt in Syrien. Die 23-Jährige, die mitten im Studium stand, als sie ihr Land verlassen musste, hat ein klares Ziel. „Ich möchte Deutsch lernen, um nicht arbeitslos zu sein“, sagt sie. Ihr Traum? „Lehrerin zu werden.“ Derzeit ist auch sie wieder Schülerin, konjugiert Verben, paukt Vokabeln. Helga Ramge setzt in ihrem Unterricht auf viele Wiederholungen, damit sich auch komplizierte Sachverhalte einprägen. Hin und wieder spickt sie ihre Beispielaufgaben mit ganz privaten Anekdoten, baut etwa Bilder ihrer Enkelkinder ein, um familiäre Beziehungen zu veranschaulichen, Begriffe mit Gesichtern zu versehen. „Es tut den Menschen gut, wenn sich der Unterricht etwas persönlicher gestaltet“, sagt die Ehrenamtlerin, die ihre Schüler nicht nur mit Sprache, sondern vereinzelt auch mit Kleidung versorgt. Dabei profitiert auch ihr Kursus selber von Spenden, Ramge berichtet vom DRK-Ortsverein Kappeln, der 500 Euro spendiert habe, die gleiche Summe habe ihr eine ihr unbekannte Frau in die Hand gedrückt – Geld, das in Unterrichtsmaterial investiert wird. So haben alle Schüler, die kostenlos am Unterricht teilnehmen, noch vor Weihnachten ein ganzes Lehrbuch samt CD erhalten.

Steht der Grundwortschatz, geht es im nächsten Schritt an die Alltagskommunikation, schließlich sollen Malik Ali und Nour Godhan irgendwann ihr neues Leben vollkommen selbstständig meistern können. Godhan übt deshalb auch zu Hause und traut sich genauso, mit fremden Menschen Deutsch zu sprechen. „Einmal hat mir ein Busfahrer dabei geholfen, das Wort Kappeln richtig auszusprechen“, sagt die 23-Jährige. Verbesserungen empfindet sie als Hilfe – nicht die schlechteste Voraussetzung, um eine neue Sprache zu lernen. Und dennoch wünscht sie sich, irgendwann nach Syrien zurückkehren zu können – „aber erst, wenn es sicher ist“.


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