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Inklusion : Lebenshilfe im Haus „Achterbahn“

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Ein Jahr Wohnstätte für behinderte Jugendliche in Süderbrarup: Verantwortliche des St. Nicolaiheims ziehen positive Bilanz am „Abend der Begegnung“.

Der „Abend der Begegnung“ hat in Kappeln längst Tradition. Auf Einladung der Kappelner Werkstätten und ihres Trägervereins St. Nicolaiheim Sundsacker kommen Vertreter der Stadt, der Nachbargemeinden, des Kreises, der Polizei, der Feuerwehr und der Kirche sowie von Vereinen und Verbänden in den Räumen der Kappelner Werkstätten im Mehlbydiek zu einem lockeren Gedankenaustausch abseits von Tagesordnungen und festgeschriebenen Regularien zusammen.

„Eine echte Begegnung kann in einem einzigen Augenblick geschehen“, sagte Johannes Jensen, Vorsitzender des Vereins, in seiner Begrüßung und erinnerte damit an den diesjährigen Leitsatz der Einrichtung. Er gemahnte die Anwesenden, unter ihnen die Bundestagsabgeordnete Sabine Sütterlin-Waack, die Landtagsabgeordneten Heike Franzen und Birte Pauls sowie Bürgermeister Heiko Traulsen, in ihren Bemühungen zur Inklusion nicht nachzulassen, denn: „Der Weg zu gleichberechtigter Teilhabe ist noch weit.“ Auf dem Weg zur Barrierefreiheit sei nicht nur das Wegräumen von Hindernissen notwendig, sondern es müssten auch die Barrieren im Denken beseitigt werden. „Das sind Dinge, an denen wir zu arbeiten haben“, sagte Jensen. Stefan Lenz, Geschäftsführer der Kappelner Werkstätten, forderte: „Wir müssen die inklusive Gesellschaft werden. Wir müssen noch viel mehr tun.“

Kreispräsident und Kappelner Heringskönig Ulrich Brüggemeier lobte die Arbeit der Werkstätten, die Vorbildliches leisteten. „Inklusion brauchen wir alle“, sagte er. „Sie leisten Großartiges“, ergänzte Kappelns Bürgervorsteherin Dagmar Ungethüm-Ancker. „Wer sich hier einmal umgesehen hat, wird gesehen haben, wie liebevoll und respektvoll hier mit Behinderten umgegangen wird.“ Zudem sei das St. Nicolaiheim Sundsacker einer der größten Arbeitgeber der Stadt.

Vor gut einem Jahr wurde das Haus „Achterbahn“ auf dem ehemaligen Gelände des Jugendaufbauwerkes (JAW) in Süderbrarup eröffnet. In dem Heim werden Kinder und Jugendliche mit besonderem Hilfebedarf – die früher als schwerbehindert bezeichnet wurden – betreut. „Die Kinder brauchen besonders hohe Betreuungsintensität und -dichte“, sagte Lenz. „In der Regel kommen die Kinder aus liebevollen Elternhäusern.“ Einige sind auf einen Rollstuhl angewiesen, manche sind ohne Sprache und ohne Eigenbewegung, etliche zeigen massive Verhaltensauffälligkeiten. „Früher sind diese Kinder verschwunden in der Psychiatrie“, so Lenz. Die Bewohner werden nach Möglichkeit auf einen Schulbesuch vorbereitet.

Nach einem Jahr Erfahrung mit der neuen Einrichtung berichteten die Mitarbeiterin Claudia Ketelsen, Heimleiter Olaf Kruse-Hamer und Bereichsleiterin Claudia Lamarti über den Einzug der ersten Bewohner und das Leben und Arbeiten in der Einrichtung. „Unsere Arbeit ist lebenspraktisch“ sagte Lamarti. Ziel sei vor allem die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft. Im Haus „Achterbahn“ finden bis zu 15 Kinder und Jugendliche mit besonderem Hilfebedarf Platz.

Die drei Mitarbeiter schilderten die Begebenheiten rund um die erste Bewohnerin namens Brunhilde, die das Heim nach der Eröffnung im Januar 2014 als erste bezog. Nach der Eingewöhnung hatte die Jugendliche „unheimlich Stress, überhaupt aus der ,Achterbahn’ herauszukommen, etwa um Müll rauszutragen“, erinnerte sich Claudia Ketelsen. Mittlerweile habe sie sich eingelebt, sogar die ersten Hürden überwunden, geht mittlerweile sogar zur Schule. Doch nun steht die nächste Herausforderung an. Brunhilde soll ein Praktikum in der Werkstatt absolvieren. Damit heißt es für sie, abermals die gewohnte Umgebung zu verlassen, neuen Menschen zu begegnen und erneut unbekannte Aufgaben zu bewältigen. Dies alles sei eine kolossale Herausforderung für Brunhilde, meinen ihre Betreuer, sind aber zuversichtlich, dass sie auch diese Aufgabe meistern wird.

Profitieren von der Betreuung würden aber auch die Eltern, sagte Claudia Lamarti. Sei ihr Leben vorher vollkommen auf die Betreuung ihres Kindes ausgerichtet gewesen, könnten sie nun wieder einer Arbeit nachgehen und am kulturellen Leben teilnehmen. Lamarti: „Teilhabe ist auch für die Eltern.“

Insgesamt betreut das St. Nicolaiheim 49 Kinder und Jugendliche mit besonderem Hilfebedarf. Die vom Verein betreuten Menschen stammen überwiegend aus Schleswig-Holstein, einige kommen aus Hamburg und wenige aus Niedersachsen. 40 Prozent kommen aus der Region.

Geschäftsführer Stefan Lenz ließ keinen Zweifel daran, dass die Kinder und Jugendlichen, die sie betreuen, immer einen intensiven Unterstützungsbedarf haben werden. Im Alter zwischen 18 und 20 wechseln die Bewohner meist in den Erwachsenenbereich. Gelegentlich schaffe auch mal jemand den Weg ins Wohnheim, in ein selbstständigeres Leben, so Lenz. Eines hätten sie aber alle gemeinsam, so Stefan Lenz. „Sie sind alle Schätze.“

 

 

 

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erstellt am 24.Feb.2015 | 09:45 Uhr

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