Holtorf-Vernissage : Kunsthaus Hänisch besteht Feuertaufe

Vor Porträtzeichnungen von Hans Holtorf, Lutz Theen und Hedda Theen-Pontoppidan diskutierte unter anderem Dr. Thomas Gädeke, Leiter der Grafischen Sammlung auf Schloss Gottorf.
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Vor Porträtzeichnungen von Hans Holtorf, Lutz Theen und Hedda Theen-Pontoppidan diskutierte unter anderem Dr. Thomas Gädeke, Leiter der Grafischen Sammlung auf Schloss Gottorf.

80 Besucher erlebten gestern Vormittag bei der Holtorf-Ausstellung die erste Vernissage nach dem Umbruch im Verein.

shz.de von
19. Januar 2015, 07:30 Uhr

Es war vielleicht auch ein Stück Neugier, das die geschätzten 80 Menschen gestern Vormittag ins Kunsthaus Hänisch lockte. Wie würde sie aussehen – die erste Ausstellung nach dem, was der Vorstand selber als Schnitt bezeichnet hatte? Die erste Schau ohne die langjährige künstlerische Leiterin Dr. Christina Kohla? Wertet man Atmosphäre, Aufmerksamkeit und das künstlerische Interesse der Anwesenden, kann es nur eine Antwort geben: Der Neustart nach dem Einschnitt ist geglückt. Pate dafür standen die Künstler Hans Holtorf, Lutz Theen, Hedda Theen-Pontoppidan und Heinrich Kutzer. Ihre Werke sind ab sofort bis zum 5. April im Kunsthaus zu sehen.

Kunsthistorikerin Ina Jessen stimmte das Publikum auf die rund 80 Bilder, die auf den zwei Etagen des Hauses zu sehen sind, mit Worten und einer kleinen PowerPoint-Präsentation ein. Die Expertin, die derzeit damit beschäftigt ist, ein Holtorfsches Werkeverzeichnis zu erstellen, legte ihren inhaltlichen Schwerpunkt auf den 1984 verstorbenen Maler und zeigte dessen eigene künstlerische Entwicklung an ausgewählten Bildern auf. Das Bemerkenswerte an Holtorf: Im Laufe seines Schaffens wurde aus einem Expressionisten ein Impressionist – vom groben Farbauftrag hin zum feinen Pinselstrich. Ina Jessen attestierte Holtorf zu Beginn seiner Tätigkeit kontrastreiche Farben, die er dick gespachtelt, „nahezu plastisch“ aufgetragen habe. „Später wandelte sich sein künstlerisches Schaffen und Form und Farbe“, sagte die Hamburger Kunsthistorikerin. Helle Töne überwogen, in Holtorfs Stil erkannte Jessen nun „etwas Zeichnerisches“, etwas Naturalistisches – ein Umstand der zunahm, je älter der Maler wurde. „Es geht nicht länger um Impulsivität, sondern eher um das zarte Einfangen eines Momentes“, sagte die Expertin. Als Belege dienten ihr zum einen der „Weg in die Marsch“ von 1927, zum anderen die „Windwolken“ von 1955 – die übrigens geschickt aufgeteilt im Kunsthaus zu finden sind: Im Erdgeschoss ist der frühe, impulsive Holtorf zu entdecken, im Obergeschoss der späte, zarte Holtorf. Und tatsächlich fällt auf: Der „Weg in die Marsch“ zieht den Betrachter mit kräftigem Grün, Gelb und Blau ins Bild hinein, es mutet intensiv, fast greifbar an. Die „Windwolken“ dagegen sind nahezu einfarbig gehalten, wirken weich und verträumt, fast pudrig in ihrer Darstellung. Gemein ist beiden Stilarten, die Holtorf in sich eint, allerdings das Thema. Jessen erklärte dazu: „Er war sehr vertraut mit der Schleiregion. Und dieser regionale Einfluss setzt sich in seinem gesamten Werk fort.“

Holtorfs Hinwendung zum Naturalistischen hat derweil auch seine Schüler Lutz Theen, Hedda Theen-Pontoppidan und Heinrich Kutzer beeinflusst, die er, so führte es Jessen aus, während seiner Lehrtätigkeit auf Spiekeroog unterrichtet hatte. Aus einem Brief, den die 2013 verstorbene Hedda Theen-Pontoppidan an Ina Jessen geschrieben hatte, geht zudem ein ausgeprägter Hang zur Detailverliebtheit hervor – deutlich zu erkennen bei Theen-Pontoppidans Feder- und Tuschezeichnungen einer Steilküste, bei Heinrich Kutzers Tierzeichnungen von Pferd oder Ente sowie bei Lutz Theens Kohle- und Bleistift-Werken, die das Ostseeufer oder eine Weidenallee zeigen. Jessens Fazit: „Alle vier haben einen besonderen Bezug zur Natur und zur Küstenlandschaft.“ Gerade deshalb sei auch der Titel der Ausstellung „Wasser und Himmel im Auge“ durchaus passend gewählt.

Für Dr. Renate Fechner, die als ehrenamtlich tätige künstlerische Beraterin das Kunsthaus erstmals bei einer Ausstellung begleitet hat, ist eben diese Mischung aus Lehrer Holtorf und drei Schülern, die den Reiz der Schau ausmacht, außerdem der Umstand, dass auch die frühen Holtorf-Bilder zu sehen sind. „Den Holtorf ab den 30er-Jahre kennen wir“, sagte Fechner gestern. Das Frühwerk aber sei besonders interessant. Übrigens hat Fechner die Gunst der Stunde genutzt und gleich ein Bild erworben – wenn auch keinen Holtorf, sondern eine Meereslandschaft von Lutz Theen.

Zu den Vernissage-Besuchern zählte derweil auch der Schleswiger Maler Claus Vahle, der vor ziemlich genau zwei Jahren selbst im Kunsthaus ausstellte. „Es ist toll, dass dieses Haus aufrecht erhalten wird“, kommentierte er am Rande die Geschehnisse, die zum Umbruch am Jahresende geführt hatten. „Ich hatte doch etwas Sorge, dass das nicht so sein könnte, denn dann würde Kappeln und der Region wirklich etwas fehlen.“ Vahle war nicht der einzige, der das Kunsthaus gestern Mittag in gelöster Stimmung verließ. Die Feuertaufe ist eindeutig bestanden.

> „Wasser und Himmel im Auge“, Kunsthaus Hänisch, Schmiedestraße 53: mittwochs bis sonntags, 11 bis 17 Uhr (bis 5. April); Führungen (ohne Anmeldung): Freitag, 30. Januar, 17 Uhr; Sonnabend, 7. Februar, 11 Uhr; Sonntag, 22. Februar, 11 Uhr; Sonnabend, 7. März, 11 Uhr; weitere Termine sind unter Tel. 0  46  42  / 21  05 abzusprechen

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