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Aus der Reihe „Originale“ : Kein Spiel ohne diesen Bus

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Günni Kruse aus Jagel kommt nirgends unerkannt vorbei – auch wegen seines Hanomags „Hermann“. Der kommt sogar mit zum Fußball.

von
erstellt am 28.Okt.2014 | 12:30 Uhr

  Sie sorgen nicht unbedingt für Schlagzeilen, sind aber in ihrer Heimat bekannt wie ein bunter Hund: In unserer Serie porträtieren wir gemeinsam mit der Fotografin Susanne Panozzo Menschen, die auf ihre ganz eigene Art unverwechselbar sind. Weil sie echte Typen sind – Originale eben.

 

Irgendwie dreht sich alles um Hermann. Seit 25 Jahren. Wenn Günni Kruse ihn sieht, freut er sich, wenn er ihn fährt sowieso, und irgendwie ist er ein Teil der Familie geworden. Schwer zu sagen, wann Günni mehr ins Schwärmen gerät: Wenn er über Hermann spricht oder über sein Fußball-Trainingslager für Kinder, das er seit 13 Jahren organisiert. Mit Hermann mitzuhalten, ist aber auch schwer. Der Hanomag-Bus hat fast 45 Jahre auf dem Buckel, und ihn gibt es einfach nur einmal auf dieser Welt. „Der ist mein treuer Begleiter“, sagt der 51-Jährige aus Jagel.

Den Bus, den er selbst um- und ausgebaut hat, zieren lauter Bilder, kleine Geschichten. Da sind Stan und Olli, die von der Motorhaube grüßen, Pyramiden und die Sphinx, hinten Dali-Uhren, und daneben klebt sogar eine richtige Uhr, und die funktioniert. Die Geschichte, wie das alles da drauf gekommen ist, ist so bezaubernd wie Günni und sein Bus selbst. Hermann, ein 17 Jahre altes Mädchen aus Ulsnis, eine gute Freundin – „die wurde so genannt, ich weiß gar nicht genau, warum“ – hat sich im Jahre 1990 des Busses angenommen. Nachdem Günni den grauen Hanomag 1989 für 500 Mark von seinem Bekannten Kuddel aus Böklund gekauft und repariert hatte, fuhr er ihn zu Hermann. Bei ihr hatte Günni mal ein Ölgemälde gesehen, gleich gesagt: „Sowas möchte ich auf meinem Bus.“ Schnell war klar, was Hermann, das Mädchen, die ganzen Sommerferien über tun würde: malen. Als Günni den Bus zurückbekam, war er wie verwandelt – und Günni und Hermann, wie er ihn dann taufte, von nun an ein Team.

„Das ist das allererste Bild von meinem Hermann“, sagt er und öffnet ein kleines Fotobuch. Dann erzählt er. Dass die weiteste Fahrt, die Hermann je machte, Mitte der 80er zum Münchner Oktoberfest führte, seine Frau Petra und er 16 Liter Öl nachkippen mussten. Oder dass sie damit zehn Jahre in Serie zum Roskilde-Festival fuhren. Hermann war vor 20 Jahren sogar ihre Hochzeitskutsche, die Töchter Jördis und Maite, heute 17 und 15, wuchsen in und mit ihm auf, und er kommt mit zu jedem Fußballspiel. Er ist ein Teil von Günni. Der Mann mit der Igelfrisur und dem dünnen Pferdeschwanz könnte stundenlang spannende Geschichten nur von ihm erzählen. Doch dann gibt er Einblick in den anderen großen Teil seines Lebens, den Fußball.

Seit er 1963 geboren wurde, als Ernst-Günther, sein heute fast vergessener Name, hat er Jagel nie verlassen. „Ich komm hier wunderbar klar, hier will ich nicht weg“, sagt er. 1977, mit 14, trainierte er dort seine erste Mannschaft. Günni wollte nie Fußballstar werden. „Ich hab auch gespielt, aber in kleineren Ligen, zweite oder dritte Mannschaft, aber sonst war es bei mir immer der Jugendfußball.“ Hier fühlt er sich zu Hause, hier kennen ihn alle. Heute ist er Trainer beim FC Haddeby 04, und 2002 rief er seinen Fußball-Ferienspaß ins Leben. Seitdem werden in den Sommerferien rund 100 Kinder vier Tage lang kostenlos auf dem Sportplatz in Jagel trainiert, gekrönt von einem Familien-Spaßturnier. Auch Turniere mit mehr als 800 Teilnehmern hat er organisiert, mit vielen treuen Helfern. Viele davon hätte es, wie den Ferienspaß, ohne Günni nie gegeben. „Am wichtigsten war mir, dass der Ferienspaß nichts kostet, denn es gibt so viele Fußballschulen, da zahlt man 100 Euro für ein paar Tage“, sagt er. „Ich wollte, dass es ohne Bezahlung geht.“ Und es geht.

„Ich lauf mit meiner Mannschaft durch Jagel, wir klingeln an den Türen und haben, was wir brauchen“, sagt er lachend. Es gebe kein Haus, wo nicht gespendet werde, „und das ist das Tolle, viele unterstützen uns“. Auch Geschäftsleute, die anriefen und sagten: „Mensch Günni, nächstes Mal will ich aber die T-Shirts spendieren.“ Und wenn der Ferienspaß läuft und eine helfende Hand fehlt, geht das so: „Ich setz mich aufs Rad, fahr an ein paar Gärten vorbei und hab die Leute zusammen.“ Günni hat dann nicht mal frei. Er ist seit 30 Jahren Lkw-Fahrer bei der Tierkörperverwertung in Jagel, düst „von Farm zu Farm“, sammelt Kadaver ein. Doch wenn die Fußballschule läuft, startet er früher, damit er rechtzeitig auf dem Platz steht. „Ich erlebe so viel Positives, das spornt an. Das Ehrenamt kostet mich viel Zeit, aber entweder ich mache es ordentlich, oder gar nicht.“

Ab November wohnt Hermann wieder in der Garage. Durch den Winter kämpft sich Günni mit ihm nicht. Aber ab April fährt er ihn auch mal wieder mitten auf den Fußballplatz, als Unterschlupf bei Regen, oder als Schiri-Raum. „Es gibt kein Turnier ohne Hermann. Und auch, wenn der mal nicht mehr fährt – der kommt nie weg.“


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