Kappeln : „Jan hat ein Händchen für Tiere“

Jan Schmidt (li.) ist gut angekommen auf dem Hof von Andreas Flüh. Seit 1. April ist er hier fest angestellt.
Jan Schmidt (li.) ist gut angekommen auf dem Hof von Andreas Flüh. Seit 1. April ist er hier fest angestellt.

„Budget für Arbeit“ hilft Menschen mit Behinderung, außerhalb einer Werkstatt eine feste Anstellung zu finden.

shz.de von
25. Mai 2018, 07:00 Uhr

Sein Arbeitstag beginnt um 5.30 Uhr. Wenn Jan Schmidt auf dem Hof von Andreas Flüh ankommt, beginnt der 29-Jähre sofort mit seinen Aufgaben: „Zuerst wird der Milchtank vorbereitet, da müssen die Filter getauscht und die Schläuche angeschlossen werden“, sagt er. Dann wird der Melkstand sauber gemacht, die Kühe werden in den Warteraum getrieben, Liegeflächen und Futtertisch gereinigt. Gegen 6 Uhr kommt der Chef – dann kann das Melken beginnen.

Seit zwei Jahren arbeitet Jan Schmidt auf dem Hof in Rabenkirchen-Faulück. Vorher war er in der Schlosserei in den Kappelner Werkstätten des St. Nicolaiheims Sundsacker beschäftigt. Jetzt hat er seine erste feste Anstellung außerhalb der Werkstätten mit einem eigenen Arbeitsvertrag. Das ist mit dem Projekt „Budget für Arbeit“ möglich geworden. Es ist Teil des Gesetzes zur Stärkung der Teilhabe und Selbstbestimmung von Menschen mit Behinderung, kurz Bundesteilhabegesetz, das in vier zeitlichen Stufen zwischen 2017 und 2023 greift. Das „Budget für Arbeit“ ist ein Bestandteil der zweiten Stufe und zum 1. Januar 2018 in Kraft getreten ist. „Das Projekt „Budget für Arbeit“ erleichtert den Übergang von Menschen mit Behinderung aus Werkstätten oder Beschäftigungsprojekten in eine sozialversicherungspflichtige Anstellung auf dem ersten Arbeitsmarkt“, erklärt Rosita Hansen, pädagogische Leiterin im St. Nicolaiheim. Das „Budget für Arbeit“ besteht aus zwei Komponenten: Die Arbeitgeber erhalten vom Träger der Eingliederungshilfe einen Zuschuss in Höhe von bis zu 75 Prozent des Bruttolohns. Die Angestellten erhalten eine ambulante pädagogische Betreuung, um Beeinträchtigungen so gut es geht auszugleichen und die Integration zu erleichtern. „Sollte das nicht gelingen, ist eine Rückkehr in die Werkstätten jederzeit gewährleistet, der Werkstattstatus bleibt erhalten“, ergänzt Volker Knoop, der diese Betreuung im Fall von Jan Schmidt übernommen hat.

Mit einem Praktikum im März 2016 hat auf Hof Flüh für Jan Schmidt alles begonnen. „Schon nach zwei Wochen war klar – das mit uns, das passt“, erinnert sich Andreas Flüh, der den Milchviehbetrieb mit 115 Tieren vor einigen Jahren von seinen Eltern übernommen hat. Aus dem Praktikum wurde ein sogenannter Außen- oder kundennaher Arbeitsplatz. Das bedeutet, dass Jan Schmidt weiterhin Beschäftigter der Kappelner Werkstätten blieb. „Mit allen Rechten und Pflichten, das hat nichts mit Leiharbeit zu tun“, klärt Volker Knoop auf.

Mit dem 1. April dieses Jahres haben Andreas Flüh und Jan Schmidt Nägel mit Köpfen gemacht und den Arbeitsvertrag unterschrieben. „Das war für uns beide das erste Mal“, sagt der Landwirt, der von seinem Mitarbeiter komplett überzeugt ist. „Jan hat von Anfang an gezeigt, dass er Lust zu der Arbeit hat, und er ist sehr zuverlässig“, sagt der 49-Jährige. „Das ist besonders wichtig, weil es auf dem Hof um Kühe und Kälber geht. Trecker fahren wollen sie alle, aber Jan hat ein Händchen für Tiere, das ist etwas Besonderes.“ Und Andreas Flüh genießt die Hilfe: „Wenn ich Jan kommen höre, schenke ich mir noch eine Tasse Kaffee ein. Das ist für mich Luxus“, sagt er und lacht. Auch der Rest der Familie hat Jan Schmidt ins Herz geschlossen. Was noch nicht so klappt: „Wenn mich jemand ablenkt, vergesse ich, was ich zu tun habe“, verrät er. Auch mit Schreiben und Zahlen habe er es nicht so. „Daran arbeiten wir“, sagt Volker Knoop. Gemeinsam werden Checklisten erarbeitet. Einmal in der Woche kommt der ausgebildete Heilerzieher für zwei Stunden vorbei. „Unterstützte Kommunikation“ heißt es dann. „Und wenn er die Checklisten hat, wird er noch sicherer und selbstständiger werden“, ist Andreas Flüh überzeugt.

Die Maßnahme läuft zunächst ein Jahr, dann werden die Abläufe überprüft und individuell angepasst. „Die Kappelner Werkstätten gehörten zu den ersten, die das Programm hier im Kreis umsetzen konnten. Und Jan ist der erste, der es bei uns versucht und bei dem es so funktioniert hat“, sagt Rosita Hansen.




> www.kappelner-werkstätten.de







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