Arnis : Internet in allen Ecken der Stadt

Das Arnisser Rathaus könnte ein Standort eines Freifunk-Routers sein.
Das Arnisser Rathaus könnte ein Standort eines Freifunk-Routers sein.

Arnis peilt ein flächendeckendes Freifunk-Netz bis zur Feier des Stadtgeburtstages im Sommer an.

shz.de von
17. Januar 2017, 07:00 Uhr

Stellen Sie sich vor, es spielt keine Rolle, an welcher Stelle einer Stadt Sie sich gerade aufhalten – die Wlan-Verbindung funktioniert einwandfrei. Eine Utopie? Zumal in einer ländlich geprägten Gegend wie dieser? Vielleicht. Und trotzdem will Arnis dieses Experiment wagen. Flächendeckendes Internet heißt das Zauberwort, und auch wenn „flächendeckend“ im Falle der Stadt Arnis tatsächlich überschaubar ist, gehört einiges an Technik und Überzeugungskraft dazu, um die Sache Wirklichkeit werden zu lassen. Denn umsetzen sollen es am Ende möglichst viele gemeinsam.

Mit Carola Fichtner und Nils Ehnert hatten sich die Arnisser Stadtvertreter zwei Experten zum Thema Internet eingeladen. Fichtner und Ehnert sind Inhaber des Unternehmens „Netzperfekt“, das seit eineinhalb Jahren in Arnis, aber bereits seit 20 Jahren in der Software-Entwicklung zu Hause ist. Und Carola Fichtner startete mit Grundsätzlichem. „Gäste erwarten Internet“, sagte sie. Punkt. Das erste Axiom. Das zweite: „Und zwar nicht nur innerhalb der Ferienwohnung.“ Der Großteil der Stadtvertreter musste offenbar nicht besonders tief in sich hineinhorchen, um beide Devisen im Stillen bestätigen zu können. Widerspruch regte sich jedenfalls keiner, zumal die Kommunalpolitiker selber in ihrer November-Sitzung freies Wlan bereits als Werbeplus für ihre Stadt erkannt hatten. Und auch Fichtner erklärte nun, dass Urlauber online gerne nach touristischen Informationen suchen, E-Mails versenden, den Wetterbericht abrufen, Fotos teilen und in sozialen Medien unterwegs sind. „Für Sie ist das also eine gute Gelegenheit, Urlaubernähe zu zeigen“, lautete ihr Fazit in Richtung der Stadtvertreter.

Nils Ehnert stieg danach kurz in die nicht ganz einfachen, aber notwendigen technischen und vor allem rechtlichen Voraussetzungen ein, die bei einem freien Wlan nach wie vor problematisch sind. „So lange ein Wlan-Zugang passwortgeschützt ist, ist alles klar“, sagte Ehnert. „Schwierig wird es dann, wenn es ein offener Zugang ist.“ Das betreffe in erster Linie Haftungsfragen bei der Verbreitung rechtlich nicht einwandfreier Inhalte – Stichwort Störerhaftung. Als Alternative brachte Ehnert den sogenannten Freifunk ins Spiel. Dahinter verbirgt sich eine nichtkommerzielle Initiative, die ein freies Funknetz aufbaut und betreibt. Das Besondere: Das Freifunknetz speist sich aus örtlichen Netzwerken, die einzelne Menschen zur Verfügung stellen. Nach den Worten Ehnerts ist dazu ein zweiter Router erforderlich, der Daten über ausländische Knotenpunkte ins Netz leitet und auf diese Weise die Störerhaftung, die beispielsweise in Schweden gar nicht existiert, umgehen kann. Ehnert: „Das ist stark verbreitet.“ Konkret hieße das: Eine Privatperson zahlt den Freifunk-Router (Ehnert sprach von einmaligen Anschaffungskosten zwischen 25 und 90 Euro) plus den Stromverbrauch (etwa 15 Euro im Jahr nach Ehnerts Rechnung) für die Allgemeinheit und ermöglicht so eine großflächig stabile Internetverbindung. Die einfache Kalkulation: Je mehr Menschen mitmachen, desto flächendeckender das Internet. Und: „In Arnis gibt es bereits eine Freifunk-Keimzelle“, sagte der Experte und führte acht Personen beziehungsweise Unternehmen an, die bereits genau das anbieten. Für seine eigene Firma erklärte Nils Ehnert, dass man gerne bereit sei, sich in einem gewissen Rahmen ehrenamtlich einzubringen, denn: „Das liegt uns wirklich am Herzen.“

Der Arnisser Bürgermeister Bernd Kugler baute nach diesen Worten gedanklich bereits je einen Router am Rathaus und am Feuerwehrgerätehaus auf und kündigte an: „Wenn die Arnisser das möchten, ist die Stadt bereit, die Sache ganz praktisch zu unterstützen.“ Und Kuglers Prognose: „Ein Teil der Bürger freut sich bestimmt, da mitmachen zu können.“ Carola Fichtner und Nils Ehnert wollen, um eben diesen Teil herauszufiltern, nun eine Umfrage in Arnis starten, außerdem mittels einer Ortsbegehung bemessen, an welchen Stellen Router erforderlich sind. Kuglers Fazit am Ende des Abends: „Wir haben großes Interesse und möchten das gerne umsetzen.“ Und vielleicht ist Arnis dann tatsächlich pünktlich zum 350. Geburtstag die erste Stadt Deutschlands mit flächendeckendem Internet.

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