Mit Auszeichnung bestanden : In Kappeln das Handwerk gelernt

Nähen gehört zum Beruf, dabei kommt es auf Genauigkeit an  - ein Fall für Julia Schütt. Foto: Welkener (2)
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Nähen gehört zum Beruf, dabei kommt es auf Genauigkeit an - ein Fall für Julia Schütt. Foto: Welkener (2)

Julia Schütt erzielte die beste Gesellenprüfung im Kreisgebiet / Ausbildung bei M-Segel / Die 42-Jährige hatte zuvor 17 Jahre lang einen Büro-Job

shz.de von
15. Oktober 2012, 07:49 Uhr

Kappeln/Rieseby | Die meisten Segelmacher haben vermutlich diesen Beruf gewählt, weil sie selbst gerne segeln und über das Hobby zum Beruf gekommen sind. Bei der 42-jährigen Julia Schütt war es anders. Sie hat vor einem guten Monat ihre Ausbildung bei M-Segel in Kappeln abgeschlossen - mit der kreisweit besten Gesellenprüfung ihrer Ausbildungsgruppe. Dabei hatte schon einiges erlebt, bevor sie dort angekommen ist, wo sie jetzt ist, nämlich bei der Segelmacherei EMW in Rieseby.

Julia Schütt hatte 17 Jahre lang einen soliden Büro-Job, war Personalreferentin bei einem Optiker. "Aber irgendwann kommt der Punkt, wo man keine Lust mehr hat", beschreibt sie ihre damalige Unzufriedenheit und erklärt weiter, dass sie sich nicht vorstellen konnte, diese Arbeit noch weitere 20 Jahre zu machen. Über regelmäßige Besuche bei ihren Eltern, die zu der Zeit auf einem Boot im Mittelmeer lebten, lernte sie einen Mann kennen. "Bis auf sechs Kisten habe ich in Deutschland alles aufgegeben und bin nach Sardinien gezogen." Dort lebte und arbeitete sie fortan auf einem alten Holzboot, das restauriert werden musste. Heute lacht Schütt darüber, wie viel Zeit sie damals für die Arbeiten an einer Persenning, einer wasserfesten Segel-Abdeckung, gebraucht hatte. Aber ihr Ehrgeiz war geweckt und sie fand Freude daran, sich handwerklich zu betätigen.

Nach dem Ende ihrer Beziehung zog es Schütt zurück nach Deutschland, wo sie zunächst ein Praktikum bei Lee Sails in Flensburg absolvierte. Es gefiel ihr, sie bewarb sich weiter und begann eine Ausbildung im Kappelner Betrieb M-Segel von Mirsad Herrmann. Er beschreibt Julia Schütt als loyal, integer und handwerklich extrem perfektionistisch. "Von mir bekommt sie eine Eins plus mit Sternchen", so Herrmann. Und nicht nur er, sondern auch die offiziellen Prüfer gaben ihr durchweg Bestnoten. Aufgrund ihrer Vorbildung konnte sie die Ausbildungszeit auf zwei Jahre verkürzen und bestand trotzdem alle Fächer mit sehr guten Noten. "Das Schulische war aber keine große Leistung", wiegelt sie ab. " Ich bin eher stolz auf mein praktisches Können."

Dass sie das sein kann, bestätigt auch ihr neuer Chef Eric Widuch. "Einige Zeit wird sie noch brauchen, aber in drei bis vier Jahren muss ich mir Gedanken machen, dass sie besser wird als ich", so der EMW-Chef lachend. Nach ihrer erfolgreichen Ausbildung hätte auch M-Segel die Gesellin gerne übernommen. "Ich bin wirklich traurig, dass sie weg ist. Ich hätte sie liebend gerne als Mitarbeiterin behalten", sagt Herrmann. Aber Schütt zog es vor, den Betrieb zu wechseln. Während M-Segel Segel und Persenninge anfertigt, wollte sie sich lieber auf Letzteres spezialisieren, weil diese Fertigung spannender und schwieriger sei. Auf diesem Gebiet möchte sie bei einem der Besten seines Fachs arbeiten: bei Eric Widuch. Herrmann nennt ihn einen "begnadeten Handwerker mit goldenen Händen". Bei EMW könne Schütt ihren Wissensdurst weiter stillen.

Als die 42-Jährige sich bei Widuch bewarb, war das für ihn ein Glückstreffer, weil eine Woche zuvor sein bisheriger Geselle der kleinen Werkstatt im Bahnhofsgebäude in Rieseby aus gesundheitlichen Gründen den Rücken kehren musste.

Gemeinsam stellen Widuch und Schütt in Maßarbeit Persenninge und Sprayhoods, aus Tuch gefertigte und vor Spritzwasser schützende Verdecke her, bieten Polsterarbeiten und Reparaturen an. Dass Segelmacher abwechslungsreiche Aufgaben haben, weiß Schütt sehr zu schätzen: "Jedes Boot ist anders, jeder Kunde hat andere Wünsche - Standard gibt es nicht."

Noch hat die Gesellin nicht vor, auch die Meisterprüfung abzulegen. "Erst einmal bin ich froh, dass das Schulische durch ist." Eins steht aber fest: Die Eignungsprüfung zur Ausbilderin möchte sie auf jeden Fall machen, denn in der Segelmacherei hat sie nun den Job gefunden, den sie noch ein paar Jahrzehnte machen möchte. Und ihr Chef ergänzt: "Hier können wir arbeiten, bis wir graue Haare kriegen."

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