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Kirchengemeinde Kappeln : Im Dienst der Menschenliebe

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Der Besuchsdienst der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Kappeln feiert 30-jähriges Bestehen.

shz.de von
erstellt am 08.Jun.2015 | 07:30 Uhr

Eigentlich hört es sich an wie das Einfachste auf der Welt. Jemanden besuchen – kostet nichts, kann doch jeder, spezielle Talente sind dazu kaum notwendig. Aber das ist nur der oberflächliche Blick. Wer tiefer hineindringt, erkennt schnell, dass es eben doch eine ganze Menge kostet, jemanden zu besuchen, dass es eben nicht jeder kann. Wer das tut, trägt vor allem eines in sich: den Wunsch, einem anderen Aufmerksamkeit und Zeit zu schenken, ihm beizustehen, ihn durch eine vielleicht sogar äußerst schwere Zeit zu begleiten. Es gibt ein Wort dafür, das für manche altmodisch klingen mag, das aber in Wirklichkeit an Aktualität und Notwendigkeit nichts eingebüßt hat: Nächstenliebe. Der Besuchsdienst der evangelisch-lutherischen Kirchengemeinde Kappeln verleiht dieser Nächstenliebe seit 30 Jahren ein Gesicht.

Zehn Menschen hatten sich zuletzt dem Besuchsdienst verschrieben. 1985 war dieser Kreis aus einer Initiative des damaligen Pastors Hubertus Hotze entstanden. Bis dahin hatte es Menschen gegeben, die andere Gemeindemitglieder zu deren besonderen Geburtstagen besuchten, Hotze aber wollte noch mehr. Und Hildegard Hartwigsen wusste schon damals genau, was sie nicht wollte. „Ich habe ihm gesagt, dass ich nicht mit der Bibel unterm Arm zu den Menschen laufe“, sagt sie. Das stand auch für Hubertus Hotze nicht an erster Stelle. Ihm ging es vor 30 Jahren darum, Menschen zu finden, die andere aus ihrer Einsamkeit herausholen, ihnen zeigen, dass sie genauso dazu gehören wie jeder andere, dass sie wichtig sind. Das wollte Hildegard Hartwigsen gerne tun. Wie Brunhilde Luth ist sie von Beginn an dabei – und über die beiden Damen wie auch über die anderen Ehrenamtler im Besuchsdienst sagt Pastor Christoph Sassenhagen: „Sie lassen die Liebe gegenüber den Menschen Wirklichkeit werden. Ihre Arbeit ist wichtig für so viele.“

Tatsächlich weiß keiner der Ehrenamtler, wie viele Stunden er in den Besuchsdienst investiert, wie viele Begegnungen er erlebt hat. Entscheidend ist für jeden aber ohnehin etwas vollkommen Anderes. Claudia Prahl sagt: „Es gibt eine Dame, die schwebt jedes Mal mit mir zur Tür, wenn ich wieder gehe. Diese Begegnungen sind absolut bereichernd. Ich glaube, viele wissen gar nicht, dass sie damit gleichzeitig anderen und sich selber etwas Gutes tun.“ Christoph Sassenhagen sieht das ganz ähnlich. Der Pastor erkennt im Besuchsdienst die Chance, einem anderen ein gutes Leben zu ermöglichen, dafür zu sorgen, dass er oder sie wieder Licht sieht. Und auch er sagt: „Dieses Ehrenamt trägt dazu bei, die eigene Lebensqualität zu steigern.“

Dabei gehen die zehn Frauen des Besuchskreises nicht ohne Anleitung in ihre Aufgabe. Sie erhalten Schulungen, Tipps zur Gesprächsführung, versuchen sich durch Rollenspiele auf bestimmte Situationen besser einzustellen. Und einmal im Monat kommen sie im Christophorushaus zusammen, um sich über Erlebtes auszutauschen. Dabei gilt Verschwiegenheit, was im Kreis besprochen wird, verlässt den Raum nicht. Sassenhagen sagt: „Dieser Kreis ist einer der persönlichsten in der ganzen Kirchengemeinde. Das, was hier passiert, ist sehr intensiv und sehr echt.“ Und auf jeden Fall ganz nah am Leben dran. Brigitte Schillings ist regelmäßig in der Mühlenresidenz dabei, wenn die Bewohner Bingo spielen. Maike Bake erzählt von einer Frau, die sie, nachdem deren Mann verstorben war, besucht hat und die sich jemanden zum Kartenspielen gewünscht hatte. Eine andere sprach immer wieder über ihr großes Hobby Faltbootfahren. „Viele Ältere werden einfach vergessen“, sagt Bake. Es klingt kein Vorwurf in ihrer Stimme, vielmehr ihr ehrliches Bestreben, genau das zu verhindern. Auch Brunhilde Luth und Hildegard Hartwigsen reisen mit den Menschen, die sie besuchen, häufig zurück in deren Vergangenheit, blättern durch alte Fotoalben und hören zu. Und dann kommt es auch vor, dass die Menschen, denen sie so viel Fürsorge entgegen gebracht haben, sterben. Christoph Sassenhagen nennt das „das Herz riskieren und Momente des Abschieds in Kauf nehmen“.

Brunhilde Luth und Hildegard Hartwigsen sind dieses Risiko 30 Jahre lang eingegangen, jetzt wollen sich die beiden anderen Dingen widmen. Christoph Sassenhagen verabschiedete sie mit einem Blumenstrauß, einem Buch und einem hölzernen „Engel der Lebensfreude“, die sie selber so häufig an andere Menschen verschenkt haben. Für einen Pastor, sagt Sassenhagen, sei es ein gutes Gefühl, zu wissen, dass sich auch andere um Menschen kümmern. Und: „Hier ist das wahr geworden.“

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