Arnis : „Ich habe nicht mal eine Homepage“

Maike Wiese-Nickel bei der Arbeit: Sie betreibt seit 22 Jahren ihren Salon in Arnis.
Maike Wiese-Nickel bei der Arbeit: Sie betreibt seit 22 Jahren ihren Salon in Arnis.

Friseurin Maike Wiese-Nickel betreibt den einzigen Salon in Arnis. Einen Nachfolger wird es nicht geben.

shz.de von
22. August 2018, 12:00 Uhr

„Hauptsache die Haare liegen“ – diesen Spruch haben wahrscheinlich die meisten Menschen schon mal gehört. Wer sorgt dafür, dass die Haare liegen? In der Regel der Friseur. In Arnis gibt es um die 300 „Stadtbewohner“, der Ort hat nur Platz für einen Friseursalon. „Und der Großteil meiner Kunden kommt nicht aus Arnis“, erklärt Maike Wiese-Nickel. In diesem Sommer war angesichts der Hitze vieles anders und anderes wie immer. Unser Mitarbeiter Axel Bürger sprach mit der Frau an der Schere.


Wie lange sind Sie schon im Geschäft?
Maike Wiese-Nickel: Ich habe nach meiner Ausbildung in Kappeln rund 22 Jahre in Eckernförde gearbeitet und bin in diesem Monat auch 22 Jahre selbstständig in Arnis.


Und hat sich der Beruf im Laufe der Jahre verändert?
Ich habe während meiner Zeit in Eckernförde 18 Jahre lang auch Lehrlinge im Friseurhandwerk ausgebildet. Damals waren die jungen Leute jünger und ließen sich leichter schulen. Das ist heute mit den eher älteren Azubis nicht mehr so einfach. Viele haben durch die Beauty-Videos bei Youtube schon eine Sicht auf den Beruf, bevor es überhaupt losgeht.


Das Internet hat die Branche verändert?
Schon, viele haben das Smartphone in der Hand und können sofort auf neue Trends und Frisuren zugreifen. Ich habe schon seit Jahren keine Frisurenbücher mehr im Salon. Notfalls schaue ich selbst im Netz nach.


Wie lässt sich Erfolg in einem Friseursalon über längere Zeit garantieren?
Sie sollten auf Kunden eingehen können und auch mal diplomatisch jemanden beraten, wenn eine Idee wegen der Struktur der Haare oder der Kopfform weniger Sinn macht.


In diesem Moment meldet sich der Mann, der gerade im Salon sitzt, zu Wort: „Und Haareschneiden sollte man in diesem Beruf auch können. Und das kann sie.“


Die Gesprächsführung ist also genauso wichtig wie das Handwerkszeug?
Ja, Sie können jemandem beibringen, wie die Schere zu führen ist, aber es gehört mehr dazu, das Erscheinungsbild der Kundin zu erkennen, die Wirbel, die Kopfform, den Blick dafür und zwischendurch das Gespräch.


Verhalten sich Männer im Salon anders als Frauen?
Sie lesen vielleicht andere Magazine. Die Frauen lesen hier gern „Elle“ und „Madame“, Männer möglicherweise eher „Auto-Motor-Sport“.


Der Mann aus dem Hintergrund wieder: „Ein Friseursalon ist doch auch ein Ort für den Informationsaustausch. Wann fährt die Fähre und so was.“


Also ist Mundpropaganda wichtiger als Hochglanzflyer oder Homepage?
Ich habe nicht einmal eine Homepage und vermisse sie bis heute nicht. Manchmal habe ich über Wochen keine Termine frei, da ich alleine arbeite. Ja, Mundpropaganda ist das A und O.


In den Großstädten wachsen Barber-Shops und Friseure gern in Bahnhofsnähe wie Pilze aus dem Boden. Merken Sie hier in der Provinz was davon?
Nein, aber ich weiß, dass der Barber-Shop wohl weiter eine Männerdomäne ist.


Sind Frauen geduldiger?
Männer lassen sich ungern einen Termin geben, die kommen lieber spontan. Für Frauen ist das normal, nach einem Termin am Telefon zu fragen.


Föhnen bei 30 Grad?
Eher weniger. Ich habe zwar einen Ventilator, aber viele Frauen gehen auch später an den Strand und ins Wasser, da spielt das Föhnen kaum eine Rolle.


Es heißt immer, im Handwerk finde man keine Nachfolger, wenn die Kinder den Betrieb nicht übernehmen wollen…
Mein Sohn wird den Laden nicht übernehmen. Wenn es so weit ist, drehe ich hier in Arnis den Schlüssel um. Der Salon ist Teil des Privatbesitzes, darum werde ich die Räume nicht verpachten.

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