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Südhafen Kappeln : Hitchcock-Flair im alten Speicher

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Das frühere Getreidesilo am Südhafen soll zum Hotel werden. Derzeit sind Tauben die einzigen Bewohner.

shz.de von
erstellt am 07.Okt.2017 | 08:00 Uhr

Es knirscht unter den Schuhen. Eine Mischung aus Sand, Staub, Resten von Vogeleiern und etlichen Hinterlassenschaften der Tauben, die Quartier bezogen haben. Irgendwann wird man sich vielleicht noch davon erzählen, aber daran erinnern soll bald nichts mehr. Zumindest wenn es nach Michael Bull geht. Der Geschäftsführer der Dr. Schmidt Grundstücksgesellschaft mbH hat sich jede Menge Arbeit aufgehalst. Aus dem alten Getreidespeicher am Südhafen will er ein Boutique-Hotel machen, die beiden gelben Hallen rechts und links daneben abreißen und vier neue Einzelbauten errichten. Derzeit aber herrscht dort im Speicher ein bisschen Hitchcock-Flair, fast etwas Morbides – und gleichzeitig ziemlich Spezielles.

„Bei einem ähnlichen Projekt in Grömitz wollte ein Produktionsteam tatsächlich für eine TV-Serie drehen, bevor wir das Gebäude abgerissen haben“, sagt Michael Bull. Und wenn man ehrlich ist: Ein bisschen schreit der Speicher am Südhafen geradezu nach Filmkameras und Drehbüchern mit fatalem Ausgang. Wenigstens in seinem jetzigen Zustand. Nachdem die Kommunalpolitik allerdings vor Kurzem den Bebauungsplan abgesegnet hat, hat Bull andere Pläne.

Der Lübecker steht im Erdgeschoss des knapp 80 Jahre alten Speichers – mitten im Restaurant. Das nämlich soll dort über die gesamte Fläche entstehen. „Wir planen auch eine teils offene Küche“, sagt er. Und einen Wintergarten, der durch die schon vorhandenen Türöffnungen betreten werden kann. Und eins betont Bull immer wieder: „Es ist ein Speicher. Deshalb wollen wir die alte Technik gerne sichtbar lassen.“ Heißt: Wer später am Tisch die Speisekarte studiert, tut dies womöglich unter einem der charakteristisch zylinderförmigen Silo-Auslässe.

Auch die Silos selber in den oberen Etagen bleiben – oder genauer: Aus einer Silokammer kann ein Bad, ein Flur werden. Dazu werden Zwischendecken eingezogen. Das erläutert Michael Bull ein Stockwerk höher, dort nämlich sollen die Hotelzimmer entstehen, vier Zimmer pro Etage. Und damit auch alle ausreichend Tageslicht einfangen können, sind im linken Gebäudeteil des Speichers zusätzliche Fensteröffnungen vorgesehen. „Die Abstimmung mit der Denkmalpflege ist abgeschlossen“, sagt der Investor. Die Ideen, die er heute vorstellt, können Wirklichkeit werden.

Die Treppe, die derzeit aus der Gastronomie in die oberen Stockwerke hinaufführt, ist schmal, zu schmal für Bulls Pläne. Erhalten wird sie trotzdem, an anderer Stelle eine zweite, breitere errichtet. Außerdem ein Fahrstuhlschacht. Und oben im zweiten Stock steht eine eindrucksvolle Zahl an der alten Speicherwand: 1500 Kilogramm pro Quadratmeter – das ist es, was die Speicherdecken an Belastung aushalten. „Im normalen Wohnungsbau reden wir von 250 Kilogramm“, sagt Bull. Und die Wände: Gerne hätte der Lübecker die alten Steine sandgestrahlt und dann so, wie sie sind, bewahrt. „Geht leider nicht“, sagt er. Und das Bedauern darüber ist ihm anzusehen. Schuld sind die Wärmeschutzbestimmungen: Der historische Speicher muss gedämmt werden, und das funktioniert nur von innen.

Neben dem Speicher stehen derzeit noch die frühere Dünger- und die ehemalige Getreidehalle. Zwei stattliche Bauten aus den 70er-Jahren, von außen wenig attraktiv, von innen dafür umso imposanter. „Wir hoffen, mit dem Abriss noch in diesem Jahr starten zu können“, sagt Michael Bull. Parallel dazu finden labortechnische Untersuchungen statt, unter anderem weil unter einer der Hallen noch Tanks für Flüssigdünger gelagert sind. „Außerdem hatten wir dreimal einen Fledermaus-Experten im Haus“, sagt der Investor. Ergebnis: Tauben ja, Fledermäuse nein.

Statt der beiden eierschalenfarbenen Hallen werden vier einzelne Gebäude, je zwei zu einer Seite des Speichers, errichtet, für die Bull eine grau-gelbe Fassade plant. Sechs Meter Luft zwischen Speicher und Nebengebäude sind vorgesehen, damit die zweite Reihe im Bahnhofsweg auch Blick und Durchgang zum Wasser hat. „Allerdings wird der Abriss noch spannend“, sagt er. „Wir sind nämlich von Leitungen umzingelt.“ Strom, Telefon, Gas, Wasser – und der Kasten mit der Steuerungstechnik für die Schleibrücke steht unmittelbar hinter Bulls Grundstücksgrenze.

Spannend – das ist wohl ohnehin der richtige Ausdruck für dieses Projekt, dem Michael Bull den Namen „Speicherquartier“ gegeben hat. Im Vergleich zu den anderen Bauvorhaben der Stadt ist es zwar überschaubarer, aber es entsteht an deutlich exponierterer Stelle. Michael Bull hat viel erzählt und viel gelächelt in einer knappen Stunde zwischen Sand und Taubengurren, nichts davon wirkte gezwungen. Man darf ihm glauben, dass ihm viel liegt an diesem soliden und gleichzeitig erfrischenden Projekt. Im Moment knirscht zwar noch der Boden unter seinen Schuhen, aber daran wird sich irgendwann niemand mehr erinnern.

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