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Kappelner Tafel : Geschichten hinter der Tafel

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Die Besucher der Lebensmittelausgabe kommen in den wenigsten Fällen freiwillig – vier Einzelschicksale.

Es ist noch nicht so lange her, da hat Christa Förster* die Menschen Schlange stehen sehen. Immer freitags, gegen 12.30 Uhr versammeln sie sich im Begegnungszentrum, um 13 Uhr öffnet dort die Kappelner Tafel ihre Türen. Sie bietet Menschen eine Chance, sich mit Lebensmitteln zu versorgen, die sie sich im richtigen Supermarkt gar nicht leisten könnten. „Nie hätte ich damit gerechnet, dass ich irgendwann selbst einmal dort stehe“, sagt Christa Förster. Im Spätsommer vor einem Jahr war es aber so weit. Und noch heute, ein Jahr später, sagt sie: „Der erste Gang war sehr schwer.“ Trotzdem hat die 65-Jährige so etwas wie eine persönliche Mission. „Ich möchte, dass mehr Leute zur Tafel gehen. Es kommen einfach zu wenig.“

Seit ziemlich genau zwei Jahren ist Burkhard Rautenberg Vorsitzender der Tafel. Er kennt die Gesichter der Menschen, die Freitagmittag im Begegnungszentrum auf ihn warten, genau. Er kennt ihre Geschichten. Und es ärgert ihn, dass der Glaube, die Tafel sei nur dazu da, um ein ganz bestimmtes Klientel zu versorgen, immer noch existiert. Natürlich gibt es auch diejenigen, die nicht arbeiten wollen, sich auf Hartz IV ausruhen und die Tafel nutzen dürfen. Rautenberg weiß das, und er behandelt dennoch alle gleich. Denn er weiß auch, dass die Zahl derjenigen, die aus ganz anderen Gründen völlig unverschuldet in diese Situation gekommen sind, so viel größer ist. Und immer größer wird.

Nach dem Tod ihres Mannes hielt Christa Förster noch ein paar Monate durch. Aber irgendwann war klar: Ihre eigene kleine Rente und die überschaubare Rente ihres verstorbenen Mannes würden schlicht nicht reichen. Bekannte machten sie darauf aufmerksam, dass ihr der Tafel-Besuch zustehen würde, inzwischen holt sie regelmäßig Obst, Gemüse, Joghurt und Brot und schwärmt vom Tafel-Team. „Sie sind wirklich alle so was von nett“, sagt Christa Förster. Sie lächelt, als sie hinzufügt: „Das macht es viel leichter.“

Leicht fällt es Felix Petzold* immer noch nicht. Der 38-Jährige hat im Büro eines Omnibusbetriebs gearbeitet, bis seine Seele krank wurde. Heute ist er erwerbsunfähig, nimmt Medikamente, trotzdem lässt ihm seine Krankheit keine Ruhe. Petzold hat schon 2010 den Tafel-Vorgänger „Tischlein deck dich“ besucht, mit 840 Euro im Monat bleibt ihm keine andere Wahl. „Ohne die Tafel“, sagt er, „wäre das alles noch knapper“. Er kommt jeden Freitag gemeinsam mit seiner Nachbarin, in einer Fahrgemeinschaft teilen sie sich den Sprit. Eigentlich tut sich der 38-Jährige schwer mit Menschen, vor allem, wenn sie in großen Mengen auftreten. Auch deshalb ist ihm eins besonders aufgefallen. „Gerade im letzten Jahr ist die Zahl derjenigen, die zur Tafel kommen, enorm angewachsen.“

Petzolds Nachbarin Ulla König* gehört seit einem Jahr dazu. Der 81-Jährigen fällt es nicht leicht, darüber zu sprechen. Immer wieder wischt sie sich die Tränen aus den Augen. Zu Hause pflegt sie ihren Mann, er erlitt vor drei Jahren einen Schlaganfall. Gemeinsam mit ihm hatte sie vor Jahren Geld in einer Sterbekasse angelegt, damit im Fall der Fälle ihr Sohn nicht finanziell belastet wird. Jetzt wird ihr diese Voraussicht zum Verhängnis. 900 Euro hat das Ehepaar im Monat zur Verfügung, eigentlich steht es Ulla König zu, bei der Tafel einzukaufen. „Aber dann hat das Amt gesagt, dass ich ja wegen der Sterbekasse über ein Guthaben verfüge“, sagt König. Und bevor man sie mit einer Berechtigung für die Tafel ausstatte, solle sie auf eben dieses Guthaben zurückgreifen. Für die Kappelnerin ein unbegreiflicher Vorgang. „So weit es geht, versuche ich ja, selber zurechtzukommen“, sagt die 81-Jährige. Bis vor Kurzem hat sie nebenbei bei einer Familie die Bügelarbeit erledigt und sich so ein Taschengeld dazu verdient. „Es ist gut, dass es die Tafel gibt“, sagt sie. „Aber es ist traurig, dass man hierher muss.“ Als sie sich im vergangenen Jahr den Knöchel brach, besuchte sie das Tafel-Team im Krankenhaus. Ihre Fahrgemeinschaft packte ihr ihren Einkauf zusammen, brachte die Lebensmittel zu ihr nach Hause. „Es gibt hier einen echten Service“, sagt Ulla König. Dass ihr trotzdem wohler wäre, sie müsste ihn nicht nutzen, sagt sie nicht. Aber es steht in ihren Augen.

Die von Claudia Sommer* strahlen derweil. „Ja“, sagt die 30-Jährige, „man wird als asozial abgestempelt“. Aber sie hat einen Plan, der sie die Zeit, auf die Tafel angewiesen zu sein, leichter durchhalten lässt. Alleinstehend mit drei Kindern ist sie in Hartz IV gerutscht, aber sie räumt auch ein: „Beruflich bin ich nie richtig durchgestartet.“ Inzwischen hat sie vier Kinder und einen neuen Partner, seit November 2012 nutzt sie die Tafel. „Das erste Mal war schon eine extreme Überwindung“, erinnert sie sich. Aber das Geld, das sie sparen kann, weil sie bei der Tafel einkauft, kommt ihren Kindern zugute. Eis essen oder Kino zum Beispiel – „das wäre sonst nicht machbar“. Trotzdem muss sie ihnen häufig erklären, warum viele Wünsche unerfüllt bleiben. Ihr Partner paukt derzeit für einen Lkw-Führerschein, Claudia Sommer bereitet ihre Selbstständigkeit vor. In spätestens vier Jahren, sagt sie, will sie raus sein aus Hartz IV. Die 30-Jährige klingt zuversichtlich und verfolgt neben ihrer Selbstständigkeit noch ein anderes Ziel. „Ich will meinen Kindern zeigen, dass man etwas erreichen kann, wenn man durchhält“, sagt sie. Und sie sagt auch: „Ich möchte nirgendwo mehr betteln gehen.“

So weit ist Felix Petzold noch nicht. Seine Krankheit kostet ihn viel Kraft, sie nimmt ihm den Antrieb und einiges von dem Vertrauen, das nötig ist, um den Kreislauf zu durchbrechen. „Ich nehme es, wie es ist“, sagt er. Er spricht mit leiser Stimme, lächelt erst, als er sich verabschiedet. Christa Förster bekräftigt derweil ihr Credo: „Die Menschen, die hierher kommen, sind alle gleich. Hier wird keiner schief angeguckt.“ Sie will ihren Gang zur Tafel nicht rechtfertigen. Sie will vielmehr, Menschen, die sich vielleicht nicht trauen, an die Hand nehmen, sie will ihnen zeigen, dass es viel Schlimmeres gibt, als bei der Tafel einzukaufen. „Es ist so wichtig, dass diejenigen, die einen Anspruch darauf haben, das auch nutzen“, sagt die 65-Jährige. Ihre Stimme klingt fest, selbstbewusst und wird erst ein bisschen schwächer, als eine ganz bestimmte Frage auftaucht. Die nach ihrem Herzenswunsch. Christa Förster wendet kurz den Blick ab, dann lächelt sie wieder und sagt: „Ich möchte einmal richtig shoppen gehen.“


* Namen von der Redaktion geändert


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von
erstellt am 16.Aug.2014 | 08:00 Uhr

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