Arnis spielt Theater : Geschichte auf der Bühne

Aufruhr im Kappelner Gasthof: Die Arnisser zeigen ihren Zuschauern, was ihren Vorfahren im Jahr 1666 passiert ist.
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Aufruhr im Kappelner Gasthof: Die Arnisser zeigen ihren Zuschauern, was ihren Vorfahren im Jahr 1666 passiert ist.

In dem Theaterstück „Auszug nach Arnis“ erzählen 23 Laiendarsteller von der Gründung der Stadt. Die Vorstellungen werden zum Jubiläum gezeigt.

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24. Juni 2017, 06:20 Uhr

Kappeln | Die Stadt Arnis feiert in diesem Jahr ihren 350. Geburtstag. In einer losen Reihe würdigt der Schlei Bote dieses Ereignis und stellt Besonderheiten der kleinsten Stadt Deutschlands vor.

Ingo Gulbins Stimme donnert durch den Saal. Schwarze Stiefel, dunkler Hut, Rüschenhemd, bordeauxroter Umhang. Gerade hat er den Pastor gefeuert. Und überhaupt reichlich Angst und Schrecken verbreitet. Willkommen in Kappeln im Dezember 1666. Dort, wo alles seinen Anfang nahm. Zumindest wenn man Arnisser ist. Und wenn man heute auf die 350-jährige Geschichte seiner Heimat zurückblickt. „Auszug nach Arnis“: In dieser Episode des Kappelner Heimatspiels erzählen 21 Arnisser (und zwei Gast-Schauspieler aus Steinbergkirche und, ja, Kappeln) die Gründung ihrer Stadt nach. Und sie tun das erfreulicherweise mit historischem Bewusstsein, aber ohne in die große Theatralik zu verfallen. Anlässlich der 350-Jahr-Feier am 8. Juli wird das Stück aufgeführt. Vorher aber – ein Probenbesuch.

„Was sollen denn die dänischen Flaggen hier?“ Elke Horn ist die erste, die an diesem Abend echte Heimatgefühle zeigt. Die beiden kleinen Flaggen, bis gerade eben Tischdeko in der früheren dänischen Schule, verschwinden kurzerhand. Jetzt übernimmt Arnis. Und Horn hat ohnehin das Sagen an diesem Abend. Sie ist die Regisseurin, ihr Ehemann Hendrik Horn hat neue Dialoge geschrieben, sie selbst hat die plattdeutschen Passagen beigesteuert. Und zusammen haben sie die Darsteller ausgewählt. Um Weihnachten herum war das, als die beiden damit begonnen haben, für jede Rolle den richtigen Arnisser zu suchen. Seit Januar probt die Gruppe – „und mittlerweile“, sagt Elke Horn, „sind wir zu einer richtigen Gemeinschaft geworden“. Offenbar eine, die den Probeabend durchaus entspannt angeht. Auf dem Tisch stehen Bier und Wein, Lakritze und Weingummi, Salzstangen und Erdnussflips. Arnis 2017.

Vier Szenen bringen die Hobby-Schauspieler auf die Bühne, jeweils unterbrochen von Erzählpassagen, die Nicolaus Schmidt geschrieben hat und selber vorträgt. Ein Gasthof in Kappeln zum Jahresende 1666: Gastwirt, Pastor, eine Handvoll Schiffer, Bürgermeister – richtig glücklich ist keiner von ihnen. Detlef von Rumohr hat gerade die Leibeigenschaft verkündet. Elke Horn versucht’s mit einer Bitte: „Probiert heute mal alle, sehr deutlich zu sprechen.“ Ingo Gulbins ist neben deutlich vor allem laut – er ist Detlef von Rumohr, da versteht sich das von selbst. Trotzdem: Der Lehnsherr trifft auf Widerstand. Die zweite Szene spielt im Kappelner Rathaus: Wer die Stadt verlassen will, trägt sich dort in eine Liste ein. Und so unterschiedlich die Menschen sind, so unterschiedlich sind die Gründe, weshalb Arnis zu ihrer neuen Heimat werden soll. Bild drei: Gut Roest. Detlef von Rumohr wettert: „Uns bleiben nur die Habenichtse, die Taugenichtse und die Alten.“ Die Anderen? Wollen ihr Glück in Arnis versuchen. Vierte Szene: Arnis, elf Jahre nach der Gründung, im Sommer 1678. Auf der Bühne sitzen Ralf Timm und Rita Harrsen. Elke Horns Regieanweisung lässt keinen Spielraum für Interpretation: „Ihr denkt an Flens-Werbung.“ Stoisch. Gelassen. Wortkarg. Dass die beiden Darsteller dann doch gleichzeitig anfangen zu sprechen – geschenkt. Und ein Lacher bei den Anderen. Überhaupt: Der Text sitzt gut, und die Überraschung am Ende – soll eine Überraschung bleiben.

Zwei Vorstellungen plant die Gruppe anlässlich des Stadtjubiläums im Festzelt. Die Premiere am Sonnabend, 8. Juli (19 Uhr), ist bereits ausverkauft, für die Vorstellung am Sonntag, 9. Juli (18 Uhr), gibt es noch Restkarten an der Abendkasse. Apropos Premiere: Martin Händel (Elke Horn sagt augenzwinkernd über seine Besetzung: „Den haben wir uns auf einer Werft-Party gegriffen.“) spielt den Schiffer Jan Gehrt. Und abgesehen davon, dass er sich am Ende der Probe gar nicht von seinem Kostüm trennen mag, hatte das Stück für ihn eine echte Überraschung parat. „Ich musste nicht nur das Schauspielern lernen“, sagt er. „Sondern auch noch eine Fremdsprache.“ Händels Rolle spricht Platt.

Und er darf auf Plattdeutsch den vielleicht schönsten Satz des Stückes sagen. „Ich glaube“, lässt er Jan Gehrt sprechen, „Arnis hat eine Zukunft“. 350 Jahre hat die kleine Stadt schon durchgehalten.

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