Niederdeutscher Literaturpreis Kappeln : Gesche und Peer-Marten Scheller vom Quickborn-Verlag: „Es ist eine Schar von Einzelkindern“

Gesche und Peer-Marten Scheller

Gesche und Peer-Marten Scheller

Im Interview erzählen Gesche und Peer-Marten Scheller vom Quickborn-Verlag, was zwei Hessen im Norden so treiben.

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19. Oktober 2020, 17:33 Uhr

Kappeln | In diesem Jahr ist vieles anders bei der Verleihung des Niederdeutschen Literaturpreises. Zum einen wird der stets unterhaltsame Abend aufgrund der Corona-Pandemie nicht für jeden geöffnet sein, nur rund 70 geladene Gäste dürfen am Freitag, 6. November, in die Alte Maschinenhalle. Auch dass der renommierte Preis nicht an einen oder mehrere Künstler geht, sondern erst zum zweiten Mal in seiner Geschichte an einen Verlag, ist besonders: Preisträger 2020 ist der Hamburger Quickborn-Verlag, der sich die Förderung der Veröffentlichung und Verbreitung plattdeutscher Literatur auf die Fahnen geschrieben hat. Hinter dem bereits 1915 gegründeten Haus stecken Gesche und Peer-Marten Scheller. Das Paar wird die mit 3000 Euro dotierte Auszeichnung der Stadt Kappeln am 6. November ab 19.30 Uhr entgegennehmen. Schlei-Bote-Redakteurin Doris Smit hat mit ihnen gesprochen und stellt sie in einem Interview vor.

Herzlichen Glückwunsch, Gesche und Peer-Marten Scheller! Die ersten Fragen gehen gleich an Sie beide: Wo sind Sie aufgewachsen, und wann sind Sie das erste Mal mit der niederdeutschen Sprache in Berührung gekommen? Sind Sie selbst „Plattsnacker“?

Peer-Marten Scheller: Wir sind beide in Dithmarschen aufgewachsen und durch Eltern und Großeltern von Kind auf an mit Plattdeutsch in Berührung gekommen. Klar sind wir beide auch „Plattsnacker“!

Der Verlag wurde bereits 1915 gegründet. Wie sind Sie zur Verlagshausleitung gekommen?

Gesche Scheller: Ich bin gelernte Buchhändlerin und mein Mann gelernter Verlagskaufmann. Wir haben beide in Frankfurt gearbeitet und waren auf der Suche nach einem Job im Norden. Über eine Chiffre-Anzeige wurde zufällig ein kleiner norddeutscher Verlag zum Verkauf angeboten, darauf haben wir uns gemeldet. Dass es sich um einen niederdeutschen Verlag handelte, war nicht ersichtlich.

Peer-Marten Scheller: Sofort bekamen wir einen Anruf und wurden gefragt, was zwei Frankfurter mit einem plattdeutschen Verlag wollten (lacht). So kamen wir zurück in den Norden. Das Niederdeutsche hatte zunächst also nicht erste Priorität, das hat sich erst durch den Kauf des Verlags 1985 ergeben. Wir betreiben ihn seit nunmehr 35 Jahren, also seit einem Drittel der Zeit seit Gründung.

Wie viele Autoren veröffentlichen aktuell bei Ihnen, wie viele Titel haben Sie im Programm?

Gesche Scheller: Derzeit haben wir 96 lieferbare Titel, Bücher und Hörbücher von 38 Autorinnen und Autoren im Programm.

Gibt es Schwerpunkte?

Peer-Marten Scheller: Soweit man überhaupt von Schwerpunkten sprechen kann, so sind das Titel mit kürzeren Texten und Erzählungen oder thematisch angelegte Anthologien. Hinzugekommen sind seit einigen Jahren auch Lehr-und Lernwerke für die Schul- und Erwachsenenbildung.

Wer gehört für Sie zu den „ganz Großen“?

Gesche Scheller: Zu den ganz Großen gehört ohne Zweifel Reimer Bull, der ja auch Preisträger des Kappelner Literaturpreises war und uns bis zu seinem Tod im Jahre 2012 über 25 Jahre eng und freundschaftlich verbunden war.

Unabhängig davon: Haben Sie (einen) Lieblingsautoren?

Gesche Scheller: Lieblingsautoren oder Autorinnen im Sinne des Wortes gibt es für uns nicht, sie sind jede(r) für sich auf ihre Weise mit uns verbunden. Es ist, wenn sie so wollen, eine Schar von Einzelkindern.

Hat die Entwicklung weg von den Print- hin zu digitalen Medien für niederdeutsche Literatur eine besondere Bedeutung?

Peer-Marten Scheller: Nein, der Schwerpunkt liegt nach wie vor im Printbereich, wir bieten aber auch Hörbücher und natürlich auch e-books an.

Einige Ihrer Autorinnen und Autoren haben den Niederdeutschen Literaturpreis der Stadt Kappeln bereits erhalten. Welchen Stellenwert hat die Auszeichnung für Sie persönlich?

Gesche Scheller: Ja, Gerd Spiekermann, Konrad Hansen, Irmgard Harder, Reimer Bull, Ina Müller, Hartmut Cyriacks und Peter Nissen, Wolfgang Sieg, Jan Graf, Annie Heger und Bolko Bullerdiek gehören zu unseren Autoren.

Peer-Marten Scheller: Wir freuen uns sehr, ist der Preis doch eine Anerkennung und Würdigung unserer Arbeit in den vergangenen Jahrzehnten. Wir verlegen Bücher, arbeiten mehr im Hintergrund – es wird vielleicht von außen nicht immer so wahrgenommen, dass wir das Kulturgut Sprache pflegen und so zum Erhalt beitragen. Dass die Jury uns als „Kulturförderer“ sieht, freut uns. Wir haben einfach sehr viel Spaß daran, mit dieser Sprache und in diesem Umfeld zu arbeiten.

Kennen Sie Kappeln?

Peer-Marten Scheller: Ja, wir haben Buchhandelskunden hier, die regelmäßig besucht werden, und wir sind ja auch schon häufig bei der Verleihung des Niederdeutschen Literaturpreises als Gäste dabei gewesen. Wir haben Kappeln als klassische Kleinstadt kennen gelernt, mit dem Flair, den ein Hafen und eine gemütliche Innenstadt mit sich bringen.

Normalerweise bekommt das Publikum anlässlich der Verleihung eine kleine Kostprobe aus dem Werk der Preisträger. Tragen Sie auch etwas vor?

Peer-Marten Scheller: Nein. Aber wir haben vor, uns, den Verlag und unsere Autorinnen und Autoren im kommenden Jahr auf andere Weise hier in Kappeln vorstellen. Beispielsweise in einer Abendveranstaltung, die quer durch die 105 Jahre des Verlags führt – von den Anfängen mit Rudolf Kinau bis in die Gegenwart mit Annie Heger und Co.

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