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Angelner Dampfeisenbahn : Gar nicht so rumpelig wie gedacht

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Geschmeidiges Tuckern durch die Rapsfelder: Eine Premieren-Tour mit der Angelner Dampfeisenbahn.

In den vergangenen neun Jahren sind unzählige Texte über die Angelner Dampfeisenbahn erschienen. Eine zweistellige Anzahl davon habe ich verfasst. Meistens ging es dabei um Finanzen, darum, wer die Strecke, wer die Waggons unterhalten soll, manchmal ging es auch um die Menschen, die die Bahn in Schuss halten, die sie pflegen und lenken. In diesen neun Jahren hat mich nie jemand gefragt, ob ich eigentlich schon einmal selber mit der Museumsbahn gefahren bin. Bin ich nämlich nicht. Bis jetzt. Der Kappelner Touristikverein hatte seine Vermieter eingeladen: Kappeln – Wagersrott – Kappeln. Hin mit der Dampf-, zurück mit der Diesellok. Nun vermiete ich zwar keine Ferienwohnungen, mitfahren durfte ich dennoch. Fast zwei Stunden Zugfahrt für gute 16 Kilometer Luftlinie, acht hin, acht zurück. Mit dem Auto benötigt man eine Viertelstunde für eine Strecke. Wollte ich nicht. Ich wollte Dampfeisenbahn fahren. Wollte im besten Sinne Zeit verplempern. Endlich mal das tun, das man normalerweise nur dann tut, wenn man selber Gäste hat, aber eben nicht allein. Weil es vor der eigenen Haustür stattfindet, und diese Dinge zählen erfahrungsgemäß ja nicht so viel. Nach insgesamt drei Stunden war ich zwar ziemlich durchgefroren, aber eben auch ein echter Museumsbahnfahrer.


Erfreuliche Unaufgeregtheit


Abfahrt 17 Uhr am Kappelner Bahnhof am Südhafen. Die Vorgabe von Ingwer Hansen, Vorsitzender des Kappelner Touristikvereins, ist eindeutig. Geschätzte 150 Mitfahrer warten dort bereits, denn abgesehen vom Kappelner Verein haben auch der Touristikverein Ferienland Ostsee/Geltinger Bucht, der Handels- und Gewerbeverein Gelting und der MTV Gelting Einladungen an Mitglieder verschickt. Keine Ahnung, ob darunter auch Premieren-Museumsbahnfahrer sind. Ich traue mich nicht zu fragen. Allen gemein aber ist eine erfreuliche Unaufgeregtheit. Eine Vorfreude auf das, was kommen sollte. Dass sich die Dampflok schließlich doch erst um 17.04 Uhr in Bewegung setzt, liegt dann an Bahn-Geschäftsführer Iver-Andreas Schiller. Der steht auf der Außentreppe eines Waggons, spricht von mittlerweile jährlich 15  000 Fahrgästen, die die Bahn nutzen, davon, dass man sich zu einem echten „Reiseveranstalter“ gemausert habe, von Rundreisen mit Bahn, Bus und Schiff und von wöchentlich drei Terminen in der Hauptsaison. Keinen dieser Termine habe ich bislang wahrgenommen. Jetzt aber will ich der 15  001. Fahrgast sein. Richtig glauben will mir das allerdings selbst zu diesem Zeitpunkt offenbar immer noch keiner. Ingwer Hansen steht plötzlich vor mir: „Sie fahren jetzt mit, oder?“ Ja, mache ich, wirklich. Im Waggon drin deutet Hansen dann auf einen freien Platz schräg gegenüber seinem eigenen. „Setzen Sie sich mal da hin. Da habe ich Sie im Blick.“ Hat er Sorge, dass ich mir die ganze Sache auf halber Strecke anders überlege und bei laufender Fahrt aus dem Fenster springe? Ich weiß es nicht, tue aber, wie mir geheißen.

Es geht also los. Und das erste, das mir auffällt: Gar nicht so rumpelig wie gedacht. Ruhig und geschmeidig zieht die Dampflok ihre Waggons über die Gleise. Dafür vernebelt sie einem hin und wieder den Ausblick aus den Fenstern. Dichter Qualm zieht vorüber, allerdings nicht so dicht, dass der Raps nicht dagegen an leuchten kann. Manchmal nimmt das Sonnengelb die gesamte Fensterbreite meiner Sitznachbarn ein. Und die Bahn lässt uns genug Zeit, um tatsächlich einzelne Rapsblüten zu erkennen. Nicht nur eine einzige flirrende gelbe Fläche, die einem eine ICE-Fahrt bieten würde. „Ich verstehe gar nicht“, sagt Ingwer Hansen, „wieso das Rhapsody in Blue heißt“. Künstlerpause. Gelegenheit für die anderen, das Grinsen ihres Vereinsvorsitzenden richtig zu deuten. „Eigentlich“, beginnt Hansen dann selber die Auflösung, „müsste das doch Rhapsody in Yellow sein“. Ja, so eine Dampfeisenbahn-Fahrt inspiriert.


Rußspuren an den Händen


Keine zwei Minuten später streckt mir Ulrike Fehlberg, Hansens Stellvertreterin, ihre Hände entgegen. „Ich musste Kohlen schaufeln“, sagt sie und lacht. Aha, hier sollten sich also einzelne ihre Mitfahrt verdienen. Ulrike Fehlberg hat tatsächlich Rußspuren an den Fingern. Sollte mir etwa Ähnliches drohen? Tatsächlich fühle ich mich ganz wohl in meiner flaschengrünen Bank. Sitzplatz 39. Vielleicht nicht ganz so gut gepolstert, die Armlehne gar nicht. Aber irgendwie charmant und eben stimmig. Passend zu den hölzernen Türen, die die einzelnen Waggons trennen und die doch tatsächlich mit einer richtigen Türklinke zu öffnen sind. Nicht auf Knopfdruck. Und schon gar nicht per Bewegungsmelder.

Nach einer guten halben Stunde endet unsere Reise abrupt. Kurz vor Scheggerott meldet sich Iver-Andreas Schiller über Lautsprecher: „Die Lok muss Wasser nehmen.“ Ruft da etwa Ulrike Fehlbergs nächster Einsatz? Oder vielleicht sogar meiner? Nein, Glück gehabt. Schiller und sein Team bekommen das ganz wunderbar ohne unsere Hilfe hin. Gelegenheit für einen Exkurs zu Dampf im Allgemeinen und Dampfkessel im Speziellen. Einer meiner Mitfahrer scheint sich auszukennen. „Ich habe mal Dampfkessel betrieben“, erzählt er. Und ich komme mir ein bisschen vor wie in der „Feuerzangenbowle“ – live und in Farbe.


Löwenzahn und Maulwurfshügel


Zehn Minuten später hat die Lok offenbar ausreichend Wasser zu sich genommen, es geht weiter. Stopp in Wagersrott, diesmal planmäßig. Und wieder Schiller über Lautsprecher: „Der Bahnsteig ist nicht wie bei der Deutschen Bahn. Er ist eine Wiese mit Löwenzahn.“ Und Maulwurfshügel, hätte er hinzufügen können. Aber ehrlich, wollte ich einen normalen Bahnsteig haben, würde ich nicht Dampfeisenbahn fahren. Löwenzahn und Maulwurfshügel sind ja das, was ich erleben will. Und dort auf dieser Wiese mischt sich in den Qualm der Dampflok der dann doch appetitlichere Grillgeruch. Schlachterei Bruhn hat angerichtet: Fleisch und Wurst, außerdem etliche Salate und Brot. Eine gute Stunde Aufenthalt – bei der nur eines fehlt, zumindest wenn es nach Anja Fuge vom Kappelner Touristikverein geht: „Wenn jetzt noch die Toten Hosen hier wären, dann wäre es ein noch besserer Abend.“ Die Düsseldorfer Band ist vor zwei Wochen zu einem Spontan-Auftritt Museumsbahn gefahren. Ein bisschen zu früh für unseren Ausflug.

Dafür wagen sich die Protagonisten unserer Reise direkt auf die Gleise – bei Stillstand der Bahn wohl gemerkt. Beide Touristikvereine, der HGV und die Schleswiger Volksbank haben nämlich Geld mitgebracht. Für die Bahn, für ihren Unterhalt, für ihren Betrieb. Heiner Nissen, Vorsitzender der Geltinger Touristiker, überreicht 500 Euro für seinen Verein und den HGV. „Wir wollen helfen und uns bedanken für das Engagement“, sagt er. 500 Euro hat auch Ingwer Hansen mitgebracht. „Die Museumsbahn ist ein Highlight, das man zeigen kann“, sagt er. „Ihr touristischer Wert für die Region ist höher als der des Heringszauns.“ Deshalb sei ihr Erhalt auch so wichtig. Weitere 250 Euro kommen von der Schleswiger Volksbank, deren Geltinger Geschäftsstellenleiter Jan Lehmann betont: „Wir unterstützen das gerne.“

Zurück im Zug wage ich es vorsichtig, mir außerhalb von Ingwer Hansens Blickfeld einen Platz zu suchen. Die Diesellok bringt uns zurück nach Kappeln, etwas schneller als ihr dampfendes Pendant, aber immer noch langsam genug, um die Fahrgäste sinnieren zu lassen. „Man müsste das viel häufiger unseren Urlaubsgästen anbieten“, sagt ein Ferienquartier-Vermieter. Ulrike Fehlberg strahlt. Mission geglückt. Was nämlich nützt es, wenn man seinen Vereinsmitgliedern eine Fahrt mit der Bahn anpreist, die aber selber gar nicht wissen, was genau sie da an ihre Gäste weitergeben sollen? Und plötzlich ist mir klar: Ich bin tatsächlich nicht die einzige, die gerade ihre erste Fahrt mit der Angelner Dampfeisenbahn erlebt hat.

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erstellt am 16.Mai.2017 | 12:00 Uhr

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