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Schlei-Bote

14. Dezember 2017 | 05:16 Uhr

Frauen im Krieg

vom

shz.de von
erstellt am 31.Mai.2013 | 03:59 Uhr

Kappeln, im September 1914

Mein liebster Carl,

die Kaiserin Auguste Viktoria hat uns Frauen in einem Aufruf empfohlen, unsere Männer im Heer moralisch zu unterstützen, indem wir in der Heimat alles so regeln, dass es zur völligen Zufriedenheit sei, wenn Ihr wieder nach Hause kommt und dass wir unsere Arbeitskraft dem deutschen Volk zur Verfügung stellen, eine jede, wie sie es vermag. Nun darfst Du erneut stolz auf mich sein, ich habe mich hier in der Volksschule als Lehrerin anstellen lassen. Die Erst-und Zweitklässler betreue ich, weil viele Lehrer in den Krieg zogen. Du weißt, ich hätte meine Lehrerinnen-Ausbildung zu Ende gemacht, wenn ich nicht mit unserem Sohn Alexander schwanger geworden wäre.

Auf ihn wärest Du ebenfalls stolz, denn er hat eine große Landkarte gezeichnet. Darauf sind kleine Fähnchen gesteckt, damit er immer genau weiß, wo Du gerade bist mit Deiner Truppe. Aber, so hat er mir erklärt, Malmedy läge in Belgien und nicht in Frankreich. Als die ersten Siegesmeldungen eintrafen, tanzte Alexander mit Indianergeheul durchs ganze Haus.

Tante Anne-Marie und Leila in Berlin habe ich geschrieben, dass ich in Kappeln bin und warum. Leila als Krankenschwester möchte unbedingt in ein Frontlazarett, wir sind eben eine patriotische Familie. Mutter fürchtet, dass die Dänen doch noch unsere Region überfallen könnten, aber ich habe sie beruhigt, es sind hier viele Posten aufgestellt. Gerade kommt die Meldung, dass Dänemark eine Neutralitätserklärung abgegeben habe. Und wir sollen Fliederbeeren- und Brombeersaft an das Reserve-Lazarett in Schleswig schicken. Gibt es denn schon Verwundete ?

Du bist sicher in unserer Liebe, ich denke Tag und Nacht an Dich und träume von einem gemeinsamen Leben, Deine Wilhelmine und Alexander

von der Marne, Ende September 1914

Meine geliebte Wilhelmine,

die langen Märsche, der fehlende Proviant, der überraschende Sieg der Franzosen und Briten haben die Moral meiner Truppe untergraben. Die jungen Soldaten, die aus dem Gymnasium hin zur Fahne eilten, in der Sorge, ihre erste Schlacht zu versäumen, liefen in den feindlichen Kugelhagel und mitten hinein in den Donner der Geschütze. Was ist jetzt noch übrig von der jungen Elite unserer deutschen Nation ?

Alexander hatte recht, Malmedy ist in Belgien, von dort aus marschierten wir. Irgendwann kamen wir über die französische Grenze und merkten es nicht. Ich bin in einem kleinen Dorf einquartiert mit den übrigen Offizieren. Unsere Wirtin wunderte sich, dass ich Französisch spreche und kochte uns Kaffee. Dabei erfuhr ich, dass die einfache französische Bevölkerung den Krieg nicht gewollt hat und um ihre Männer an der Front ebenso bangt wie Ihr um uns. Heldentum und Krieg haben wir uns wohl anders vorgestellt. Der Schrecken einer Schlacht hat uns seine Fratze gezeigt.

Ich liebe Dich über alles, bis hoffentlich bald, Dein Carl

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