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Kappeln : Flüchtlingsquartier: Planung läuft an

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Architekt Matthias Wohlenberg soll aus der Hans-Christian-Andersen-Schule ein Zuhause für Asylbewerber machen.

shz.de von
erstellt am 16.Jan.2016 | 08:00 Uhr

Flüchtlinge, die nach Kappeln kommen, könnten künftig auf eine weitere Unterkunft bauen. Nachdem der Hauptausschuss im November das Geld für die Überplanung der Hans-Christian-Andersen-Schule freigegeben hatte, ist nach einer beschränkten Ausschreibung die Wahl auf den Eckernförder Architekten Matthias Wohlenberg gefallen. Seine Aufgabe ist es nun, aus einer Schule eine Wohnmöglichkeit mit Schlafmöglichkeiten, Küchen, Bädern und Gemeinschaftsräumen zu machen. Ein Ortsbesuch.

Ein Schild weist auf das Sekretariat hin. An den Wänden hängen Klassenfotos und selbst gemalte Bilder, an den Decken Girlanden. 22 Kinder besuchen derzeit die Hans-Christian-Andersen-Schule in der Hindenburgstraße. Ende Januar werden sie dort ihren letzten Schultag haben. Das Förderzentrum wird aufgelöst, die Schüler besuchen dann das Pendant in Sörup. Der Schritt war nötig, um nach stetig sinkenden Schülerzahlen wenigstens einige Förderzentren in der Region zu erhalten. Kappeln hatte das Nachsehen. Und eröffnet sich nun dadurch gleichzeitig die Chance, das Schulgebäude in ein Zuhause für andere Menschen umzuwandeln. Bürgermeister Heiko Traulsen und Matthias Wohlenberg treffen sich im Foyer der Schule. Gemeinsam mit Hausmeister Ralf Storck, der Mann mit der Schlüsselgewalt, wollen sie einen Blick in die Räume werfen, sehen, was vorhanden ist, was fehlt, was verändert werden muss, eben was möglich ist, um aus mehreren Tausend Quadratmetern auf drei Etagen ein wohnliches Umfeld zu schaffen. Schon im Foyer sagt Wohlenberg: „Grundsätzlich eignet sich eine Schule gut als Flüchtlingsunterkunft, weil viele Räume da sind, weil es Sanitäranlagen gibt, meistens auch eine Küche. Außerdem ist in Schulen häufig der Brandschutz up to date.“

Im Obergeschoss öffnet Ralf Storck die Tür zur Linken. Dahinter: die frühere Hausmeisterwohnung mit einem langen Flur, von dem Türen zu zwei ausgestatteten Bädern, einer Küche mit Herd und Spüle und fünf Zimmern abgehen. Wohlenberg macht einen Raum aus, in dem eine zweite Küche denkbar wäre, dann sagt er: „Das kann man fast eins zu eins nutzen.“ Einziges Manko: Der zweite Fluchtweg fehlt. Gegebenenfalls müsste eines der Fenster dafür vergrößert werden. Ebenfalls im Obergeschoss: der Computerraum der Schule, noch gut bestückt mit etlichen PCs, die jedoch im Februar nach Sörup transportiert werden. Vom Gang zur Rechten geht eine weitere Tür in einen großen Sanitärraum ab. Sechs Waschbecken, vier Duschen, ohne Trennwand und offensichtlich lange nicht genutzt. Ein bisschen Jugendherbergs-Charme. Matthias Wohlenberg weiß, dass diese Anlage nicht mehr dem heutigen Standard entspricht. Trotzdem sagt er: „Wenn sie funktionieren, dann werden sie auch genutzt.“

Der Eckernförder kennt sich aus, wenn es darum geht, Gebäude mit gänzlich anderem Zweck zu Wohnunterkünften für Asylbewerber zu machen. Im vergangenen Winter, erzählt er, habe er in Gettorf einen früheren Supermarkt umgebaut. „Damals hatte man noch relativ hohe Ansprüche“, sagt Wohlenberg. „Inzwischen erlebe ich immer wieder, dass die Gemeinden unter so großem Druck stehen, dass es nur noch darum geht, die rechtlichen Vorgaben und die Hygienevorschriften einzuhalten.“

Im Keller des 53 Jahre alten Gebäudes zeigt Storck seinen Begleitern eine Großraumküche mit vier Herden, zwei Spülen und viel Arbeitsfläche. Nebenan ein großer Esstisch, an den leicht zwölf Menschen passen, außerdem eine große Waschküche. Matthias Wohlenberg regt kurz abschließbare Schränke an, in denen jeder Bewohner sein eigenes Geschirr, seine eigenen Lebensmittel unterbringt. „Das kann helfen, mögliche Konflikte gar nicht erst aufkommen zu lassen“, sagt der Architekt.

Im Erdgeschoss führt der Weg zum Anbau vorbei an der schuleigenen Bühne samt Aula. Ein heller, warmer Raum mit Parkettboden und großen Fenstern. Wohlenberg erkennt darin einen möglichen Aufenthaltsraum für die Bewohner. „Das ist wirklich sehr guter Standard“, sagt er. Im zweigeschossigen Anbau finden sich weitere Toiletten, ein alter Physikraum, etliche Klassenräume. Klassenzimmer dicht an dicht auch im Erdgeschoss des Ursprungsbaus. Der lange Flur, der sie verbindet, gibt an einer Seite in einer Fensterreihe den Blick auf den Schulhof frei. Matthias Wohlenberg steht im Flur als er sagt: „Man muss sich überlegen, ob daraus ein großes Heim werden soll, wo vielleicht 100 Menschen Platz finden, oder mehrere kleine Einheiten für Familien und Kleingruppen, sodass dort am Ende vielleicht 60 Menschen wohnen.“ Dabei solle man, so der Rat des Experten, auch die Nachnutzung nicht außer Acht lassen. Schaffe man jetzt bereits die Voraussetzungen für das Wohnen in kleineren Gruppen, sei später vielleicht betreutes Wohnen denkbar, ohne dass noch einmal sehr viel umgebaut werden müsse. Gleichzeitig kämen dabei allerdings beim nun anstehenden Umbau höhere Kosten auf die Kommune zu, weil mehrere sanitäre Anlagen entstehen müssten.

Bürgermeister Heiko Traulsen muss derweil die sich ständig verändernden Flüchtlingszahlen im Blick behalten. „Bis zum ersten Quartal in diesem Jahr hat man uns 150 Asylsuchende avisiert“, sagt er. „Der Stand vor einem Jahr sah eigentlich so aus, dass die Stadt die Hans-Christian-Andersen-Schule verkaufen wollte. Das ist jetzt alles vom Tisch.“ So lange keine Entspannung in der Zuwanderung abzusehen ist, muss der Fokus darauf liegen, sich alle Optionen offen zu halten. Auch wenn Matthias Wohlenberg die Situation bewusst ist, sagt er: „Man sollte nicht in Panik verfallen, sondern eine Lösung mit Sinn und Verstand suchen, die möglichst geringe Kosten verursacht.“ Tausende traumatisierte Menschen an den Grenzen mit der Hoffnung auf ein besseres Leben sind immer noch Ansporn genug.

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