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Kappeln : Fahrradkurs als Integrationshilfe

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Theorie und Praxis: In der Gorch-Fock-Schule ist der erste Verkehrsunterricht für Flüchtlinge gestartet.

shz.de von
erstellt am 09.Apr.2016 | 08:00 Uhr

Der erste Fahrradkurs für Flüchtlinge ist gestartet. Nachdem Jürgen Raddatz, einer der Leiter der Fahrrad-Werkstatt, die Idee zu einem solchen Kurs hatte, haben nun 20 Teilnehmer an der Gorch-Fock-Schule ihre ersten Stunden Verkehrsunterricht hinter sich gebracht.

„Von den im vergangenen Jahr gemeldeten 37 Verkehrsunfällen in Schleswig-Holstein, an denen Flüchtlinge beteiligt waren, waren allein 26 Fahrradunfälle.“ Tendenz zunehmend. Dies sagt Dietmar Benz, Vorsitzender der Landesverkehrswacht. Benz begründet die hohe Zahl an Fahrradunfällen damit, dass in den Herkunftsländern mancher Flüchtlinge nicht Fahrrad gefahren werde, weil es zu gefährlich sei oder aber es herrschten dort andere Regeln als hierzulande. „Wir müssen etwas tun, sonst fällt uns das knallhart auf die Füße“, so Benz. Einen erster Schritt in diese Richtung sind solche Fahrradkurse, wie sie die Landesverkehrswacht hier in Kappeln anbietet.

250 Euro kostet ein Kurs für durchschnittlich 15 Teilnehmer. Darin enthalten sind Versicherungsgebühren für die Flüchtlinge, wie auch Aufwandsentschädigung für den Moderator. Moderator ist in Kappeln Rolf Greulich. „Der Mann ist für uns ein absoluter Glücksfall“, wie Benz sagt. Greulich, früher selbst Polizist in Bochum, verfügt über 18 Jahre Erfahrung in der Verkehrserziehung.

Die ist auch nötig, denn gerade in diesem Punkt ist Greulich besonders gefordert, schließlich hat er es mit Menschen aus verschiedenen Ländern zu tun. Da nicht alle Teilnehmer sofort die Bedeutung der Verkehrszeichen erfassen, hat er die Erklärungen in seinen Power-Point-Präsentationen bebildert. „Dies ist nicht nur ein Fahrrad-, es ist auch ein Integrationskurs“, sagt der Leiter. So mache er stets deutlich, dass es hierzulande eine große Freiheit gebe, die jedoch dort enden würde, wo die Gleichheit des anderen gefährdet sei.

Greulich kann auf ein Netzwerk zurückgreifen, das ihn unterstützt. Die Schule stellt den Veranstaltungsort, die Stadt ist der Auftraggeber, die Landesverkehrswacht sorgt für die Unterrichtsinhalte und die Polizei für die Nachhaltigkeit, indem sie bei der Überprüfung hilft. Und dann ist da noch die Fahrradwerkstatt, die die Räder zur Verfügung stellt.

Und wenn Greulich wirklich mal nicht mehr weiter weiß, dann gibt es da noch immer Mahmoud Kheirabadi, einen 39-Jährigen, der aus dem Iran geflohen ist und seit einem Jahr in Kappeln lebt. Kheirabadi dolmetscht für Greulich im Unterricht. Der mittlerweile in Grödersby wohnende Ex-Polizist sagt über seinen Helfer: „Mit Mahmoud ist das ideal, ohne ihn würde das gar nicht funktionieren.“ Kheirabadi ist bereits im Iran Fahrrad gefahren. Dennoch hat er schon in diesem Kurs ein Menge gelernt: die Bedeutung von 84 Verkehrsschildern. „Dieser Kurs ist eine gute Idee, damit sinkt die Unfallgefahr“, sagte der Iraner. Darüber ist er sich mit seinen Verwandten einig. Bei den iranischen Frauen, denen in der Heimat das Fahrradfahren verboten war, gebe es häufig auch Angst vor dem Fahrradfahren. Die praktischen Übungen im Slalomparcours oder das einhändige Fahren beim Anzeigen des Abbiegevorgangs, würden das Gefühl fürs Gleichgewicht verbessern. „Und es macht auch Spaß“, sagt Mahmoud Kheirabadi, und dann fährt er den Parcours fehlerfrei ab.

 


> Die Fahrradkurse für Flüchtlinge gehen weiter. Start für den nächsten zweitägigen Unterricht ist am Donnerstag, 28. April, in der Gorch-Fock-Schule. Dieser Kurs richtet sich an Flüchtlinge aus dem arabischen Raum. Bis zum 13. Juni werden drei weitere Kurse angeboten, darunter auch für Afghanen und Flüchtlinge aus Nordafrika.

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