Exportschlager von der Schlei

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19. August 2011, 03:59 Uhr

April 1885

Das Leben ist doch ein ewiges Auf und Ab, das habe ich gerade im vergangenen Jahr deutlich gespürt. Nach unendlich vielen schönen Stunden gemeinsamen Musizierens, Lehrens und Lernens hatte ich mich sehr an die ständige Anwesenheit meines jungen blonden Lehrers Rodensee gewöhnt. Im Dezember stand er unvermittelt vor meiner Türe und bat mich um Verzeihung und Verständnis. Zu Weihnachten würde er seine Verlobung mit Fräulein X bekannt geben und dann schicke es sich nicht mehr, eine verheiratete Frau aufzusuchen. Zugegeben, ich musste um meine Haltung kämpfen, doch dann gratulierte ich ihm freundlich. Erleichtert zog der Herr von dannen.

Und nun geschah etwas gänzlich Unerwartetes. Mein biederer Wilhelm bemerkte meine Traurigkeit und lud mich zu einer kurzen Reise nach Schleswig ein, weil ich doch so gerne einmal das Schloss Gottorf sehen wollte. Unterm Weihnachtsbaum lag ein dickes Buch von einem Herrn Adam Olearius geschrieben, Hofbibliothekar im Schloss Gottorf um 1600. Er berichtete von einer aufregenden Reise nach Moskau und Persien. Wie gerne ich im Geiste mich an dieser Reise beteiligte, merkte ich erst, als Wilhelm mir von dem Zollamt berichtete, das immer noch in einer Baracke auf einem Ponton im Hafen untergebracht war. Das dürfe in kaiserlich-preußischen Zeiten doch nicht sein, solch ein Armutszeugnis. Am liebsten hätte Wilhelm sofort ein imposantes Zollgebäude geplant, mit ein paar Federstrichen zeichnete er sein Idee auf, und unsere Tochter spottete liebevoll, sie könne ja schon einmal ausrechnen, was der Herr Papa an Ziegelsteinen brauche.

Wilhelmine ist im letzten Jahr sehr gewachsen und überragt mich bereits, dabei ist sie gerade mal 14 Jahre alt. Da wird ihr Herr Vater sicher bald die Kater davon jagen müssen, die ums Haus streichen.

Auf meine Frage, warum Kappeln denn überhaupt ein Zollamt brauche, wir lägen doch nicht an einer Grenze, erklärte Wilhelm geduldig, dass die Schlei ein Arm der Ostsee sei und diese die Grenze zu Dänemark, den baltischen Staaten und Russland bilde. Kappeln exportiert viel, mehr als man auf den ersten Blick glaubt. Da seien die Fischräuchereien, die das Silber des Meeres, den kleinen Hering, in blankes Gold, die geräucherten Sprotten, verwandele und in alle Welt versende. Da sei auch unsere Ziegelei und die Eisengießerei in der Fabrikstraße, die dem bekannten und angesehenen Anwalt Carl Eduard Claussen gehört, die moderne landwirtschaftliche Geräte, Öfen und Herde und sogar Windmotoren mit Windrädern produziert. Unsere Schiffe fahren auf allen Meeren, wo immer sich Fracht bietet, und bringen Kolonialwaren mit zurück. Über all das wacht der Zoll, damit ausländische Erzeugnisse unser deutsches Gut nicht unterwandern mit billigen Preisen.

Staunend sah ich Wilhelm an, soviel Engagement hatte ich meinem behäbigen Gatten gar nicht zugetraut. Meine Achtung vor ihm wuchs in mir, und durch die geöffneten Fenster hörte ich, wie Minchen mit Jan schäkerte.

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