Zum Abwracken nach Stettin : Ex-Butterdampfer auf letzter Fahrt

Schiffsbergung zwecks späterer Verschrottung: Die 'Atlantis II' wird gehoben, damit die Schifffahrt in Netzelkow nicht länger gefährdet wird. Foto:  dpa
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Schiffsbergung zwecks späterer Verschrottung: Die "Atlantis II" wird gehoben, damit die Schifffahrt in Netzelkow nicht länger gefährdet wird. Foto: dpa

Das Fahrgastschiff "Atlantis II" fuhr jahrelang von Kappeln nach Sonderburg / Nachdem es vor Usedom gesunken war, wird es nun in Stettin abgewrackt

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27. April 2013, 07:04 Uhr

Kappeln/Lütow | "Die Atlantis II war ein schönes Schiff", sagt Jörg Fieck. Schöne Formen mit ausgeprägtem Bug und Heck habe die "Atlantis II" gehabt. "So wie Schiffe eben aussehen sollen." Schiffe sind Fiecks Hobby, sein Vater ist zur See gefahren und hatte ein Archiv aus Daten und Fotos von zahlreichen Schiffen. Jörg Fieck hat das Archiv übernommen und weitergeführt, und auch über die "Atlantis II" lässt sich da viel finden.

"Die Atlantis II war in Kappeln ein beliebtes Fotomotiv für Postkarten", sagt Fieck und holt zum Beweis einige Postkarten aus einem Umschlag. Der Kappelner kennt das ehemalige Butterschiff, das mit einer einjährigen Unterbrechung von 1970 an einige tausend Mal von Kappeln nach Sonderburg fuhr und wieder zurück, ganz genau. "Ich bin selbst so an die 20 bis 25 Mal auf dem Schiff mitgefahren", sagt er. Und dort an Bord habe er sich immer wohl gefühlt, richtig gemütlich sei es da gewesen.

Von der Gemütlichkeit ist nichts mehr geblieben. In Netzelkow (Gemeinde Lütow) auf Usedom, ihrem notgedrungen letzten Heimathafen, liegt die "Atlantis II" mit zahlreichen eingeschlagenen Scheiben. Holger Brydda, Leiter des Wasser- und Schifffahrtsamtes (WSA) Stralsund, sagt: "Zuletzt hausten hier die Vandalen und die Möwen." Die "Atlantis II", einst eine Zier, ist längst zum Schandfleck in der dortigen Urlaubsregion geworden. Als der Dampfer Netzelkow anlief, sollte er ursprünglich nur zwei bis drei Wochen dort Zwischenstation machen. Doch nachdem die Reederei Konkurs ging, lag das Schiff etliche Jahren herrenlos an einer Brücke. Die Eigentümer waren nicht mehr ausfindig zu machen. Die Zeit verging, das Schiff geriet in Vergessenheit.

Und als ob sie auf sich aufmerksam machen wollte, sank die "Atlantis II", die im Helgoland-Verkehr Schwerwetter und grober See trotzte, zwei Mal im sicheren Hafen. Ein Untergang gegen das Vergessen. Zuletzt aus unbekannter Ursache im vergangenen Herbst. Da der Winter bevorstand, ließ man das Schiff auf dem Hafengrund. Doch dort trieb es bis in die Fahrrinne ab. Das Wasser- und Schifffahrtsamt gab die Bergung in Auftrag und muss nun für die flüchtigen Eigentümer die Kosten vorstrecken.

In dieser Woche sollte das Unternehmen Baltic Taucher die "Atlantis II" wieder an die Wasseroberfläche holen. Für das Rostocker Unternehmen ist das Routine. Geschäftsführer Jens-Olaf Pap erklärt: "Aufwendig ist es lediglich, in das Schiff reinzukommen und es abzudichten, dann wird mit vielen Pumpen das Wasser abgepumpt." Dabei gehe es nicht darum, jedes Leck zu finden. Entscheidend sei nur, dass mehr Wasser aus dem Schiff herausgepumpt wird als hineindringen kann. So würde das Boot durch den Unterdruck wieder an die Wasseroberfläche gelangen. Insgesamt haben die Taucher eine Pumpleistung von 2000 Kubikmeter pro Stunde zur Verfügung. Die Bergung klappt ohne Probleme, dann wird der Rumpf von innen und außen untersucht.

Die Eleganz des Schiffes ist dahin, doch im Innern gibt es noch einiges, was an die stolze Vergangenheit erinnert. Im Fahrgastraum findet sich ein Zettelblock mit der Aufschrift "Indkøbs coupon" für die Route Apenrade-Langballig - ein Relikt aus der Zeit der Butterfahrten. So wie die Sitzbänke, der Tresen oder die Kassen im Verkaufsraum, deren Laden offen stehen wie nach einer Inventur. Doch der Schlamm in den Kabinen und der modrig-stickige Geruch nach Diesel und Algen verdrängen schnell die nostalgische Butterdampfer-Romantik.

Nach der Bergung und der Sicherung des Schiffes untersucht das Taucher-Team den Rumpf. "Der Rumpf ist stabil genug für diese Fahrt", sagt Pap. Die Rede ist von der letzten Fahrt vor dem

Abwracken. Die "Atlantis II" oder das, was von ihr übrig geblieben ist, wird vor ein Schubschiff gespannt. Dazu werden auf dem ehemaligen Butterdampfer Schweißarbeiten für die Anschlüsse vorgenommen, das Deck wird von zwei Masten und dem Schornstein, der ohnehin nur Attrappe war, befreit, damit der Steuermann des Schubschiffes freie Sicht nach vorne hat. Gestern um

7 Uhr morgens: Die "Atlantis II" tritt ihre Fahrt ohne Wiederkehr an. Es geht nach Stettin. Die polnische Stadt war ursprünglich auch das Ziel der "Atlantis II", als sie 1996 in Netzelkow nur Zwischenstation machen wollte. In Stettin sollte der Dampfer damals umgebaut werden - nun wird er dort abgewrackt.

Das Bergungsunternehmen lässt zur Sicherheit ein Stromaggregat und mehrere Pumpen an Bord, damit die "Atlantis II" nicht zum dritten Mal sinkt, wenn während der Fahrt nach Stettin ein Leck auftritt. Der Stralsunder WSA-Chef Holger Brydda ahnt: "Fans blutet da sicherlich das Herz. Doch für alle anderen ist es nur noch ein herrenloses Schiff, ein Wrack, das sich nicht mehr lohnt zu reparieren."

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