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Antiquitäten in der Querstrasse 4 : „Es gibt fast nichts, was es nicht gibt“

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Anna Jacobsen führt den Trödelhofladen von Sammler Franz Birkenheuer weiter.

shz.de von
erstellt am 20.Apr.2017 | 05:53 Uhr

Kappeln | „Ach, guck mal, so einen Topf hatte Oma auch“ oder „Der Roller erinnert mich so an meine Kindheit“ – solche Ausrufe hört sie oft. Manchmal stehen 15 oder 20 Spaziergänger vor ihrem Gitter und schauen rein: Anna Jacobsen ist die Frau, die den Trödelhof in der Querstraße betreibt.

„Ich habe schon als Sechsjährige Vasen und alte Dinge gesammelt“, sagt Anna Jacobsen und lacht. Während gleichaltrige Mädchen mit Puppen spielten, hatte sie ihre Leidenschaft für Antiquitäten entdeckt. Dass sie nun seit sieben Jahren den Trödelhofladen führt, hat aber noch eine andere Geschichte. Sie hat die Sammlung von Franz Birkenheuer übernommen, und ihr Geschäft trägt auch heute noch seinen Namen.

Franz Birkenheuer kam 1946 als Flüchtling nach Kappeln. Reißverschlüsse, Garn, Wolle – er verkaufte Kurzwaren. Zuerst im Bauchladen an die Frauen, die nach der Schicht aus der Fabrik an der Schlei kamen, später in einer Verkaufsbude dort, wo heute die Fährschänke steht. „Mein Vater hatte da auch eine Bude. Ich kannte Franzi seit meiner Kindheit“, erinnert die 68-Jährige sich, die damals noch Anna Schiesewitz hieß. Schnell stellten die beiden fest, dass sie eine ähnliche Sammelleidenschaft hatten, und auch als die junge Frau später mit ihrem Mann nach Flensburg zog, blieben sie in Kontakt. „Er war ein echtes Original, ein Zauberer und Charmeur, gebildet und gewitzt“, sagt Anna Jacobsen über ihn.

Sein Geschäft lief gut, und Franz Birkenheuer war sparsam. Er kaufte mehrere Häuser in Kappeln und betrieb eine Strickfabrik in Lüttfeld. „Er hat sogar die Laufmaschen der Seidenstrümpfe geflickt“, sagt Anna Jacobsen und lacht. Und nebenbei hat er gesammelt, gesammelt, gesammelt. Nach dem Tod seiner Frau, Mitte der 90er-Jahre, bat er sie um Hilfe. „Ich hatte schon als junge Frau den Wunsch, einen Antiquitätenladen zu führen und half gern aus“, sagt Anna Jacobsen. Seit 1995 leitet sie den Trödelhof. Sie fuhren gemeinsam auf Flohmärkte und suchten nach Maritimem oder landwirtschaftlichen Geräten. „Viele Händler kannten ihn schon und haben zum Beispiel Wagenräder, Schiffslampen und Milchkannen für ihn zurückgelegt“, berichtet Anna Jacobsen. Ihre Verbindung war eng. „Wir haben uns ohne Worte verstanden.“ Für sie war es selbstverständlich, den Laden weiterzuführen, als Franz Birkenheuer im Sommer 2010 im Alter von 93 Jahren starb. „Es war sein Lebenswerk. Er konnte die Vorstellung nicht ertragen, dass nach seinem Tod alles im Container landen würde“, sagt sie. Durch Nießbrauch hat Anna Jacobsen das lebenslange Nutzungsrecht für den Hof und das angrenzende kleine Haus. Von April bis Ende Oktober hat sie geöffnet. „Es gibt fast nichts, was es nicht gibt“, sagt sie selbst. Es wird gehandelt und gefeilscht. „Das ist im Trödelladen und auf Flohmärkten nun mal so“, sagt die Händlerin. Verschleudert werde aber nichts, und an manchen Gegenständen hängt sie ganz besonders. Manchmal kommen Einheimische, aber oft sind es Urlauber, die sich die Zeit zum Stöbern nehmen. „Einige schauen Jahr für Jahr wieder rein oder schreiben mir Postkarten“, sagt die Sammlerin.

Anna Jacobsen mag ihren Sommerjob. Aber, wenn man ehrlich ist, „davon leben kann man nicht“, gibt sie zu. Die Geschäfte seien rückläufig, die Kosten wie Versicherung, Steuern, Fremdenverkehrsabgabe müssen trotzdem gezahlt werden. Deshalb kauft sie auch so gut wie nichts mehr an. Deshalb und weil die angrenzenden Lagerräume immer noch bis unter das Dach gefüllt sind. „Die jungen Leute heute haben keine Sammelleidenschaften mehr“, vermutet die Händlerin. Urlaub, Smartphones, Filme – die Interessen haben sich geändert. Dennoch bleibt die Rentnerin ihrem Trödelhof treu. „So lange ich kann“, sagt sie auf die Frage, wie lange sie das Geschäft noch weiterführen will. „Aus Liebe den alten Sachen und aus Dankbarkeit Franz Birkenheuer gegenüber. Er wäre in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden.“


> Der Trödelhof hat montags bis freitags von 10 bis 13 Uhr geöffnet, in den Sommermonaten auch am Sonnabend.

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