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Schlei-Bote

16. Dezember 2017 | 00:52 Uhr

Erleichterung und neue Sorgen

vom

shz.de von
erstellt am 16.Aug.2013 | 03:09 Uhr

November 1916

Liebster Carl,

wie froh ich bin, dass Du lebst und es Dir gut geht. Dein letzter Brief brachte die Erleichterung und machte die täglichen Sorgen ein wenig erträglicher.

Wir leben auch, aber wie ! Geld hilft jetzt nicht mehr viel, es gibt kaum noch etwas zu kaufen. So gut es geht, versorgen wir uns selbst, Meta hält Ziegen im Garten, und bei uns scharren ein paar Hühner. Wir haben so viel Obst und Gemüse selbst angebaut und eingekocht, wie nur irgendwie möglich. Oft scheiterte es an den dafür notwendigen Materialien. Gummiringe für die Einweckgläser gibt es nicht mehr, aber Mutter hat noch etliche der Drahtbügel, die nicht so empfindlich sind. Pilze gab es in diesem Jahr kaum, es war zu trocken, dafür aber Bucheckern, die zur Ölgewinnung dienen. Wer sie sammelt und abgibt, der bekommt Gutscheine - für Steckrüben vielleicht, denn ich befürchte, dass uns ein neuer Steckrübenwinter ins Haus steht. Ob Mutter das überlebt ? Sie ist krank, mehr als sie zugeben will, der Arzt gab mir eine Bescheinigung, damit ich einen Antrag auf Gewährung von Fettzuschüssen ( Butter und Milch) stellen kann. Hoffentlich geht das schnell, denn Mutter verfällt mir unter den Händen.

Meta ist mir eine große Hilfe, sie betreut Julchen und bleibt bei Mutter, wenn ich zur Schule gehe. Kinder, die unterrichtet werden müssen, die gibt es zum Glück noch. Alexander ist mir keine Stütze. Die Feldarbeit ist vorbei, und nun treibt er sich oft am Hafen herum und sucht Kontakt zu den heimgekehrten, verwundeten Soldaten, die mit ihren Heldentaten angeben. Das ist doch kein rechter Umgang für unseren Sohn.

Mein geliebter Carl, vielleicht kommst Du ja an diesem Weihnachten, nur dieses wünscht sich Deine Wilhelmine Fort Vaux , Ende November 1916

Lieber Alexander,

dieser Brief ist nur für Dich, mein Sohn. Auf die Rückseite dieses Blattes habe ich Dir aufgezeichnet, wie die Gefechtslinien hier aussehen und wo wir gerade sind. Von Deiner Mutter weiß ich, dass Du alles auf einer selbst gemalten Landkarte verfolgst. Darauf bin ich sehr stolz. Noch bist Du zu jung, um in den Krieg zu gehen, aber Du verstehst, dass Deine Pflicht, zu Hause auf Eure Familie aufzupassen, dem Vaterland ebenso gut dient. Damit Ihr, Deine Mutter, Julchen und Du, einmal in Frieden und Freiheit leben könnt, dafür nehme ich all die Ängste, Risiken und Grausamkeiten gern auf mich und auch den Tod, wenn er mir denn bestimmt ist.

Krieg ist nicht schön, es ist Elend, Schmerz, Gewalt und jeden Tag eine neue Überwindung, dem Feind gegenüber zu treten und nicht zu wissen, ob man jemals seine Liebsten wiedersehen wird. Ich bedaure, dass ich Euch nicht aufwachsen sehe, bisher nicht Euer schönes Kappeln, die Schlei und die Ostsee kennen lernen durfte. Doch ich bete zu Gott, dass dies alles eines nicht zu fernen Tages so kommen wird. Dann, mein Sohn, werde ich Dich voller Stolz in meine Arme nehmen. Ich denke in großer Liebe an Dich, Dein Vater

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