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„Der Stadtgeschichte auf der Spur“ : Erfolgreiche Spurensuche des Archivars

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Peter Wengel und der Schlei Bote bitten Leser seit November um Hilfe bei alten Motiven – mit guten Ergebnissen.

Ein Wasser-Cola-Mix in der Thermosflasche. Eine kleine Schale Weingummi. Zwei PC-Bildschirme. Das ist so ziemlich das Einzige, das in Peter Wengels Büro mit einem Blick auf zählbare Weise erfasst werden kann. Der Rest nämlich sprengt jede spontane Auffassungsgabe. Fotos, Negative, Urkunden, Plakate, Zeitungsausschnitte – alles in unzählbarer Menge für den Besucher. Aber gut verpackt in Schubladen und festen Kartons, in Ordnern und Regalen. Der Stadtarchivar allerdings – und das ist das eigentlich Bemerkenswerte – weiß ganz genau, wo er was findet. Ein Blick, ein Griff und er hält das Gesuchte in der Hand. Hin und wieder aber kommt es vor, dass Wengel das, was er dann da auf diesem Schwarz-Weiß-Foto sieht, nicht zuordnen kann. Dass er die Menschen nicht kennt, den Ort nicht zu lokalisieren weiß. Diese Bilder hat der Schlei Bote begonnen, in unregelmäßiger Folge zu veröffentlichen, inzwischen zehn Mal. Das Ziel: Mit Hilfe unserer Leser sollte das Rätsel um das Motiv gelöst werden. Das Ergebnis: Bei acht der zehn Bilder ist Peter Wengel inzwischen ein ganzes Stück schlauer.

Vor ihm liegt ein Ordner. In einzelnen Klarsichtfolien hat Peter Wengel jedes der veröffentlichten Bilder abgeheftet, darunter auf einem weißen Blatt Papier die Hinweise notiert, die er nach der Veröffentlichung erhalten hat. „Der Stadtgeschichte auf der Spur“ – unter diesem Titel erscheinen die Rätselbilder, und ein paar der Spuren kann der Archivar nun lesen. Das zweite Bild zum Beispiel: ein Reetdachhaus, mehr wusste Wengel nicht. Jetzt ist klar: Das Haus steht in Wormshöft. „Es war sogar einer der damaligen Bewohner bei mir“, sagt der Stadtarchivar. Er kennt nun den Hausbesitzer, weiß, was dort früher mal untergebracht war. Lauter wertvolle Informationen. Oder das dritte Bild: ein Weg, davor ein hölzernes Gatter. „Da hat mich jemand angerufen und erklärt, dass das Kieholm ist“, sagt Wengel. Der Weg sei die Abzweigung nach Maasholm. Das vierte Bild (neun womöglich zu Rosenmontag Kostümierte) machte sich sogar auf eine kleine Deutschland-Reise. „Das wurde ins Ruhrgebiet geschickt“, erinnert sich der Archivar. Gelandet ist es dort bei ehemaligen Kappelnern, die am Ende sämtliche Namen der abgebildeten Personen liefern konnten. Bei den musizierenden Gymnasiastinnen sowie den jungen Mädchen an der Kaffeetafel auf Bild 6 und 7 erfuhr Peter Wengel abgesehen von allen Namen auch das Entstehungsdatum. „Eine der Fotografierten hat sich selber erkannt und bei mir gemeldet“, sagt er. Gleiches galt für eine der Abgebildeten auf dem neunten Foto, das sechs junge Damen beim Kaffeetrinken zeigt. Und wenn diese vor über 50 oder sogar 60 Jahren Fotografierten in Wengels Archiv stehen, kann es durchaus passieren, dass sie aus dem Erzählen nicht mehr herauskommen. Wengel lächelt, dann sagt er: „Sie erzählen eben gerne, ich höre zu, und einen Kaffee gibt es auch.“ Und zu erzählen hatte sicherlich auch die frühere Lehrerin der Volksschule so einiges. 96 Jahre ist Anneliese Drews inzwischen alt, sie lebt in Süddeutschland und hat den Archivar angerufen, nachdem ihr jemand vom zehnten Bild berichtet hatte: Die junge Frau im weißen Kleid beim Schultreffen – das war sie selber.

Richtig überrascht, bis auf zwei Ausnahmen alle Bilder auflösen zu können, war Peter Wengel nicht. „Ich habe schon damit gerechnet, dass ich die Antworten bekomme“, sagt er. „Und die Menschen haben unwahrscheinlich gerne hier angerufen.“ Wohl auch, weil sie davon ausgehen können, dass der Archivar die Bedeutung dessen, was sie beitragen können zum Gedächtnis der Stadt, richtig einzuordnen weiß. 12.000 Papierbilder finden sich im Stadtarchiv, außerdem 18.000 Negative und 1200 Dias. Und regelmäßig kommen neue Bilder hinzu, denn Peter Wengel fotografiert selber – „um den Wandel der Stadt zu dokumentieren“. Die Informationen dazu kann er dann selber liefern, aber bei den alten Fotografien ist er auf Hilfe angewiesen. „Und die ist jetzt noch zu kriegen“, sagt er und hält eine Aufnahme aus den 50er-Jahren in der Hand. „In 20 Jahren vielleicht nicht mehr.“ Über andere Unterstützung freut er sich nebenbei genauso: über Praktikanten, die beim Sortieren helfen, über Pensionäre, die Bilder scannen oder die deutsche Schrift übersetzen. Zwölf Stunden arbeitet Peter Wengel pro Woche im Stadtarchiv – wenig Zeit, um so viel Zeitgeschehen aufzuarbeiten. Aber glücklicherweise gibt es ja die Leser des Schlei Boten, die ihm ein bisschen unter die Arme greifen.

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erstellt am 12.Mai.2017 | 07:00 Uhr

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