Ende nach 38 Jahren: Eine Schule existiert nicht mehr

Eine Ausstellung zum Abschied: Diedrich Weißmann hat die Historie der Christophorus-Schule in Bildern und Texten zusammengefasst. Nach dem heutigen Tag existiert die Schule nicht mehr. Foto: rn
Eine Ausstellung zum Abschied: Diedrich Weißmann hat die Historie der Christophorus-Schule in Bildern und Texten zusammengefasst. Nach dem heutigen Tag existiert die Schule nicht mehr. Foto: rn

Christophorus-Schule ist mit dem heutigen Tag Geschichte / Lehrer Diedrich Weißmann zeigt Abschieds-Bilder

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22. Juni 2012, 03:59 Uhr

Kappeln | Vor dem Nebeneingang hat ein Wagen mit Anhänger rückwärts eingeparkt. Auf der Ladefläche stapeln sich Bücher, Ordner, Videos, ganze Regale - Reste einer Schule. Nach 38 Jahren hat die Christophorus-Schule aufgehört zu sein. Auf dem Papier gibt es sie schon seit einiger Zeit nicht mehr, ihre letzten Jahren hat sie als Bestandteil der Gemeinschaftsschule rumgebracht. Im Herzen aber ist sie für viele bis zum Schluss jene Christophorus-Schule geblieben. Bis heute.

Diedrich Weißmann sitzt in der Lehrerbibliothek. Oder vielmehr in einem Raum, der mal eine Lehrerbibliothek war. Die Regale sind leer geräumt, lediglich ein ausrangierter Monitor blickt von ganz oben auf den Lehrer hinunter. Auch für Weißmann ist mit dem heutigen Tag Schluss, bereits gestern Abend hat er seinen Ausstand gegeben. 28 Jahre hat er an der Christophorus-Schule unterrichtet, die mit Abstand längste Station seiner Pädagogen-Zeit. Die vergangenen Tage hat er damit zugebracht zu entscheiden, welcher Teil des Schulinventars entsorgt und welcher hinüber in die Hindenburgstraße transportiert werden soll. Und er hat noch etwas anderes gemacht. Eine Ausstellung zusammengestellt. Einen Rückblick auf die Christophorus-Schule - in Bildern, Texten, Zeitungsausschnitten. Weißmanns Art, Abschied zu nehmen.

Feste, Ausflüge, Kindergilde, Sport, Lehrerzimmer, Unterricht - die Bilder, die die Wände gleich mehrerer Etagen des Schulgebäudes schmücken, sprechen eine eindeutige Sprache. "Sie geben gut die Stimmung wieder, die dabei herrschte", sagt Diedrich Weißmann. Seit 2001 fotografiert der 62-Jährige digital, hat, um eine Auswahl für seine Ausstellung zu treffen, "mehrere Meter Ordner" durchgearbeitet. Jetzt erzählen die Schulwände vom Richtfest 1974, vom ersten "Tag der offenen Tür" ein Jahr später, von einem Planetarium, das 1975 noch in den Köpfen manch Verantwortlicher herumspukte. Weißmann erlaubt einen Blick zurück auf die jahrelange Diskussion um Raumpläne, auf Gedankenspiele, auch die Realschule im Hüholz unterzubringen, auf ein freiwilliges zehntes Schuljahr, das an der Christophorus-Schule eine Zeit lang möglich war. Und auf beeindruckende Zahlen: 1977 zählte die Christophorus-Schule knapp 850 Schüler, galt damit als eine der größten - vielleicht sogar die größte - Grund- und Hauptschule im Kreis.

35 Jahre später steht Diedrich Weißmann im Lehrerzimmer, hinter der Wand beginnt der Aufenthaltsraum der Kollegen vom Gymnasium. In Weißmanns Augen eine gute Nachbarschaft, die er "wohlwollend kooperativ" nennt. Auch als am Ende gerade mal noch 36 Schüler die Christophorus-Schule im Hüholz vertraten, "fühlten wir uns nicht an die Wand gedrückt". Jetzt allerdings stehen schon die Presslufthämmer im Flur. Nächste Woche soll die Wand zwischen den beiden Lehrerzimmern weichen, dann erhält das Gymnasium den Platz, den es dringend benötigt.

Und auch wenn Diedrich Weißmann viel ausgemistet hat in den vergangenen Tagen, sind seine Erinnerungen nicht auf der Ladefläche des Anhängers gelandet. "Ich erinnere mich an ein sehr intensives Schulleben", sagt der Pädagoge. "Das ist die Basis, die eine Identifikation mit der Schule überhaupt erst ermöglicht." Ein "Riesenglück" nennt er seine Kollegen, die "wunderbar zusammengearbeitet haben" und an gemeinsam überwundenen Widerständen gewachsen seien.

Und dann stehen da plötzlich zwei ehemalige Schülerinnen vor ihrem Lehrer. Nicole Kammer und Marina Mann haben 2003 ihren Abschluss gemacht, neun Jahre später wollen sie von ihrer Schule, vor allem aber ihrem früheren Klassenlehrer Abschied nehmen. "Das kann ich nicht verpassen", sagt Nicole Kammer. Dafür hat sie extra einen Flug nach Neuseeland verschoben, Marina Mann ist eigens aus Heide angereist. Und zum ersten Mal ist Diedrich Weißmann fast sprachlos, blickt auf ein Plakat, das die beiden für ihn gebastelt haben und auf dem Worte wie "Vorbild" oder "sehr geprägt" stehen.

Draußen quillt der Anhänger langsam über. 38 Jahre haben Spuren hinterlassen. In den Räumen und den Menschen.

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