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Schlei-Bote

19. Oktober 2017 | 15:24 Uhr

Ein zorniger alter Mann

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Drei Stunden furioses Kabarett: Georg Schramm machte auf seiner Abschiedstournee Station in Schleswig

von
erstellt am 18.Mai.2014 | 17:31 Uhr

Ob er wirklich aufhört? Man mag es sich nicht wirklich vorstellen, dass Georg Schramm in Rente geht. Vor zwei Monaten ist er 65 Jahre alt geworden. Sein Auftritt am nächsten Sonntag in Bonn soll seine „Derniere“ sein. Sein Abschied von der Bühne nach 25 Jahren Kabarett. Für Schramms Gastspiel in der „Heimat“ auf der Schleswiger Freiheit brauchte Veranstalter Mario Hoff fast keine Werbung zu machen. Selten war ein Abend so schnell ausverkauft wie dieser. Aus ganz Schleswig-Holstein reisten die Schramm-Fans an die Schlei – und erlebten furiose drei Stunden mit Schramm in seinen Paraderollen als Oberstleutnant Sanftleben, als sozialdemokratisches Frankfurter Urgestein August und als preußisch-hanseatischen Rentner Lothar Dombrowski. Den Fernsehzuschauern der ZDF-„Anstalt“ und zuvor des ARD-„Scheibenwischer“ sind alle drei seit vielen Jahren vertraut. Was sagt es wohl über den aktuellen Zustand der SPD, dass ausgerechnet die Rolle des Genossen August nach diesem Abend am wenigsten im Gedächtnis haften blieb?

Die bissigsten Kommentare zur Politik des Jahres 2014 lieferte Schramm in seiner Rolle als Oberstleutnant Sanftleben. Warum können die deutschen Truppen nicht vollständig aus Afghanistan abziehen? Weil dann die Diskussion beginnen würde, ob der Einsatz vergeblich gewesen sein könnten. Warum führen die westeuropäischen Länder keine Kriege mehr gegeneinander? Nicht weil sie sich alle lieb haben, sondern „wegen eines eklatanten Mangels an Humankapital“. Die Geburtenrate, erklärt er in schneidig-vernuschelten Worten, ist so niedrig, dass es schlicht keine überzähligen Söhne mehr gibt, die man im Krieg verschleißen könnte.

Die Hauptrolle des Abend aber hatte Dombrowski, der Vorsitzende einer Seniorengruppe mit dem Namen „Altern heißt nicht trauern“ – die linke Hand stets an der Glocke, mit der um Ruhe bat, wenn das Publikum wieder zu frenetisch applaudierte. „So kommen wir doch nicht voran“, schimpfte er dann. „Lassen Sie mich meinen Gedanken doch einmal zu Ende führen.“ Und diese Gedanken kreisten immer wieder um einen Begriff: Zorn. Ein fast vergessenes Wort, und dabei viel stärker als die abgenutzte Wut der „Wutbürger“. Immer wieder kreiste er um ein Zitat, das er Papst Gregor dem Großen aus dem sechsten Jahrhundert zuschrieb: „Die Vernunft kann sich mit größerer Wucht dem Bösen entgegenstellen, wenn der Zorn ihr dienstbar zur Hand geht.“

Nach dem Schlussapplaus betrat eine vierte Figur die Bühne: der echte Georg Schramm. Und der war gar nicht zornig, sondern nachgerade altersmilde. Er bedankte sich beim Schleswiger Publikum dafür, dass es sehr konzentriert bei der Sache war – ganz anders, als er es sonst oft bei Auftritten am Wochenende erlebe. „Sie haben es mir ermöglicht, etwas über meinen Verhältnissen zu spielen.“

Vielleicht kommt er ja doch noch einmal zurück an die Schlei. So ganz schafft es Schramm jedenfalls nicht mit dem Karriereende, das er ursprünglich schon für das vergangene Jahr angekündigt hatte. Und auch für die Zeit nach seiner Derniere in Bonn hat er schon ein paar Termine im Kalender – wenn auch nicht mehr als Alleinunterhalter über drei Stunden, sondern zusammen mit seinem Weggefährten Urban Priol. Natürlich alles längst ausverkauft.

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