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Kappeln : Ein Sprachpraktikant im Sanitätshaus

vom
Aus der Redaktion des Schlei-Boten

Seit sechs Wochen hat Marion Kubicki einen neuen Mitarbeiter: Javad Arab ist Teheraner und seit elf Monaten in Deutschland.

shz.de von
erstellt am 10.Okt.2015 | 08:15 Uhr

Mit dem Satz „Das ist mein Sprachpraktikant“ stellt Rehatechniker Daniel Brügemann seit sechs Wochen seinen neuen Arbeitskollegen vor. Denn Javad Arab ist Praktikant im Sanitätshaus Hildebrandt und unterstützt dort nicht nur Daniel Brügemann bei seiner Arbeit, sondern lernt auch gleichzeitig die deutsche Sprache in der Praxis kennen.

Javad Arab kommt ursprünglich aus Teheran. Seit elf Monaten lebt der 38-Jährige in Kopperby-Heide. Bis heute wartet er auf seine Anhörung im Rahmen des Asylverfahrens. Als ihn sein Flüchtlingspate Jürgen Raddatz vor einigen Monaten zum Volleyball-Training des TSV Kappeln mitnahm, lernte der Iraner Marion Kubicki kennen. Die Inhaberin des Sanitätshauses Hildebrandt fasst heute zusammen: „Als Javad mitbekommen hat, was ich beruflich mache, hat er mich direkt angesprochen und gefragt, ob er ein Praktikum machen kann.“ Vorbehaltlos gab Marion Kubicki dem Iraner ihr Einverständnis. „Es gibt für Flüchtlinge kaum Möglichkeiten, sich zu integrieren, soziale Kontakte zu knüpfen und Deutsch zu lernen“, stellt sie fest. Doch der erste Arbeitstag Javads ließ auf sich warten, denn das Praktikum musste zuvor durch die Ausländerbehörde genehmigt werden. Marion Kubicki erinnert sich: „Das war ein ziemlicher Verwaltungsakt. Flüchtlinge dürfen ja nicht einfach hier arbeiten. Sechs Wochen haben wir auf eine Zusage gewartet.“ Doch dann kam sie. Drei Monate – noch bis Ende November – darf Javad Arab nun als Praktikant im Sanitätshaus Hildebrandt tätig sein und ist dabei vor allem Daniel Brügemann an die Seite gestellt. Die neue Zweisamkeit ist auch für den Rehatechniker und Medizinprodukteberater eine neue Erfahrung. „Wir sind den ganzen Tag zusammen, Javad folgt mir wie ein Schatten“, sagt Brügemann lachend.

Jeden Morgen fährt Arab mit dem Fahrrad von Kopperby zu seinem Arbeitsplatz in der Schmiedestraße. 15 bis 20 Kunden besuchen Brügemann und sein Praktikant jeden Tag mit dem Auto, liefern oder reparieren vor Ort Rehatechnik vom Rollator bis zum Rollstuhl. Brügemann ist zufrieden. „Javad ist pünktlich, immer hilfsbereit und vorbildlich. Er fragt lieber drei Mal nach und will alles richtig machen“, sagt er. Dabei gehören das Nachstellen von Bremsen oder das Festdrehen von Schrauben an den Reha-Geräten in Krankenhäusern und Privathaushalten schon zu den routinierten Handgriffen Javad Arabs.

Allein die Kommunikation stellt alle Beteiligten bisweilen vor Probleme. Der Teheraner spricht von Haus aus Farsi (Persisch), hat aber nie Englisch oder Deutsch gelernt. Marion Kubicki erklärt: „Das ist natürlich sehr schwierig, weil die Mittelsprache, also eine gemeinsame Basis, fehlt. Wenn man ein Wort erklären will, greift man in der Regel auf die englische Sprache zurück. Das geht hier überhaupt nicht.“ Mit Händen und Füßen würden Dinge nötigenfalls erklärt oder eben so gut es ginge mit Worten beschrieben, so die Geschäftsinhaberin. Und auch Daniel Brügemann hat seine Lehr- und Lernmethoden. „Im Auto liest Javad mir immer vor, was sie gerade im Deutschunterricht behandeln und dann reden wir darüber. Das meiste kommt im Gespräch, aber die Umgangssprache zu verstehen, ist ja viel schwieriger.“ Aber auch Konjugieren und die Aussprache ungewohnter Laute trainieren der Rehatechniker und der ehemalige Autohändler aus dem Iran während der Fahrt zu den Kunden. Diese reagierten übrigens durchweg positiv, erklärt Daniel Brügemann. Insbesondere die Älteren seien sehr interessiert an dem als „Sprachpraktikant“ vorgestellten Kollegen und wollen mit ihm sprechen. Anfängliche Hemmungen, bilanziert der Mitarbeiter des Sanitätshauses, habe Javad Arab abgelegt, und auch sein Sprachverständnis werde zunehmend besser. Und noch einen weiteren positiven Nebeneffekt kann Daniel Brügemann der Zusammenarbeit abgewinnen: „Ich lerne ganz nebenbei Farsi. Mittlerweile könnte ich mich schon zur Toilette durchfragen.“

Wenn Fragen oder Probleme aufkommen, wendet sich Marion Kubicki an Javad Arabs Flüchtlingspaten Jürgen Raddatz. Sie ist dankbar für das ehrenamtliche Engagement. „Die Flüchtlingspaten sind wichtig. Sie machen die meiste Arbeit, teilweise betreuen sie mehrere Familien“, sagt sie. Auch für die Flüchtlinge wie Javad Arab sei die aktuelle Situation alles andere als leicht, erklärt die Inhaberin des Sanitätshauses: „Man muss sich mal vorstellen, wie es wäre, wenn man uns plötzlich nach Teheran verpflanzt, in eine völlig andere Kultur, in der niemand unsere oder die englische Sprache versteht. Und dann ganz allein. Man muss sich fühlen wie ein Sandkorn in der Wüste.“

Bis zum 24. November wird Javad Arab das Team vom Sanitätshaus Hildebrandt unterstützen. Marion Kubicki hofft, dass sich weitere Unternehmen und Institutionen anschließen und Flüchtlingen den Weg ins Arbeitsleben ermöglichen: „Das ist immer noch der beste Weg der Integration“, ist die Inhaberin des Sanitätshauses überzeugt.

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