Original : Ein Schleswiger mit Wiener Akzent

Wandelbar: Fast 15 Jahre war Franz Kratochwil fest beim Landestheater engagiert, spielte den Gerichtsdiener Frosch in der „Fledermaus“, war Bösewicht Mammon im „Jedermann“ und schlüpfte in Hunderte andere Rollen.
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Wandelbar: Fast 15 Jahre war Franz Kratochwil fest beim Landestheater engagiert, spielte den Gerichtsdiener Frosch in der „Fledermaus“, war Bösewicht Mammon im „Jedermann“ und schlüpfte in Hunderte andere Rollen.

Der Schauspieler Franz Kratochwil ist im Norden trotz Sauerstoff-Problemen und Sprachbarrieren angekommen.

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14. Juni 2014, 08:30 Uhr

  Sie sorgen nicht unbedingt für Schlagzeilen, sind aber in ihrer Heimat bekannt wie ein bunter Hund: In unserer neuen Serie porträtieren wir gemeinsam mit der Fotografin Susanne Panozzo Menschen, die auf ihre ganz eigene Art unverwechselbar sind. Weil sie echte Typen sind – Originale eben.

Es gibt Dörfer im Kreisgebiet, in denen Familien noch nach drei Generationen als Zugezogene gelten. Kann vor diesem Hintergrund jemand als Original durchgehen, der erst seit 25 Jahren hier wohnt – und zudem noch aus Wien stammt? Er kann. Franz Kratochwil (65) ist nach fast 15 Jahren am Schleswig-Holsteinischen Landestheater, zahllosen Lesungen, Liederabenden und kabarettistischen Veranstaltungen bekannt wie ein bunter Hund, im Schleswiger Stadtbild häufig präsent und immer zu einem „Schnack“ aufgelegt – auch wenn er selbst es anders formulieren würde.

Die Karriere des jungen Franz Kratochwil verlief nicht gerade geradlinig. Nach einer Lehre als Friseur wäre er gern Journalist geworden, landete aber zunächst einmal beim VfB Stuttgart, wo er anderthalb Jahre die Stadionzeitung machte. Nach einer Schauspielausbildung bei Professor Oskar Willner am Volkstheater Wien und einige Engagements kam die Wende Richtung Norden in Form eines Castings. Horst Mesalla, der damalige Generalintendant des Schleswig-Holsteinischen Landestheaters hatte 1989 in Wien zu einem Vorsprechen gebeten, weil er Darsteller mit Wiener Schmäh’ suchte – und bot Kratochwil anschließend einen Zwei-Jahresvertrag an.

Eine der ersten Begegnungen mit der norddeutschen Lebensart hatte Franz Kratochwil beim Bäcker im ehemaligen Karstadt-Haus. Er begrüßte die Verkäuferin mit einem gesäuselten „Küss die Hand“ und bestellte zwei Kaisersemmeln und zwei Topfengolatschen. „Der Verkäuferin wäre beinahe die Zange aus der Hand gefallen“, erinnert er sich. Aber es waren noch andere Umstände, die dem Wiener die Umgewöhnung schwer machten: „Ich war anfangs immer müde, bin bei Proben auf der Bühne fast eingenickt. Zu viel Sauerstoff in der Luft. Auch der Himmel war mir zu groß, und ich wusste nicht, warum die Menschen hier auch abends Moin Moin sagen.“ Schwierigkeiten, mit den angeblich wortkargen Schleswigern ins Gespräch zu kommen, hatte der muntere Schauspieler nicht. „Nur mit den Holmer Fischern hat das nicht geklappt. Ich hab mich zu denen auf die Bank gesetzt zum Small-Talk – aber da kam gar nichts.“ Sein Wiener Idiom hat Franz Kratochwil bis heute nicht abgelegt. „Irgendwie muss ich ja sprechen. Und mit dem Plattdeutschen ist es bei mir nichts geworden.“

Fast 15 Jahre war Frank Kratochwil fest beim Landestheater engagiert, spielte hier Rollen, auf die er in Wien wegen der starken Konkurrenz Jahre hätte warten müssen. Die Rolle des Gerichtsdieners Frosch in der „Fledermaus“, als Bösewicht Mammon im „Jedermann“ und hunderte andere Rollen haben Franz Kratochwil dem Publikum sehr nahe gebracht. „Die Schauspielerei ist ein Knochenjob“, sagt der Mime. Freie Tage in der Spielzeit? „Vielleicht am Sonntag. Aber nur bis zum Nachmittag, abends ist meistens Vorstellung.“ Und reich wird man auch nicht. Zuletzt hat Kratochwil 2700 Euro brutto verdient – eine gute Gage für einen Theater-Schauspieler. Des Geldes wegen wäre er gern zum Fernsehen gewechselt, es gab Anfragen vom ORF und vom ZDF. Aber für drei Drehtage ohne Garantie auf ein festes Engagement einen sicheren Vertrag auflösen? „Da war mir der Spatz in der Hand lieber“, sagt der Schauspieler. Es wäre ohnehin nur ein Geldjob geworden: „Theater ist der Olymp – hier ist alles direkt und unmittelbar.“

Ein neuer Intendant, der mit Kratochwils Wiener Leichtigkeit nicht so gut zurecht kam („das beruhte auf Gegenseitigkeit), war schließlich der Anfang vom Ende am Landestheater. Nach 2004 gab es keinen festen Vertrag mehr. Vorbei die Zeit, in der der Apotheker, bei dem er die Kopfschmerztabletten gegen den Kater nach der Premierenvorstellung kaufte, vor der Herausgabe das Stück vom Vortag mit ihm ausgiebig diskutierte. Kratochwil, Schauspieler mit Leib und Seele, musste sich seine Streicheleinheiten in Form von Beifall und öffentlicher Anerkennung anderswo holen. „Jeder Schauspieler will sich produzieren und darf sich auch einen Hauch Eitelkeit erlauben“, sagt Franz Kratochwil, der immer wieder und gern zusammen mit seinem Freund Peter Baumann auf den kleinen Bühnen in der Region unterwegs ist. Satirische Dinner, musikalische Abende mit Zitaten von Marcel Reich-Ranicki und andere Veranstaltungen geben dem 65-Jährigen die notwendige Dosis Zuwendung und Aufmerksamkeit.

Privat beschäftigt sich Kratochwil mit Haiku. „Andere Menschen schauen stundenlang ins Aquarium, um zu entspannen. Ich schreibe japanische Kurzlyrik, die kürzeste Gedichtform der Welt.“ Nach Wien zieht ihn nichts zurück. Auf Steckrüben, Grünkohl, Sauerfleisch und Labskaus reagiert er zwar immer noch sehr skeptisch, aber er hat in Schleswig seinen Bekanntenkreis, sich mit der sauerstoffreichen Luft abgefunden und begrüßt Bäckereiverkäuferinnen nur noch in seltenen Ausnahmefällen mit „Küss die Hand.“ Der Wiener ist zum Schleswiger geworden.

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